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Der Buchmarkt vom 07.02.2012
Die unsterbliche Buchhandlung
Ich bin viel zu jung, obschon ich schon älter als 40 Jahre bin. Dennoch weiß ich so einiges über gute Buchhandlungen!
So habe ich erst neulich wieder von der Buch Handlung Welt gelesen, die Hilka Nordhausen in Hamburg betrieben hat, und die in den wenigen Jahren von 1976 bis 1983 kaum je Geld gemacht hatte, was auch an der Buchhändlerin lag – Nordhaus war so, wie eines der Bücher über sie heißt: „dagegen – dabei“.
In der Buch Handlung Welt ließ Nordhausen Monat für Monat eine Wand neu bemalen von heute zum Teil sehr gefragten Künstlerinnen und Künstlern, die Zerstörung des vorhergehenden Wandgemäldes war Teil des Programms. Ihr Buchladen in der Hamburger Marktstraße war ein Anlaufpunkt für viele, die in Hamburg aber auch über Hamburg hinaus heute von großem Einfluss waren – der gute Teil der so genannten Neuen Deutschen Welle versorgte sich dort ebenso mit Literatur wie die Jungen Wilden von der Kunstakademie, Nordhausen hielt die wichtigen amerikanischen Beat-Autoren ebenso vorrätig wie alle expressionistischen und surrealistischen Autorinnen und Autoren, die lieferbar waren. Allen Ginsberg las hier oder Vlado Kristl.
Gegründet hatte Nordhausen ihre Buchhandlung, die – laut Nordhausen-Gedenk-Website (www.hilkanordhausen.de) – ein „Projekt zwischen Konzeptkunst, Pop und Malerei, Literatur, Poesie, Film und Performance“ war, mit viel zu wenig Geld, schon nach wenigen Wochen wurde es eng, mithilfe von kleinen Krediten hielt sie sich notdürftig über Wasser. Die Buchhandlung war schließlich nicht mehr zu halten – und war zugleich, als Gerücht, als Sehnsuchtsort, unsterblich geworden.

Die Sehnsuchtsorte

Nicht anders verhält es sich mit der Stuttgarter Buchhandlung Niedlich. Wendelin Niedlich, den die Süddeutsche Zeitung einmal eine „Legende unter den Buchhändlern“ nannte, war und ist einerseits ein linker „Kulturarbeiter“ (Niedlich über Niedlich), der Anfang der Siebziger Jahre mit der RAF liebäugelte, dennoch setzte sich selbst der CDU-Bürgermeister von Stuttgart für den Erhalt seiner Buchhandlung ein, als sie schließlich 1998 nach über dreißig Jahren schließen musste.
Niedlich, ein großer Verehrer von Marcel Proust und Arno Schmidt, und heute über achtzig Jahre alt, ist ebenso wie sein Laden eine Legende geblieben. Stuttgarterinnen und Stuttgarter erzählen mit feuchten Augen über seinen Laden, und Dichterinnen und Dichter haben Niedlich und sein Geschäft in ihren Büchern verewigt.
Jung bin ich zwar, aber ich hatte das Glück doch einige der anderen legendären Buchhandlungen kennen zu lernen, die es heute auch nicht mehr gibt – etwa die Heinrich-Heine-Buchhandlung im Bahnhof Zoo in Berlin, die den Umstrukturierungsplänen der Bahn weichen musste – Literatur passte nicht ich das Livestyle-Konzept der Mehdorns. In ihr fand selbst ein Kenner des Expressionismus, als der ich doch durchgehen könnte, Bücher, von denen er noch nie gehört hatte. Die Heinrich-Heine-Buchhandlung führte diese Titel bis sie vergriffen waren. Noch einmal zwischen ihren Büchertürmen und engen Regalen stöbern zu dürfen, ist bis heute ein Traum von mir.
Oder die Huss‘sche Universitätsbuchhandlung in der Frankfurter Kiesstraße, die nur zehn Jahre, bis 1993, existierte, aber geführt wurde von der früh verstorbenen und schon zuvor sehr beliebten Buchhändlerin Melusine Huss, die ebenso eine Legende ist – inzwischen ist ein Buchpreis nach ihr benannt. Ein dunkeler Laden war das, der Geist verströmte – und nicht nur Warengeglitzer.

Geist statt Warengeglitzer

All diese Buchhandlungen sind Geschichte und Teil von Geschichten geworden, doch gibt es sie noch die guten Buchhandlungen, gibt es noch Buchhändlerinnen und Buchhändler, die selbst so literaturvernarrt sind, dass sie nicht jeden Zentimeter ihres Ladens allein unter dem Umsatzaspekt betrachten wollen.
Natürlich muss das Geschäft funktionieren, und einige der oben genannten Beispiele stehen nicht eben für Geschäftssinn – es soll hier nicht eine Buchhandlung dafür gelobt werden, dass sie verschwunden ist.
Doch soll man eben auch die feinen, richtigen Buchhandlungen loben, sollte ihnen auch im Verlagsvertrieb fair begegnen und eben nicht knausern, wenn es um Rabatte geht. Denn hier wird Literatur vermittelt, nicht im Discount-Markt. Und nur hier werden Autorinnen und Autoren erstmals mit der Droge Literatur angefixt. Und damit zu einer für uns alle produktive Abhängigkeit verdammt! Ohne die gute Buchhandlung also ist letztendlich die ganze Branche in Gefahr. Wir sollten es ihr danken.

Jörg Sundermeier


www.verbrecherei.de

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