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Der Buchmarkt vom 12.12.2011
Die Kirche als Konzernherr
Jörg Sundermeier
Der bekennende Katholik Bernhard Rieger ist Buchhändler bei Hugendubel in München, Betriebsrat, Gewerkschaftsmitglied und Gründer der sehr bemerkenswerten Initiative ProBuch-München. Nun hat er einen offenen Brief verfasst, der sich unter anderem hier (http://www.publik-forum.de/religion-kirchen/artikel/sonntagsreden-werktagsgeschaefte-online) findet.

Darin bezieht er sich auf die Begründung der katholischen Bischöfe, die beschlossen haben, sich möglichst rasch vom Weltbild-Konzern zu trennen. Den Bischöfen zufolge wollen sie sich von dem Konzern, der aus einer kleinen Klitsche entstanden ist, abstoßen, da dieser auch pornographische Bücher in großer Stückzahl verkaufe. Mit diesen Waren Geld zu verdienen sei unmoralisch, befand man, selbst der Papst habe bereits seinen Unmut darüber geäußert.
Da der Weltbild-Konzern andererseits seiner Größe wegen kaum mehr überschaubar ist, ist es unmöglich, im Sortiment auf Erotika zu verzichten oder diese ganz aus dem Sortiment zu verbannen. Schon einmal, im Jahr 2008, wollten die Bischöfe das Unternehmen aus dem nämlichen Grund abstoßen, damals allerdings fand sich offenkundig kein geeigneter Käufer. Jetzt aber haben es die Bischöfe sehr eilig.
Damals schon hörte man, was auch jetzt vielerorts gemutmaßt wird – vielleicht stimmt einfach die Rendite nicht mehr. Der Buchhandel auf großen Verkaufsflächen wird, auf bei den Marktführern, zusehends schwieriger, das Geschäft wird zu einem guten Teil mit Non-Books gemacht, die Ideen, die die Großfilialisten dem E-Book gegenüber entwickeln, wirken nicht selbst sogar ganz hilflos.

Unchristliches Verhalten

Rieger nun mahnt – als aufmüpfiges Schäfchen seiner Kirche – die Hirten an, sich christlich zu verhalten. Denn seit Jahren treibt Weltbild an seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Raubbau, es wurde erst wie wahnsinnig expandiert, nun wird „gesundgeschrumpft“, dieser Kampf um die Marktvormacht, den sich die Konzernherren in Augsburg mit dem Konkurrenten Thalia leisteten, erinnerte auch irgendwann an die Sandkastenstrategiespiele aufgekratzter Kinder. Die erst eingestellten, dann entlassenen Buchhändlerinnen und -händler aber hatten reale Sorgen.
„Hauptleidtragende dieser sehr unchristlichen Unternehmenspolitik sind die Beschäftigten“, schreibt Rieger, „Hunderte landeten bereits auf der Straße. Die Arbeitsbedingungen für die in den Filialen verbliebenen Angestellten verschlechterten sich radikal. Besonders schutzlos ist das Personal in den weitgehend betriebsratslosen Weltbildplus- und Jokers-Läden. Und auch die Hugendubel-Betriebsräte haben einen schweren Stand angesichts eines Wirtschaftens, bei dem die Orientierung des Unternehmens an den eigenen Grundsätzen aus dem Sichtfeld geraten ist.“
Wenn nun also die Bischöfe sagten, dass man das, was man Sonntags predige, auch im Alltag beachten müsse, so , folgert Rieger, seien sie verpflichtet, sich auch um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kümmern.

Moral dient dem Verkauf

Nun weiß man, dass Moral im Handel vor allem dort herbeibemüht wird, wo sie dem Verkauf dient oder wo es Pfründe zu schützen gilt. Das ist auch im Weltbild-Konzern so. Und obschon Rieger etwas Richtiges einfordert, geht seine Anklage daneben. Denn die katholische Kirche, die ja neben ihren Sozialen Einrichtungen auch große Anteile an klassischen Wirtschaftsunternehmen hält, ist nicht eben bekannt dafür, die ihr zu Diensten seienden besonders zu lieben. Sie liebte sie nie.
Es dreht sich bei ihr um Effizienz. Wäre es anders, hätten die Bischöfe interveniert, als sie offenen Auges sahen, was Carel Halff aus dem kleinen Winfried-Werk machte, indem er den kleinen Verlag und Versand für christliche Erbauungsliteratur peu a peu umbaute in einen Verlags- und Handelskonzern, dessen Produkte sehr oft alles andere als spirituell erbauend waren. Doch die Rendite stimmte offensichtlich, sodass es die Bischöfe zufrieden waren. Lediglich allzu ketzerische Buchtitel wurden aus dem Programm verbannt, doch billige Unterhaltung und Nippes ließ man gern verkaufen. Seit aber die Expansion des Unternehmens stagniert, der Filialbuchhandel in anderen Ländern bereits zusammenbricht, und die Rendite sich offenkundig kaum mehr steigern ließ, entdecken die Bischöfe ihre Moral. Sie wollen jetzt, wo es noch geht, den Gewinn mitnehmen und anderorts investieren.
Die haben sie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht, schon gar nicht, wenn etwa Betriebsräte gegründet werden sollten, da verhält sich der Weltbild-Konzern nicht anders als weit weniger christliche Unternehmen. Und nach dem Verkauf werden mit Sicherheit weitere Stellen abgebaut und die Arbeitsbedingungen werden schlechter werden, schließlich will auch der Käufer alsbald sein Geld mit Gewinn zurückbekommen. Das ist allzu offensichtlich. Die Klage über den Schmuddelkram, die die Bischöfe jetzt führen, dient wohl hauptsächlich der Verschleierung dieses Umstandes.



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