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Der Buchmarkt vom 09.07.2010
Unser Bildungsauftrag
Jörg Sundermeier
Die Bestsellerliste ist ein merkwürdig Ding. Denn in der Bestsellerliste findet sich, salopp gesagt, Scheiße neben Gold.
Zunächst zum Gold: Der Büchnerpreis für Jirgl wird sicherlich nun ein Jirgl-Buch in die Bestsellerliste oder nahe an sie heranführen. Christa Wolf hat durch die gesteigerte Medienaufmerksamkeit, die ihr verhältnismäßig langes Zögern vor der Herausgabe eines neuen dicken Buches hervorgebracht hat, sich auch einen ehrenvollen und sicher auch finanziell lohnenden dritten Platz in den nationalen Bestsellerlisten erlangen können, fällt nun aber wieder ein wenig in der Gunst der Käuferinnen und Käufer. Auch manch ein Krimi oder John Irving soll hier erwähnt sein, vielleicht sind die Bücher nicht immer allen literarischen Ansprüchen genügend, unterhalten aber bestens, und machen nicht eben dümmer.

Von der „Notwendigkeit“ der Bücher

Das kann man von der Scheiße leider nicht behaupten. Die Titel sollen hier nicht aufgeführt werden, zur Scheiße aber soll soviel gesagt sein: es gibt auf der Bestsellerliste seit Jahren eine Unzahl von Büchern, in denen nicht einmal ein Funke von dem, was Martin Walser in sehr romantisierender Weise die „Notwendigkeit“ nennt, zu erkennen ist, ja, die nicht einmal mehr behaupten, dass sie sich für Formen und Fragen der Literatur überhaupt interessieren. Sie sind nur für die Bestsellerliste konzipiert, ohne Anspruch, ohne Vergnügen, ohne Sinn. In ihnen findet sich ein Haufen heruntergestammelter Worte, der um eine dumme Handlung herum geklebt wurde, die wiederum suggerieren soll, es passiere in den Büchern etwas. Diese Texte bieten nur Zeitverschwendung, nicht Zeitvertreib. Was, siehe das Fernsehvorabendprogramm, heutzutage ja für viele ein und dasselbe ist.

Wir aber zeigen immer mit dem Finger auf das Fernsehen, denn wir halten es für Konkurrenz. Leider zurecht. Denn das, was sich in vielen Bestsellern findet, wäre als Drehbuch durchgefallen, so hässlich ist die Sprache, so dämlich ist der Plot (und das obschon selbst „Tatort“-Plots inzwischen offensichtlich von actionfixierten und wahrnehmungsgestörten Zehnjährigen ausgedacht werden).

Unterhalungsromane von Johannes Mario Simmel sind im Vergleich literarisch hochwertig

Nun hat es triviale, ja saudumme Literatur schon immer gegeben, in Groschenheftform und selbstverständlich auch in Form von Büchern – die allerdings früher immer für anspruchsvoll gehalten werden wollten und gewisse Mindeststandards erfüllten. Man hat sich noch vor anderthalb Jahrzehnten über die Unterhaltungsromane von Johannes Mario Simmel lustig gemacht, doch diese sind literarisch hochwertig im Vergleich zu den Kalauer-, Schmacht-, Bumms- und Gruselbüchern, die derzeit die Bestsellerliste bevölkern. Die Romane von Rosamunde Pilcher sind, was stilistische Mittel angeht, nicht ohne Raffinement, nur ist eben der Plot vorhersehbar – und soll es auch sein. Selbst Utta Danella hätte nie zugeben dürfen, dass sie keine Literatur produzieren will. Oder dass sie ihre Leserinnen und Leser für dumm hält.
Jetzt aber sind die Bücher derart lieblos für einen Ramsch- und Wegwerfmarkt produziert, dass man sich wundern muss, warum kein Greenpeace und kein Robin Wood dagegen protestiert, dass Bäume für diesen Schund sterben müssen.

Kulturgut Buch

Schlimmer als dies ist allerdings, dass die Verlegerinnen und Verleger dieses Mists sich hinstellen und ernsthaft von „der Buchkultur“ faseln und zeremoniell das „Kulturgut Buch“ beschwören, es drei Minuten später jedoch wieder mit Füssen treten. Wenn sie vom Kulturgut reden, reden sie von nichts anderem als vom niedrigen Mehrwertsteuersatz. Die Autorinnen und Autoren, die schreiben können, die Lektorinnen und Lektoren, die lesen können, werden zum Zeitpunkt dieser Ansprachen aus der Firma gemobbt, im selben Moment werden Unsummen Geld ausgegeben für Spielereien, von denen man nicht weiß, ja, nicht einmal wissen kann, ob sie etwas anderes bewirken werden, als nur das Ego der Chefinnen und Chefs zu befriedigen. Der Vertrieb soll Bücher in Kauftempel drücken, die keine Bücher wollen, aber der engagierte Buchhändler soll weiter schlechter Rabatte bekommen, damit hier oder da noch ein Cent mehr abfällt. Stapelware soll verkauft werden für Stapelwarenmenschen, die man für strunzdumm hält, und denen man es mit der Covergestaltung schon ins Gesicht schreit. Man macht Kinderbücher für – dem Alter nach – erwachsene Leser, bestreitet aber, sich in jener Infantilgesellschaft zu befinden, vor der Elfriede Jelinek schon in den 70er Jahren warnte.

Bildungsauftrag erfüllen

Ach je, das alles macht wütend, und Wut macht dumm. Dennoch, man muss es einfach mal aussprechen: wenn wir ein Kulturgut produzieren, liebe Kolleginnen und Kollegen, das so intellektuell wertvoll ist wie Gießkannen oder Heftklammern, allerdings weniger nützlich, dann haben wir auch den Steuersatz nicht verdient, den wir nur zugestanden bekommen, da wir etwas leisten sollen für die Gesellschaft. Mithilfe dieses Steuersatzes gibt uns der Staat einen Auftrag, den Auftrag zur Bildung. Wir müssen ihn nicht erfüllen. Doch dann sollten wir das Geld auch nicht annehmen. Oder wollen wir Betrüger sein?



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