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| Profi des Monats: 03.08.2010 |
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| Christina Knecht |
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Eine Weitgereiste in Sachen Literaturvermittlung
Portrait von Christina Knecht.
Wer Christina Knecht ein wenig besser kennt, der kann bereits am Telefon erahnen, in welcher Situation sie sich gerade befindet: Wenn man anruft und sie ihren Namen mit fester Stimme nennt, dann ist Zeit für ein längeres Gespräch. Haucht sie hingegen ein langgezogenes, etwas leidendes „Kneecht“ ins Telefon, dann weiß man: In der Hanser-Pressestelle herrscht Mega-Stress. Man sollte sich also kurz fassen. Und der Hanser-Stress gehört zum Alltag.- „Man kommt morgens ins Büro und denkt, heute erledigst du in Ruhe dies und das - und plötzlich kommt wieder alles anders. Journalistenanfragen sind oft dringend und müssen möglichst sofort beantwortet werden. Überraschender Besuch schneit ins Haus, man verplaudert sich mit einem Autor am Telefon. Oder ein unerwarteter Preis darf bekannt gegeben werden…“ Doch auch dieser Stress ist letztlich Teil des wunderbaren Hanser-Daseins von Christina Knecht. Als sie sich 1999 auf die Stelle der Presseleitung für die Hanser Literaturverlage bewarb und schließlich das Rennen gewann, überkam sie ein „unbeschreiblich großes Glücksgefühl.“ Den ganz besonderen Glanz des Münchner Verlagshauses verleitet sogar Knecht zu einem Vergleich mit der Autobranche: „Rowohlt oder S. Fischer, das sind für mich Verlage wie Mercedes oder BMW – aber Hanser ist Rolls Royce.“
Fremde Sprachen und Kulturen ziehen Christina Knecht magisch an
Mit den Marken „Rowohlt“ und „Mercedes“ verbindet Christina Knecht allerdings einiges. Bei Rowohlt war sie von 1993 bis 1997 Pressereferentin des Taschenbuch Verlags, und dann hatte sie in Elternteilvertretung die Presseleitung der Rowohlt Verlage inne.- „Bei Rowohlt habe ich mit Sicherheit mein Handwerkszeug gelernt“, so Knecht. Die Automarke Mercedes führt hingegen zu Knechts Familie: „Ich bin nämlich in Arlington, Virginia geboren. Mein Vater arbeitete damals bei Daimler Benz für sechs Jahre in den USA – und in dieser Zeit sind drei Kinder auf die Welt gekommen.“ Im zarten Alter von anderthalb Jahren kehrte sie mit ihrer Familie nach Deutschland zurück. Mit ihren Geschwistern teilte sie alsbald eine große Leselust und etablierte ihren familiären Status: „Meine zwei Brüder sind älter, ich bin die Jüngste, die Prinzessin – bis heute.“ Da sie in den USA zur Welt kam, besitzt sie doppelte Staatsbürgerschaft. Doch nur einmal hat sie diesen Trumpf ausspielen wollen: „Ich habe mich während des Studiums als Volontärin bei der Library of Congress beworben. Die wollten mich aber nicht haben - so bin ich dann als Au Pair nach Hawaii.“ Und die Reiselust ist Christina Knechts große Passion geblieben. Fremde Kulturen, fremde Sprachen ziehen sie magisch an. Destinationen sind dabei Sri Lanka, Thailand, Bali, Mauritius und öfter mal Griechenland.- Eine „ideale Erholung“, sei das Reisen, denn: „Ich habe meist nur die ersten ein, zwei Tage vorgebucht – und danach schaue ich wie es weitergeht. Das ist jedes Mal eine Herausforderung, ich muss mich auf die neue Umgebung einstellen, auf eine fremde Sprache und Kultur einlassen. Da ist im Kopf dann kein Platz mehr für Verlagsgedanken.“
Kein Verfallsdatum für Bücher
Dennoch bietet das Reisen, das Kennenlernen fremder Kulturen eine Parallele zur Knechts Tätigkeit: Ein breit angelegter Literaturverlag wie Hanser hat eben internationale Literatur zu bieten. Und da ist ein weiter Horizont bei der Pressearbeit sicher nicht von Nachteil. Apropos Horizonterweiterung. Christina Knecht, die in jungen Jahren Buchbinderin werden wollte und mit Bibliothekswissenschaft liebäugelte, aber dann doch eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändlerin beim Reclam Verlag absolvierte und Diplom-Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturvermittlung an der Universität Bamberg studierte, ist nun fast 20 Jahre im Verlagsgeschäft tätig. Und da darf man ruhig nachfragen, was sich denn in dieser Zeit Grundlegendes an der Verlagspressearbeit verändert hat. Christina Knecht denkt kurz nach, um dann den Status quo exakt zu beschreiben: Auf der einen Seite habe sich Pressearbeit professionalisiert. Selbst in kleineren Verlagen gäbe es heute Mitarbeiter, die zumindest zu einem großen Teil ihrer Zeit der Pressearbeit widmen. Oder Verlage beauftragen eben selbstständige Pressebüros mit dieser Aufgabe. Allerdings habe sich auf der anderen Seite das Buchgeschäft enorm beschleunigt.- „Das hängt mit den Medien zusammen, die immer auf die neueste Neuigkeit aus sind. Bücher laufen inzwischen Gefahr, schon nach sechs Wochen nach Erscheinen alt zu wirken. Und dass auch einige Hardcover-Verlage auf Monatsauslieferung umgestellt haben, beschleunigt diesen Trend. „Manchmal muss man deutlich daran erinnern, dass Bücher kein Verfallsdatum haben.“ so Knecht.
Damit verschärft sich aber auch der Konkurrenzkampf unter den einzelnen Medien. Wenn ein Leitmedium über ein Buch und seinen Autor eine große Geschichte bringt, dann ist das Thema für ein anderes Leitmedium oft schon nicht mehr interessant. Knechts Fazit lautet daher: „Es ist der Hype nach Exklusivität, der Run, ständig etwas Neues zu bringen, was tieferer Vermittlung von Büchern so schwierig macht.“ Der Widerspruch in sich, nämlich dass Verlage für das Buch bei Lesern mit der ersehnten Entschleunigung werben, aber andererseits die Beschleunigung im Buchgeschäft vorantreiben, sieht dabei anscheinend keiner. Aber was soll man machen!? Denn Christina Knecht hat ja recht, wenn sie betont, dass durch das Internet Medienkonkurrenz und Beschleunigung noch zugenommen haben.
Regionale Zeitungen und Hörfunk sind auch sehr wichtig
An dieser Stelle wirbt Christina Knecht für Nachhaltigkeit. Das ist ihr Credo: „Ein nachhaltiger und großer Erfolg wird nicht durch schnellen Informationsfluss über eine Neuerscheinung erzielt. Die Besprechungen in den großen Medien sind enorm wichtig und wenn sie punktgenau stattfinden, so ist das natürlich wunderbar. Aber man braucht eben auch das Radio und die regionalen Zeitungen, um eben eine breite Leserschaft zu erreichen.“ Menschen außerhalb der großen Städte würden erst einmal ihre Regionalzeitungen lesen.- „Daher muss man auch hier mit seinen Büchern präsent sein. Und in den Regionalzeitungen schreiben kluge und engagierte Leute kluge und engagierte Literaturkritiken.“ Die Bedeutung des Radios sieht Knecht sogar im Wachsen begriffen: „Gerade bei den öffentlich rechtlichen Sendern gibt es tolle Programme - von Buchbesprechungen, über Interviews bis zu Features. Da wird mitunter eine kleinere Hörerschaft angesprochen, aber es ist eine interessierte Gruppe. Wer Wortsendungen einschaltet, hat per se Interesse am Wort und somit an Büchern.“
Der Carl Hanser Verlag ist noch einer, der Mischkalkulation betreibt. Das heißt, Bestseller finanzieren so genannte „schwierige Literatur“ mit. Da ist es schon eine Kunst, so manches Buch ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Unmöglich ist das allerdings nicht, wie Knecht meint: „Kein Buch muss durch den Rost fallen. Wir hier bei Hanser haben einen sehr genauen Verteiler. Und der Job der Presseleute ist es eben, für jedes Buch die richtigen Ansprechpartner zu finden.“ Der Carl Hanser Verlag versteht sich als Autorenverlag. Und jeder Autor hat da so seine Wünsche und Vorstellungen. Da ist sicher Diplomatie gefragt. Besser gesagt, die Presseverantwortlichen und die Autoren müssen einander gut kennen, um so Vertrauen aufzubauen: „Man bespricht mit den Autoren gemeinsam, welche Journalisten, welche Medien für ihre Bücher besonders geeignet sein könnten. Auch wenn die Hoffnungen und Erwartungen groß sind, Unmögliches hat dabei noch nie ein Autor von mir verlangt“, beschreibt Knecht die Situation. Ein gutes Fallbeispiel ist sicherlich Arno Geiger. Seine ersten Bücher waren ja keine Publikumserfolge – und dann wurde er der erste Preisträger des Deutschen Buchpreises. „Natürlich war da auch ein wenig Frustration im Spiel“, sagt Knecht, um gleich zu ergänzen: „Arno Geiger hatte ja schöne Presseresonanzen, nur mit dem Verkauf der Bücher hat es nicht immer so geklappt. Unsere Aufgabe ist es, dem Autor die Sicherheit zu geben, dass wir von der Pressestelle alles für ihn und sein Buch unternehmen.“
In letzter Zeit hat sich allerdings Grundlegendes verändert: „Bei der medialen Präsenz, die von Autoren heute erwartet wird, reicht es nicht mehr aus, ein gutes, interessantes Buch zu schreiben, sondern der Autor soll auch noch sein eigenes Buch selbst erklären. Das geht mir manchmal auf die Nerven, muss ich ehrlicherweise sagen.“ Daher ist es heute für Presseverantwortliche in Verlagen besonders wichtig, die Mentalität eines Autors gut zu kennen. Denn auch für diejenigen, die den ganzen medialen Rummel so nicht mitmachen wollen, müssen Plätze der Präsenz gefunden werden. „Autoren, die etwas zurückhaltender sind mit ihrer Meinung, schätzen Journalisten als Interviewpartner, die auf sie zugehen. Wenn der Autor im Gespräch von seinem Gegenüber Wertschätzung erfährt, dann klappt die Sache auch meist“, ist Knecht überzeugt.“
Cola Light für T.C.Boyle oder Äpfel für Anna Gavalda im Handgepäck
Zu den schönsten Dingen mit durchaus skurrilem Hintergrund gehören die Lesereisen mit den Autoren. Denn: Wer miteinander viele Stunden in Zügen, auf Flughäfen und in Taxis gemeinsam verbringt, der lernt den anderen ganz gut kennen. Christina Knecht ist Profi und hat kleine Strategien entwickelt, um die recht anstrengenden Reisezeiten für den Autor - und sich selbst! - so angenehm wie möglich zu gestalten: „Man hat Cola Light für T.C.Boyle im Handgepäck, für Anna Gavalda darf es ein grüner Apfel sein; Aspirin, Lesebrille, Vitamintabletten, Oropax und Schlafbrille, Müsliriegel gehören sowieso zur Grundausstattung. Und wenn Umberto Eco beschließt, zum Reisestart mit dem Rauchen aufzuhören, verlegt man Interviews kurzerhand in die Hotelbar – ein guter Bourbon kann sehr entspannend wirken“, weiß Knecht zu berichten. Doch manchmal hat das Reisen mit Autoren durchaus kriminalistische, ernste Aspekte: „In der Vorbereitung großer Auftritte von Orhan Pamuk oder Roberto Saviano entwickelt man sich unweigerlich zum Sicherheitsexperten. Man verhandelt mit Polizei und Landeskriminalamt. Man reist mit Personenschützern in gepanzerten Limousinen und unter Pseudonym.“
Mit Journalisten auf Augenhöhe
Bei der Pressearbeit kommt es sicherlich öfters zu Freundschaften mit den betreuten Autoren. Sympathie (oder Antipathie) gibt es auch in der Zusammenarbeit mit Journalisten und Redakteuren. Wo aber liegt hier die Grenze zwischen Informationslieferung, Betreuung und Anbiederung? Es gibt ja Menschen in der Verlagswelt, die meinen, Pressearbeit sei nichts anderes als intelligente Anbiederung.- „Da möchte ich klar widersprechen“ sagt Knecht. Sicherlich würden die die Sympathien, die dem Hanser Verlag entgegengebracht werden, die eigene Arbeit erleichtern, doch ganz allgemein gilt: „Als Verlagspressemensch sollte man sich nicht klein machen oder als Bittsteller agieren. Auf gleicher Augenhöhe mit dem Journalisten und Redakteuren zu kommunizieren, scheint mir der richtige Weg zu sein.“ Denn man habe ja gute Informationen und interessante Geschichten in der Tasche und daher könne man seine Position durchaus mit Selbstbewusstsein vortragen. Aber natürlich dürfen Journalisten erwarten, dass Presseverantwortliche wissen, wo ihre Vorlieben und Interessen liegen. Dies sei allerdings einfach „eine Frage des Interesses am Gegenüber und der Erfahrung. Und das kann man lernen“, so Knecht.
Der Carl Hanser Literaturverlag ist ein Liebling des Buchhandels. Und neben einer Nobelpreisträgerin kann man sich im Haus auch über viele andere Preisträger freuen. Wie schnell gewöhnt man sich daher an den Erfolg und erwartet auch, dass er immer wieder eintritt? Christina Knecht seufzt und gibt eine äußerst ehrliche Antwort: „Leider sehr schnell. Der Erfolg hat sich ja über die Jahre konstant gehalten. Das ganz große Loch, wenn es über ein Jahr ganz still sein sollte, kenne ich nicht. Man darf es sogar genießen, wenn man als Pressefrau auch einmal mit dem Autor im Mittelpunkt steht. Ja, das darf man schon.“ Es scheint, dass Christina Knecht zu ihrem Glück nur eines fehlt: ein wenig mehr Zeit und Muße.- „Man hat oft das Gefühl, es zerfließt einem alles in der Hektik des Alltags.“ Doch ein wenig Muße bekommt sie bald: Der Sommerurlaub steht vor der Tür. Da wird sie wieder auftanken, um dann mit alter Frische an der Pressefront für die Bücher und Autoren des Hanser Verlages weiterzukämpfen. Denn eines gilt für Christina Knecht nach wie vor: Langeweile oder existentieller Jobfrust haben sie bei der Pressearbeit noch nie heimgesucht.
Text von Andreas Trojan
www.hanser.de
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