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| Literaturtipp |
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| Klatsch. Tratsch. Und Inszenierung. |
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„Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert.“
Später Sonntagvormittag.
Irgendwo in Deutschland.
Ein Paar sitzt noch am Frühstückstisch.
Zeitungsgeraschel.
Er liest. Blättert um. Liest weiter.
Sie schaut gedankenverloren aus dem Fenster. Die Arme auf den Tisch gestützt, die große Milchkaffeetasse mit beiden Händen festhaltend, nippt sie an ihrem Café au Lait.
„Hör mal, Schatz. Das klingt interessant.“
„Bitte?“
Sie setzt ihre Kaffeetasse ab. Blickt zu ihrem Mann herüber. Lehnt sich zurück.
„Ich schau' grad, was heut' Abend im Fernsehen läuft. Um viertel nach acht ist auf Kultur TV ein Zusammentschnitt von Promiinterviews zu sehen.“
„Aha. Und wer ist mit dabei?“
„‚30 herausragende Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Sphären Deutschlands - von Politik über Wirtschaft, Wissenschaft, Religion bis zu Sport und Entertainment - geben Auskunft über ihre Rollen in der heutigen Inszenierungsgesellschaft.', steht hier. ‚Zu Wort kommen Schriftsteller und Künstler, Klatsch-Reporter und Philosophen, skrupellose PR-Berater und gefeierte Models.'“
„Ja, klingt gut. - Ist das eine neue Talkshow?“
„Nein, eine Sondersendung. Die Interviews wurden nämlich nicht von Journalisten, sondern von angehenden Journalisten, genauer gesagt Studierenden des Instituts für. Hmm …“ Er überfliegt den Artikel. „Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Uni Hamburg gestellt. Angeleitet wurden sie von ihrem Prof. … Warte, wo steht's noch gleich?“ Erneuter Blick auf den Text. „Ah. Professor Dr. Bernhard Pörksen und Jens Bergmann, einem Redakteur vom Wirtschaftsmagazin Brand Eins.“
„Das ist echt mal was anderes. Und worum geht's jetzt noch mal genau in den Befragungen?“
„Also, die Promis reden darüber, was die Medien mit ihnen machen und andersrum. Sie sprechen über den Widerspruch zwischen Image und Ich, über das Geschäft mit der medialen Selbstdarstellung und seinen Preis.“
„Zeig mal die Seite“, sagt sie und streckt ihren Arm aus.
Interessiert liest sie die Programmempfehlung.
„Oh, hier unten steht noch, dass Anfang des Jahres bereits ein Buch mit den kompletten 30 Interviews erschienen ist. Inklusive der Biographien der ‚Rede-und-Antwort-Steher'. Zudem gibt's von den Herausgebern Pörksen und Bergmann ein ausführliches Vorwort zu dem Uni-Projekt an Sich sowie zur Inszenierungsgesellschaft. Ah, und last but not least werden im Anhang die jungen Autorinnen und Autoren des Buches vorgestellt. - Das nenne ich mal eine runde Sache.“
„Scheint ein spannender Fernsehabend zu werden,“ sagt er, steht auf, geht um den Tisch und gibt ihr einen Kuss.
Sonntagabend. Kurz nach neun.
Irgendwo in Deutschland.
Das Paar sitzt gemütlich auf dem Sofa.
Der Fernseher läuft.
Die Sendung über „Medienmenschen“ neigt sich dem Ende.
Michel Friedman: „(…) Wir reden heute eine Stunde, und Sie erfahren eigentlich nichts von mir. Trotzdem werden Sie Ihre Schlüsse ziehen.“
Interviewer: „Ihr Verhältnis zu der Kunstfigur Michel Friedman ist genau das, was uns interessiert.“
Michel Friedman: „Ich habe kein Problem mit ihr. Sie ist mir egal. Andere haben sie erschaffen, ich kann mich nicht mit ihr identifizieren. Gott sei Dank habe ich eine eigene Identität. Und die ist relativ - ich würde lügen, wenn ich behaupten würde: ganz und gar - unabhängig von dem medialen Bild, das die Menschen von mir haben.“
„Ich denke, der letzte Satz von Friedman kann man auch auf die meisten anderen Promis übertragen. Dass immer auch ein bisschen von der privaten Person mit in das mediale Bild hinein spielt.“
„Das sehe ich auch so. Ich würde sogar noch ein Stück weiter gehen und ihm bei der Aussage, wir hätten eigentlich nichts von ihm erfahren, widersprechen. Das mag vielleicht auf ihn im Speziellen zutreffen. Bei den anderen Promis glaube ich jedoch, dass wir sehr wohl bei diesen Interviews ein bisschen mehr als sonst hinter die Kulissen blicken konnten.“
„Den Eindruck hatte ich auch. Die angehenden Journalisten verstehen was von ihrem Handwerk. Und vor allem haben sie mal etwas andere Fragen gestellt als ihre ‚Kollegen'.“
„Warte mal kurz, Pörksen und Bergmann äußern sich noch mal zu dem Buch.“
„Mach etwas lauter, bitte.“
„Dieses Buch enthält also keine endgültigen Wahrheiten. Es geht in ihm nicht primär um die Frage, was der Fall ist, sondern wie Inszenierung funktionieren kann. Medienkompetenz heißt heute, diese Mechanismen zu durchschauen - ohne Anspruch auf letzte Gewissheit. Was bleibt, sind gut begründete Vermutungen. Nicht mehr und nicht weniger.“
Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert. Gespräche mit Joschka Fischer, Verona Pooth, Peter Sloterdjik, Hans-Olaf Henkel, Roger Willemsen u. v. a., Taschenbuch 344 Seiten, Münster: Solibro Verlag 1. Auflage 2007, ISBN 978-3-93292732-4, 19,80 €
Rezension von Nadja Kraski. Sie studiert Sprache und Literatur an der Philipps-Universität in Marburg und ist seit dem 1. Oktober Volontärin bei Mediakontakt Laumer.
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