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Die Perfektionierer
Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert

Ein großes Charakteristikum des frühen 21. Jahrhunderts stellt das Bestreben des einzelnen Menschen sich selbst zu optimieren dar. Diese Intention findet sich sowohl im privaten als auch im beruflichen Abschnitt des Lebens, denn wir streben in beiden Bereichen ständig nach Perfektion, um uns weiterzuentwickeln, beruflich vorwärts zu kommen, privat glücklich zu sein und es schlicht besser zu machen als alle anderen.

Mit Die Perfektionierer: Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert legt Klaus Werle nun ein brandaktuelles und längst überfälliges Buch vor, das sich mit dem seit Jahren grassierenden Optimierungswahn detailliert auseinandersetzt. Dabei beschäftigt sich Werle mit den Ursachen dieses Phänomens ebenso wie mit dessen Symptomen und Auswirkungen. „Wir studieren an Elite-Unis, häufen Praktika und Zusatzqualifikationen an, um jobmäßig vorn zu bleiben. Unseren Nachwuchs lassen wir im Kindergarten Chinesisch lernen – und wenn er es mit sechs noch nicht kann, fragen wir besorgt den Psychologen, was man gegen diese offenkundige Lernschwäche tun könnte. Weil wir so viel Sport treiben, leben wir länger, aber leider fehlt uns das Geld für den Ruhestand. Also durchforsten wir das Internet nach den perfekten Aktientipps für die Altersvorsorge. Und wenn wir sterben, buchen wir eine Weltraumbestattung oder wenigstens einen Platz im Friedenswald. Nach einem perfekten Leben darf der Tod nicht abfallen“, so Werle in seiner Einleitung. Dieser kurze Absatz macht bereits auf originell-ironische Weise den Kernpunkt des Buches sichtbar: die Identifizierung einzelner privater und gesellschaftlicher Charakteristika, die von dem Drang nach Optimierung und Perfektion generiert werden.

Erschreckend einleuchtend, aber...
Das Werk gliedert sich in drei Hauptkapitel: „Die Ursachen: Wie das Streben nach Perfektion zum neuen Credo wurde“, „Die Symptome: Lebensmanagement von der Wiege bis zur Bahre“, „Die Folgen: Das perfektionistische Paradox und wie man ihm entkommt“. Explizit setzt sich der Autor mit den Ursachen des Perfektionierungsstrebens auseinander, die er u. a. in der zu offenen und individualisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ebenso erkennt wie in der durch das Web 2.0 initiierten Chance nach erhöhter Aufmerksamkeit für das Individuum und die gestiegenen Möglichkeiten des sozialen Vergleichs. Dies hat zur Folge, dass die so genannte Mittelschicht sich in Auflösung befindet: Während weite Teile der Mittelschicht sich „nach oben“ orientieren, vergrößert sich die Abgrenzung „nach unten“, die Lücke zwischen Arm und Reich expandiert. Sozialer und beruflicher Aufstieg bedeuten heutzutage, dass der Mensch alles und das viel besser als der andere können muss. Genau dies ist erschreckend: Während des Lesens wurde mir bewusst, wie Recht Werle mit seinen Ausführungen doch hat. Die ironische und humorvolle Schreibweise konnte in mir das Gefühl nicht loswerden lassen, dass alles, was der Autor geschrieben hat, für mich bisher selbstverständlich und nicht – bestenfalls peripher und unkonkret – zu bemängeln oder gar in Frage zu stellen war. Noch erschreckender allerdings ist wohl die Tatsache, dass sich diese Kultur des Optimierungswahns wohl nicht überwinden lassen wird – im Gegenteil, das Streben nach Perfektion wird sich durch den gestiegenen globalen Wettbewerb und aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Zeitperiode wohl eher verstärken.

Fazit
Werle beschäftigt sich natürlich nicht nur mit den Ursachen und den Auswirkungen des Optimierungswesens für das betroffene Individuum. Er zeigt auch auf, welche Industrien von dem Phänomen direkt profitieren: Darunter befinden sich beispielsweise private Bildungsinstitutionen, die Ratgeberliteratursparte, Lifestyle-Branchen und die Lebensmittelindustrie. Diese Branchen versuchen permanent den Menschen davon zu überzeugen, dass er noch besser sein kann als er es ohnehin vielleicht schon ist. Warum dem Kleinkind aus einem Märchenbuch vorlesen, wenn es durch das Hören von klassischer Musik vielleicht intelligenter werden kann? Warum noch „normal“ essen, wenn Bio-Produkte, gleichwohl teurer, aber gesünder sind? Warum etwas studieren, was einem Spass macht, wenn man durch dieses Studium angeblich später keine Perspektiven hat? Unser aller Leben wird manipuliert von den genannten Branchen, die uns sagen, was gut für uns ist und was nichts taugt. Werle macht darauf aufmerksam und gibt zugleich immer wieder zu verstehen, dass sein Buch eben keinen Ratgeber darstellt. Obwohl er potenzielle Auswege aus dem Dilemma des Optimierungsstrebens, dem wir alle unterliegen, vorsichtig andeutet, gibt er am Ende zu, dass es leider keine Patentlösung für einen Ausweg gibt.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass es sich um ein abwechslungsreiches und durch Humor sowie Ironie aufgelockerten Band handelt, der die größte Geißel unserer gegenwärtigen Gesellschaft gekonnt identifiziert: den individuellen und gesellschaftlichen Optimierungswahn, das Streben nach Perfektion in allen Bereichen. Dass wir dadurch letztlich alle in einer homogenen Masse aufgehen werden, legt Werle ebenso dar wie den Umstand, dass Kreativität und Innovationsfähigkeit die großen Verlierer dieses Phänomens sind. Das Buch ist inhaltlich kohärent und lässt sich gut lesen, da es leicht verständlich geschrieben ist. Außerdem ist es durch zahlreiche Verweise auf die Wirtschafts- und Finanzkrise sehr aktuell und wird es sicherlich auch noch einige Jahre bleiben.

Über den Autor
Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik an der Universität Heidelberg und der University of Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und hat unter anderem für den „Spiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“ geschrieben. Klaus Werle arbeitet als Redakteur beim „manager magazin“ für das Ressort Karriere und lebt in Hamburg. Die Perfektionierer ist sein drittes Buch.

Klaus Werle. Die Perfektionierer: Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert. Campus Verlag. ISBN: 978-359-3-39093-2. Preis: 19,90 €:

Rezensiert von Manuel Radke



www.campus.de

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