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| News und Termine vom 05.11.2008 |
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| Autorenlesungen - Vom Bimmeln und Läuten |
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Man sollte meinen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Autoren in knarzenden Lederjacken vor dem ehrfürchtigem Publikum saßen und ihre lyrischen Ergüsse mit einem „Krawehl, Krawehl!“ intonierten. Die heutigen Literaten ritzen sich beim emotionsgeladenen Lesen blutende Wunden in die Stirn oder sie stehen in Poetry-Slam-Sessions regelmäßig vor unbarmherzigen Kritikern aus den eigenen Reihen, und um die belletristischen Schwergewichte werden vom Verlag bisweilen Leseevents organisiert, bei denen sogar Schottische Drums & Pipes aufgeboten werden.
Man sollte meinen, dass für Lesungen inzwischen alles möglich und erlaubt ist, und dass die Leute in Scharen kommen, wenn man ihnen etwas anbietet.
Tatsächlich ist es nur die halbe Wahrheit. Autorenlesungen müssen sich messen an einem ständig wachsenden Kulturprogramm - insbesondere in den Großstädten, wo Lesungen paradoxerweise am schwierigsten zu organisieren sind - aber auch an vielerlei anderen Angeboten, Sportereignissen, Konzerten, am Kino, am Fernsehen und nicht zuletzt an den gestiegenen Ansprüchen des Publikums, unterhalten zu werden im Austausch für die Zeit, die man einer Lesung opfert.
Veranstalter von Lesungen, also Buchhändler, Stadtbibliotheken, Lesungsagenturen, Verlage mit enger Autorenbetreuung aber auch Autoren selbst sollten sich daher genau überlegen, wie sie die Planung angehen möchten. Denn anders als im „Feld der Träume“ gilt hier nicht „Bau es, und sie werden kommen“. Wer jemals vor einem Publikum aus der Buchhändlerin, ihrem Ehemann und dem noch schnell hinzu gezerrten Azubi gelesen hat, weiß, was ich meine.
Partner und Örtlichkeiten finden
Die meisten Lesungen finden in Buchhandlungen statt. Obwohl das nicht sein muss. Sicher, es ist bequem für den Büchertisch, und der Buchhändler erhofft sich ein Publikum, das bei der Gelegenheit noch gleich ein paar andere Bücher kauft. Aber ist damit das Maximum erreicht?
Ein Roman über einen Serienmörder könnte auf einer Polizeiwache gelesen werden, ein Vampirroman im verspiegelten Ballsaal des Rathauses aus dem Barock, ein Roman über eine mittelalterliche Kräuterfrau im Gewölbe der alten Apotheke. Meinen eigenen Ägypten-Roman habe ich während der Mumienausstellung im Landesmuseum in Stuttgart und am Völkerkundemuseum in Dresden vorgestellt.
Außergewöhnliche und zum Thema passende Örtlichkeiten helfen, das Flair des Buches zu unterstreichen. Die zusätzliche Attraktivität lockt mehr Besucher an, und durch die Einbindung eines Partners kann die Veranstaltung zusätzlich beworben werden, denn die Polizeistation, die Apotheke oder das Museum - sie alle freuen sich, wenn sie eine Kulturveranstaltung bewerben dürfen, da es auch für sie selbst wirbt.
Überlegen Sie, wen Sie einbinden können, die meisten Anfragen stoßen auf wohlwollendes Interesse, und zusätzliche Raummieten müssen nur dann gezahlt werden, wenn der Partner kein Eigeninteresse hat.
Bewerbung
Damit ist schon ein Aspekt der richtigen Bewerbung der Veranstaltung genannt: Je größer das Interesse der eingebundenen Partner, umso größer ist der ganz einfache Multiplikationseffekt.
Einige Wochen vor dem Termin sollte natürlich die örtliche Presse informiert werden. Melden Sie nicht nur den Termin! Bieten Sie auch an, ein Buch in die Redaktion zu schicken, und einen Presseartikel vorzuformulieren. Damit nehmen Sie der Redaktion viel Arbeit ab, und Sie prägen sich mit der Veranstaltung sein. Einige Tage vor dem Termin sollten Sie nachfassen und daran erinnern, dass der Termin noch einmal erwähnt wird. Bieten Sie der Zeitung ein Gewinnspiel an. Das kostet den Verlag fünf Belegexemplare, bietet der Zeitung aber die Möglichkeit für einen interessanten Artikel, in dem auch noch mal auf den Termin hingewiesen wird, zu dem die Preise dann ausgegeben - und selbstverständlich persönlich signiert werden.
Wo kündigt man den Termin sonst noch an? Natürlich informiert man den Verlag, der den Termin in den Kalender auf der Website oder den Newsletter aufnimmt. Auch der Autor hat eine Website und vielleicht einen eigenen Newsletter und sollte den Termin dort ankündigen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Plattformen für Leser im Internet, die sich über Terminankündigungen freuen. www.buechereule.de , www.leserunden.de , www.leserattenbuecherforum.de oder www.literra.info sind nur einige davon - genrespezifisch gibt es noch viele mehr.
Die meisten der großen Publikumsverlage haben auf Anfrage Plakate und Werbematerial ihrer Autoren vorrätig, das Sie sich schicken lassen können. Die Plakate sollten nicht nur in der Buchhandlung an der Tür hinter dem Tresen hängen. Sie gehören ins Schaufenster neben einen Stapel der Bücher. Nur wenige Veranstalter können es sich leisten, die Stadt mit Plakaten zu überschwemmen. Aber verteilen Sie das Werbematerial selbstverständlich auch an die Partner. Am designierten Ort der Lesung sollten die Ankündigungen ebenso zu finden sein, wie im Rathaus, der Gemeindeverwaltung, der Kurverwaltung, am Bahnhof und im Tourismusbüro.
Den Büchertisch hatte ich erwähnt. Natürlich muss es einen geben! Für so außergewöhnliche Anlässe, wie eine Autorenlesung, ist jeder Verlag gerne bereit, einige Partien der Bücher zu verschicken und die unverkauften Exemplare unbürokratisch zurückzunehmen. Der Büchertisch sollte schon zwei Wochen vor der Veranstaltung im Laden zu finden sein, damit die Kunden ihn neben den Novitäten auch wirklich bemerken, damit sie um das Buch herumschleichen, das sie da anschreit, damit sie es vielleicht sogar schon kaufen, oder sich zumindest vornehmen, sich auf der kommenden Lesung ein Bild davon zu machen.
Und natürlich muss der Büchertisch dorthin, wo die Lesung stattfindet! Denn sich den Roman am nächsten Tag im Laden zu kaufen, das vergessen die meisten.
Zuletzt, der vielleicht am häufigsten unterschätze Faktor: Die persönliche Empfehlung des Buchhändlers. Ein Buchhändler, der seine Kunden kennt, der auch das Buch kennt, dessen Lesung er anbietet, der sollte bei jedem Verkauf die Kunden ähnlicher Interessen ansprechen: „Das hier könnte Sie auch interessieren! Haben Sie das schon gelesen? Der Autor kommt nächste Woche selbst - ich gebe Ihnen einen Flyer mit. Ich würde mich freuen, wenn Sie kommen. Es wird sicher ein toller Abend, ich bin selbst schon ganz gespannt.“ Dies habe ich bisher am häufigsten in privat geführten Buchhandlungen erlebt, in denen nicht die Marketingabteilung oder die Konzernfiliale den Termin eingekauft haben. Diese von persönlicher Empfehlung und Begeisterung geprägten Lesungen waren immer die mit großem Abstand erfolgreichsten.
Vom richtigen Termin
Es ist schwer zu orakeln, wann eine Lesung erfolgreich wird, und wann nicht. Man kann vieles tun, um die Veranstaltung so attraktiv wie möglich zu machen - wenn an diesem Tag ein Länderspiel im Fernsehen läuft, bleibt mindestens die Hälfte zu Hause. Selbst dann, wenn die Karten wohlweislich schon im Vorfeld verkauft wurden.
Bei der Wahl des richtigen Termins, den man in der Regel einige Monate vor der Lesung bereits plant, sollten Sie darauf achten, welche größeren Ereignisse zu diesem Termin in Konkurrenz stehen. Dazu gehören große Sportereignisse, wie EM-Spiele, WM-Spiele, Olympia, aber auch quotenträchtige TV-Sendungen wie „Wetten, dass?“. Informieren Sie sich, ob zu diesem Zeitpunkt besondere Konzerte, Theaterpremieren oder andere Kulturveranstaltungen in Ihrer Stadt geplant sind. Weichen Sie aus.
Jede Stadt hat darüber hinaus ihren eigenen Rhythmus. Vor Ort weiß man, wie das regionale Herz schlägt, wann fließen die Pendlerströme, was sind die typischen Abends-Noch-Ausgehen-Tage, an welchen Abenden ist die Innenstadt ein Totentanz?
Wählen Sie einen Wochentag, der lokal üblich und praktisch für abendliche Unternehmungen ist, und vermeiden Sie die Konkurrenz von Attraktivitäten, die stärker sind, als eine Stunde lang einem - womöglich noch recht unbekannten - Autor zuzuhören.
Inszenierung
Neben der Wahl einer attraktiven Örtlichkeit gibt es weitere Möglichkeiten, den Rahmen einer Lesung interessant zu gestalten. Natürlich, im Zentrum steht - und muss immer stehen! - das Buch. Aber die Konkurrenz des Fernsehens (oder auch des dolce far niente) ist groß, und selbst, wenn die Gäste kommen, sollte der Abend in seiner Gänze in Erinnerung bleiben. Niemand verlangt, dass man Geiger in mittelalterlichen Gewändern, Akrobaten oder Feuerspucker als Begleitprogramm engagiert (obwohl es das alles schon gegeben hat!), aber jeder Roman eignet sich auf die ein oder andere Art, illustriert zu werden. Das kann mit Hilfe der Dekoration geschehen, mit Hintergrundmusik, mit Bildern vom Diaprojektor oder Beamer, mit passenden Häppchen oder einem Wein aus der Region des Romans. Vielleicht hat sogar der Autor selbst ein paar gute Ideen dazu.
Geben Sie den Besuchern das Gefühl, sensorisch in die Welt des Romans einzutauchen.
Technik
Nichts ist einer intensiven Stimmung abträglicher als das klinische Pickellicht dutzender Weißlicht-Neonröhren, die sich nicht dimmen lassen. Und nichts ist hinderlicher beim Lesen als ein paar funzelige Kerzen. Dazwischen liegt aber die Wahrheit: Der Autor benötigt ein vernünftiges Leselicht, der Rest des Raumes sollte abgedunkelt, heimelig sein. Die Aufmerksamkeit der Gäste gehört nach vorn, zum Autor, zum Buch, nicht auf die Regale links und rechts und auf die Fusseln auf dem Sakko des Mannes direkt vor einem.
Wenn Sie dem Autor etwas Gutes tun wollen, besorgen Sie ihm ein Mikro. Nicht jeder Autor ist als Redner geboren und hat eine volltönende und kräftige Stimme, die eine Stunde lang auch die Gäste in der letzten Reihe bezaubern kann. Zudem muss der Autor mit seiner Stimme arbeiten, ihr Nuancen verleihen. Wenn Sie schon einmal versucht haben, einen zweifelnden, einen fragenden, einen ängstlichen oder flüsternden Tonfall hinunter in Reihe zwanzig zu brüllen, verstehen Sie, was ich meine.
Es gibt auch Autoren, die multimedial bewandert sind, die eine Inszenierung mitbringen, die höhere Ansprüche stellen. Sie verlangen nach einer Musikanlage, nach einer Leinwand, einem Beamer. Ich bin so einer. Aber auch das muss kein Hindernis sein. Sollte es mit der Technik einmal nicht weit her sein - und das ist mir erst zweimal passiert - kann man sie sich ausleihen. Einmal von der Erzdiözese Köln, ein anderes Mal vom Kulturamt Oberursel. Wenn Sie diese als Partner einbinden, vielleicht auch mit einem dankenden Hinweis „Mit freundlicher Unterstützung von …“, dann haben Sie zugleich einen weiteren Multiplikator für die Bewerbung der Veranstaltung.
Ablauf
Nicht jeder Autor platzt mit einem jovialen Schwank aus der Jugend in den Saal. Während die meisten Autoren mit ihrem Stoff eng vertraut sind, sind sie es oft nicht mit Menschenmengen. Sorgen Sie also dafür, dass der Autor kurz vorgestellt wird, führen Sie ihn ein, und lösen Sie die Stimmung, bevor Sie ihn am Lesepult mit einem „Also, ich fang dann mal an“ allein lassen.
Ist der Autor fertig, warten Sie nicht bloß auf die letzten Worte, auf die ersten und letzten Klatscher und schalten Sie dann nicht einfach das Licht an. Jetzt kommt der wichtige Teil des Abends! Jetzt müssen Gespräche stattfinden, nun erfolgt die Bindung der Leser an den Autor als Mensch, und je besser dies gelingt, umso eher bleiben Autor, Buch und Veranstaltung im Gedächtnis, und umso mehr Bücher werden verkauft.
Also: Lassen Sie das Licht gedimmt, sorgen Sie für das Anklatschen. Dann steht der Veranstalter auf, bedankt sich beim Autor, wendet sich an das Publikum und fordert auf, nun Fragen zu stellen. Da sich zumeist niemand traut, sollte der Veranstalter selbst zwei Fragen vorbereitet haben, die er nach fünf Sekunden selbst stellt. Das bekundet nicht nur das persönliche Interesse und Engagement des Veranstalters. Das Eis muss auch erst gebrochen werden, bevor die Gäste selbst Fragen stellen.
Sind alle Fragen gestellt und beantwortet, bedankt sich der Veranstalter noch einmal beim Autor, regt das letzte Abklatschen an und betont, dass die Bücher dort drüben am Büchertisch gekauft werden können, und der Autor sie natürlich gerne persönlich signiert. Und jetzt kann auch das Licht angemacht werden.
Viel Feind, viel Ehr
Was gibt es nicht alles zu bedenken. Richtig. Und niemand kann garantieren, dass es deswegen auch wirklich ein Erfolg wird. Für den Autor ist es zwar schöner, wenn fünfzig oder hundert und nicht nur zehn Gäste kommen. Aber letztlich bekommt er sein Honorar, seine Reisekosten und die Unterkunft; ihm kann es egal sein. Aber was ist mit dem Veranstalter? Wann hat sich die Organisation für ihn gelohnt? Monetär lässt sich eine solche Veranstaltung kaum bewerten und selten refinanzieren. Aber denken Sie an die mittel- und langfristige Werbewirkung. Wie etablieren Sie sich als Buchhändler, als Veranstalter, der regelmäßig die tollsten Veranstaltungen auf die Beine stellt, die man fast unbesehen besucht?
Stellen Sie sich dem Feind - was so aufwändig aussieht, kann schnell Routine werden, und der Lohn sind die Freude der Arbeit mit Autoren und ihren Texten, und die Begeisterung und Treue der Kunden.
Und wenn Sie schon dabei sind: Warum nicht gleich ein kleines Lesefestival? Der Aufwand, die Organisation, die Telefonate, die Plakate, die Pressearbeit, die Eintrittskarten; als das relativiert sich, wenn Sie nicht einen, sondern gleich fünf Autoren einladen. Veranstalten Sie einen Krimiherbst, einen Historischen Winter, einen Thrillersommer - Ihr Aufwand verteilt sich, und die Veranstaltungen bewerben sich gegenseitig, wenn Sie es richtig konzertieren. Seien Sie mutig. Statt eines einzelnen Testballons können Sie gleich die ganz große Glocke läuten - und diesem Geläut wird man eher folgen, als einem leisen Bimmeln.
Text von Autor Andreas Wilhelm
Mehr über Andreas Wilhelm und seine Bücher erfahren Sie auf seiner Homepage http://www.andreaswilhelm.info
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