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Literaturtipp






News und Termine vom 02.06.2009
Frischer Wind für die Literaturkritik - Christoph Schröder im Gespräch
„Ich finde Frankfurt extrem charmant“, sagt Christoph Schröder, als wir gemütlich bei Tee und Croissants in Frankfurt Sachsenhausen zusammensitzen, um über ihn und seine Arbeit zu sprechen. Man glaubt es ihm sofort. Christoph Schröder ist an den Orten des Frankfurter literarischen Lebens stets präsent. Er betreut die Literaturseite des Journal Frankfurt, schreibt regelmäßig Literaturkritiken für die Frankfurter Rundschau und andere überregionale Tageszeitungen. Obendrein gibt er sein Wissen als Dozent für Literaturkritik an der Uni Frankfurt weiter. Während des Interviews sitzt eine kleine Dackel-Dame auf seinem Schoß und lässt sich die Ohren kraulen. Alles ganz entspannt.

Es gibt ein Buch von Ihnen und Ihrer Frau Katja Kupfer: „Unsere Stadt. Frankfurt in vier Spaziergängen“. Woher kommt diese Verbundenheit mit Frankfurt?
Ich bin in Groß-Gerau geboren, in Mainz zur Schule gegangen, habe da studiert, bin dann durch ein Praktikum beim Journal Frankfurt hierher gekommen und habe mich sofort wohlgefühlt. Frankfurt ist für mich keine Großstadt. Eher eine sympathische Kleinstadt. Frankfurt ist für mich sehr schnell zu einer zweiten Heimat geworden, da ich jemand bin, der sehr ortsverbunden ist und sich seine Plätze sucht, wo er sich zurückziehen kann. So ist es zu diesem Buch gekommen. Es ist aus zwei Perspektiven geschrieben: aus der meiner Frau, die gebürtige Sachsenhäuserin ist und immer in Frankfurt gelebt hat, und meiner Perspektive als Zugezogener. Die Blickwinkel zweier Menschen, die beide Frankfurt sehr gerne mögen.

Was gefällt Ihnen besonders gut an Frankfurt?
Da ist man schnell im Klischee, wenn man sagt, dass man die Verbindung des Großstädtischen mit dem Dörfischen mag. Aber ich bin jemand, der vom Land kommt und irgendwann auch wieder aufs Land will, der jetzt aber hier in der Stadt arbeitet, weil ich Geld verdienen muss und weil ich mein Geld auch mit dieser Stadt verdiene. Ganz klar. Frankfurt hat neben dem Großstadtflair auch viel Traditionelles zu bieten. Ich bin ein sehr traditioneller Mensch, ich brauche Apfelweinkneipen oder eine Stammkneipe, wo man wiedererkannt wird, wo man nicht anonymisiert ist. Die Apfelweingemütlichkeit ist hier kein Klischee, die gibt es wirklich.

Gibt es an Frankfurt etwas, das Sie abstößt?
Wie in jeder Stadt gibt es auch hier Soziotope und bestimmte Ansammlungen von Menschen, die man meidet. Ich gehe nicht in Clubs, Lounges oder Bars, wo nach Feierabend die Banker zusammenstehen und Ihren Afterworkcocktail nehmen. Nicht weil ich sie nicht leiden kann, aber das ist nicht meine Welt. Ich möchte in keiner anderen Stadt wohnen. Nicht in Hamburg, nicht in Köln und in Berlin dreimal nicht.

Ist Frankfurt eher eine Stadt der Literaturvermittlung als der Literaturentstehung?
Das ist sicher richtig, insofern als die Schriftsteller, die hier in Frankfurt sind, nicht vernetzt oder organisiert sind und als Schriftstellergruppe auftreten. Hier gibt es ja einige Schriftsteller, natürlich nicht so viele wie in Berlin, was sicher mit den Mietpreisen zu tun hat.

Also ein rein pragmatischer Grund?
Davon bin ich sehr überzeugt. Ein guter Freund von mir, der Schriftsteller ist, hat kürzlich zu mir gesagt, dass er Berlin für eine völlig literaturverhindernde Stadt hält. Einfach deshalb, weil dort die Themen schon diskursiv vorgegeben sind und die Freiheit fehlt, sich mit bestimmten Themen nicht auseinander zu setzen. Nicht alle Themen sind literaturfähig. Literatur muss nicht etwas mit Gegenwart zu tun haben. Und in dem Augenblick, in dem man in einer Stadt ist, die nur für die Gegenwart lebt, wie Berlin, ist das aus schriftstellerischer Sicht sicher horizontverengend.
Ich habe Frankfurt immer als eine sehr literaturfreundliche und literaturnahe Stadt empfunden, weil es natürlich die Verlage hier gibt, nicht nur Suhrkamp, sondern beispielsweise auch S. Fischer, Schöffling, die Frankfurter Verlagsanstalt und auch sehr gute Literaturinstitutionen wie das Literaturhaus oder das Literaturforum.
In Frankfurt sind, wie gesagt, die Autoren nicht als Gruppe organisiert, aber die Frage ist, ob das woanders der Fall ist.

Wäre es wünschenswert, eine solche Autorengruppe in Frankfurt zu haben? Bemüht sich die Stadt um so etwas?
In Frankfurt gibt es keine literarische Subkultur, keine jungen, eher im Halbuntergrund angesiedelten Literaturkreise, wo wöchentlich oder monatlich bestimmte Events stattfinden. In Frankfurt gibt es jetzt Versuche, so etwas zu installieren. Aber es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen Frankfurt und anderen Städten:
Erstens muss man sehen, dass Frankfurt eine sehr kleine Stadt ist. Das Publikum für eine junge Literaturbewegung ist womöglich gar nicht da und es fehlt auch die Szene, aus der sich so etwas rekrutieren könnte. Und zweitens ist Frankfurt in seinem kulturellen Kern eine extrem konservative Stadt. Eine Bürgerstadt, aber nicht im negativen Sinne. Es ist einfach so. Deutlich wird es z. B. wenn man sich anschaut, dass das neue Literaturhaus finanziert wurde u. a. von einer Bürgerstiftung, die darauf bestanden hat, dass der Neubau eine klassizistische Rekonstruktion der alten Stadtbibliothek sein muss. Es gibt hier noch viele solcher Beispiele. Es herrscht ein Geist vor, der eher konservativ ist und der die klassische Autorenlesung eher fördert als ein neuartiges Literaturevent. Das muss nicht schlecht sein, aber es ist einfach so.
Und was die Literaturförderung anbelangt, so passiert jetzt einiges. Nachdem klar ist, das Suhrkamp tatsächlich weggeht, hat die Stadt natürlich Panik bekommen und will solche Sachen installieren wie ein Haus der jungen Verlage. Ob es möglich ist, so etwas zu institutionalisieren und ob da was bei rauskommt, wird man sehen.

Thomas Hettche hat vor einiger Zeit gesagt, dass Frankfurt das Labor für die zukünftige Literaturentwicklung sein könnte. Gerade vor dem Hintergrund der aktuell geführten Debatten um Urheberrechte bei Publikationen im Internet und dem sogenannten E-Book sieht er Frankfurt als Ort der Reanimation bzw. Neuordnung des Buchwesens. Kann Frankfurt das leisten?
Das glaube ich nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass das Buch in einer Krise steckt. Ebenfalls glaube ich nicht, dass das e-Book eine Bedrohung für das Buch ist. Wenn es eine Krise gibt, dann ist es eine Krise des Buchhandels und nicht des Buches. Unter dem Terminus Buchlabor kann ich mir in Frankfurt wenig vorstellen. Wir haben hier den Börsenverein des deutschen Buchhandels, und der ist gezwungen, auf Veränderungen im Buchmarkt zu reagieren und diese Debatten zu führen. Ich kann mir aber nicht vorstellen – vielleicht irre ich mich auch – wie sich literaturvermittelnde und literaturschaffende Institutionen sich zum Nutzen des Buches als Produkt zusammentun könnten, um aus Frankfurt heraus Impulse zu geben. Wir haben ja ohnehin schon sehr starke Impulsgeber hier in Frankfurt. Zum Beispiel den S. Fischer Verlag, der in dieser Suhrkamp-Diskussion immer unterschlagen wurde. Die vorhandenen Institutionen können aus sich heraus Impulse setzen. Dass man daraus etwas Gemeinschaftliches gründet und dadurch Synergien entstehen, das glaube ich nicht.
Es wäre natürlich eine Maßname, wenn die Stadt zehn kleinen Verlagen den alten Sitz des Börsenvereins mietfrei saniert zur Verfügung stellen würde. Das wäre ein ungeheurer Vorteil für die Verlage, weil sie das eingesparte Geld für ihre Literaturprojekte verwenden könnten. Das wäre eine schöne, rein praktische Hilfe, klar. Aber intellektuelle Kräfte zu bündeln, ist immer schwierig.

Gehören Sie als Literaturkritiker zu einer aussterbenden Spezies?
Vorgestern erst hat mir ein befreundeter Literaturkritiker gesagt, dass wir die erste Generation von Literaturkritikern sein werden, die das Ende der Literaturkritik noch erleben wird. Das leuchtet mir vollkommen ein. Wir werden erleben, dass wir von unserem Beruf nicht mehr werden leben können, weil die Literaturkritik in der Form, wie wir sie kennen, ausstirbt. Dafür werden neue Formate wie das Portrait oder das Interview immer wichtiger.

Wenn die Zeitungen mit ihren Feuilletons wegfallen, dann bricht auch der Buchhandel zusammen und dann braucht es natürlich auch keine Literaturkritik mehr.
Ja, wenn Sie sich die Konzentrationen im Buchhandel anschauen, die ja immer massiver in den letzten zehn Jahren geworden ist, dann sehen Sie, dass etwa Dreifünftel aller Umsätze im Buchhandel von fünf großen Buchhandelsketten generiert werden. Es ist völlig klar, dass das Sterben der mittelständischen Buchhandlungen auch zu einem Sterben einer gewissen Form von Literatur führt und dies ein Verlagssterben nach sich zieht. Wir bewegen uns rapide auf eine Amerikanisierung des Buchmarktes hin und da sind Feuilletons und insbesondere die Literaturkritik überflüssig.

Arbeiten Sie dagegen an?
Dagegen kann man gar nichts tun. Nicht als Zeitung und schon gar nicht als Einzelperson. Ich glaube, das sind unaufhaltbare Kräfte. Ich kann nur versuchen, so gut wie möglich zu arbeiten, und die Berechtigung der Literaturkritik aus ihr heraus immer wieder zu begründen.

Im Journal Frankfurt gibt es auf der Bücherseite immer eine Glosse von Ihnen, ein Statement zu den aktuellen Geschehnissen auf dem Buchmarkt, wo sie sich direkt ins literarische Geschehen Deutschlands einschalten, kommentieren und bewerten.
Ja, aber das führt ja letztendlich nirgendwohin. Außer dazu, dass man ein Profil hat, aber im Großen und Ganzen ändert es doch wenig.

Sich ins kulturelle Tagesgeschäft einklinken und es kritisch kommentieren, das kommt in den großen Feuilletons immer seltener vor.
Da stimme ich Ihnen nicht zu. Es gibt in den Feuilletons viele Leute, die Ihre Meinung äußern, nur, es bringt nichts. Sehen Sie, die Feuilletons sind mittlerweile zu einem sich selbst erhaltenden Betrieb geworden. Ihnen kommt keine gesellschaftliche Funktion mehr zu, wie es in den 60er oder 70er Jahren noch der Fall war. Man kann ja so laut schreien wie man will, wenn man in einem schallisolierten Raum sitzt.

Das klingt traurig. Andererseits sind Sie auch optimistisch. Sie sagen, das Buch wird es immer geben.
Ja, das glaube ich. Denn Leser gibt es ja wahnsinnig viele. Und man sieht ja auch, dass bestimmte Bücher die Möglichkeit haben, sich durchzusetzen. Es gibt tatsächlich immer Überraschungserfolge, z. B. Daniel Kehlmann mit „Die Vermessung der Welt“. Das war sein fünftes Buch und bis dahin sagte man immer, das ist einer, der hat Talent und ist unheimlich schlau, aber der wird es nie bringen. Und dann haut er plötzlich so ein fulminantes Buch raus und es klappt auch noch, dass es sich bei den Lesern durchsetzt.

Macht Ihnen das Mut?
Mut nicht, aber es hat mich gefreut.

Wann finden Sie Bücher gut, wann finden Sie sie schlecht?
Ein erzählendes Buch hat für mich dann eine besondere Qualität, wenn es sich nicht an Diskurse heranschmeißt, die gerade zeitgeistig sind, sondern mir eine Wahrheit erzählt, die nichts mit dem zu tun hat, was in den Tageszeitungen steht. Ich will keinen Roman lesen über die Finanzkrise. Ich weiß, diese Bücher werden jetzt gefordert und sie werden kommen.
Für Sachbücher gilt das sicher nicht, aber wenn jemand einen Roman schreibt, erwarte ich mehr als eine Nacherzählung von Wirklichkeit oder Gegenwart.

Wie wählen Sie aus, was Sie besprechen?
Wenn die Vorvorschauen kommen, dann erstelle ich eine Datei, in die ich alle Bücher, die mich interessieren, hineinschreibe. Ein paar Wochen vor Erscheinen der Bücher fange ich an, meine Kontakte in den Literaturredaktionen anzuschreiben und abzusprechen, was ich rezensieren darf.

Behalten Sie den Überblick bei all den Pressemitteilungen, die zu Ihnen auf den Schreibtisch flattern.
Es ist schwerer geworden, den Überblick zu behalten als noch vor zehn Jahren. Da hat man sich zwei Tage Zeit genommen, alle Prospekte angeschaut und dann war man für das nächste halbe Jahr informiert. Jetzt erscheinen auch Bücher, die gar nicht in der Vorschau angekündigt waren. Insofern bin ich dankbar über jede Information, die ich noch nicht hatte. Und den Rest muss man entsorgen. Geht nicht anders.

Was ist ein absolutes PR-NO-GO für Sie?
Wenn ein Verlag nachts seinen Faxserver angeschaltet lässt und man selbst schaltet sein Fax morgens ein und da kommen 40 Pressemeldungen auf einmal, oft zehnmal die Gleiche, so was geht nicht. Das heißt aber auch nicht, dass jede Pressemitteilung an mich persönlich adressiert sein muss. Ich habe auch nichts dagegen, angerufen zu werden. Wenn ich gefragt werde, ob man mir ein Buch schicken darf, ist das in Ordnung. Auch wenn man nach ein paar Wochen noch mal anruft, um zu fragen, ob ich das Buch bekommen habe und schon reingeschaut habe, akzeptiere ich das. Das ist der Job. Aber wenn dann noch mal und noch mal angerufen wird, dann fühle ich mich belästigt.

Sie haben außer dem Buch über Frankfurt auch ein Buch über Ihr Faible Hunde geschrieben. Jetzt fehlt nur noch ein Buch über Fußball, denn Sie sind in Ihrer Freizeit Fußballschiedsrichter. Warum Schiedsrichter und nicht Spieler?
Die Wege, wie man Fußballschiedsrichter wird, sind ja oft sehr abstrus. Ich habe zehn Jahre Fußball gespielt. Irgendwann fragte der Verein, wer Lust hätte, einen Schiedsrichterlehrgang zu machen. Das hab ich mir angesehen und gemerkt, das macht mir Spaß. Es ist nichts anderes als Literaturkritik – außer der höheren körperlichen Anstrengung: Man steht nebendran und versucht, objektive Kriterien für eine Situation oder einen Gegenstand zu finden und anzuwenden und muss sich dabei immer dessen bewusst sein, dass es nie völlig objektive Kriterien geben wird.

Und zu guter Letzt: Ihr ganz persönlicher Frühlingsliteraturtipp?
Andreas Meier: Sanssouci. Ein grandioses Buch, und Sibylle Lewitscharoff, was ich sehr lustig und unterhaltsam fand.

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