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Literaturtipp






News und Termine vom 03.09.2009
Nachgehakt bei ... Dr. Susanne Helene Becker
© Jochen Günther
Am 16. Oktober 2009 wird auf der Frankfurter Buchmesse der Jugendliteraturpreises 2009 verliehen. Seit 1956 werden dort herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.
Dr. Susanne Helene Becker, Vorsitzende der Jury, hat sich einigen Fragen zur Verleihung und zur Literatur gestellt.

Frau Dr. Becker, welche Kriterien stellen Sie an ein gutes Kinder- und Jugendbuch?
Im Allgemeinen suche ich nach Büchern, die ihren ästhetischen und thematischen Spielraum für das jeweilige Niveau der literarischen Entwicklung ausschöpfen – die Adressaten-Angemessenheit ist ein wichtiges Kriterium. Inwiefern ein Buch literarisch raffiniert, anspruchsvoll, komplex oder experimentell ist, kann immer nur in Bezug auf seine Adressaten bewertet werden.
Daher frage ich mich bei jedem Buch, was es zur literarischen Sozialisation, zum Leserwerden seines Adressaten beiträgt? Dazu schaue ich auf das Thema, den Handlungsverlauf, die Konstruktion der Figuren und auf eine angemessene ästhetische und sprachliche Darstellung. Ein gutes Buch muss die Imaginationsfähigkeit des Lesers anregen und ihn Gefühle erfahren lassen, die den Leser beschäftigen oder die ihn anregen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. So offenbaren sich dem Leser neue Möglichkeiten und Blickwinkel auf die Welt. Bei Sachbüchern kommt hinzu, inwieweit sein didaktisches Konzept zu dem Thema und dem Adressaten passt.
Diese Fragen stelle ich an alle Bücher. Beim Deutschen Jugendliteraturpreis kommt aber noch hinzu, dass nur ein „herausragender“ Titel der Kinder- und Jugendliteratur nominiert werden kann – so fordert es die Präambel zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Dadurch werden Autoren und Verlage ermutigt, ausgetretene Pfade zu verlassen und innovative Werke zu erschaffen.

Sind klassische Themen wie Ritter, Piraten und Drachen unsterblich? An einen „altmodischen“ Abenteuerroman erinnert mich der nominierte Titel Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick.
Abenteuerliche Stoffe gehören heute bei den Lesern – Jungen und Mädchen – fast immer zu den beliebtesten Lesestoffen. Aber unsterblich ist in der Geschichte der Literatur alles und nichts. Über die Zeit hinweg allerdings erneuert sich die Gattung immer wieder. Wie das Abenteuer jeweils erzählt wird, mit welchen Figuren es ausgestattet ist, welche Aufgaben die Helden zu bewältigen haben und aus welchen Motiven, wieviel Realität oder wieviel Fantastisches in den Abenteuern steckt: Das alles gestaltet sich jeweils ganz unterschiedlich. Neu an Hugo Cabret ist vor allem seine Text-Bild-Kombination. Die ersten Seiten beispielsweise kommen vollkommen ohne Worte aus, sie ziehen den Leser nur durch die Illustrationen direkt in die Geschichte hinein.
Wenn Sie insgesamt nach klassischen abenteuerlichen Stoffen und Figuren und ihrer Popularität fragen, dann lohnt auch ein Blick auf die Gesetze des Marktes. Meist gibt ein Verlag, oder ein Erfolgstitel die nächste „Parole“ vor, beispielsweise „Piraten“. Wenn der Stoff ankommt, verbreitert sich das Angebot, bis immer mehr Verlage mitziehen. Ist eine gewisse Sättigung erreicht, dann geraten eines Tages vielleicht Vampire in das Blickfeld und das Spiel beginnt von vorn. Der Literaturmarkt bewegt sich stets zwischen dem Bedienen von Publikumsinteressen und neuen Angeboten mit ungewöhnlichen und neuen Lesestoffen.

Dabei ist mir aufgefallen, dass Die Entdeckung des Hugo Cabret Anspielungen auf Werke des berühmten Stummfilmpioniers Georges Méliès enthält. Dieser dürfte den meisten Kindern jedoch unbekannt sein. Sind solche Remineszenzen für die erwachsenen Leser gedacht?
Nicht jeder Leser muss alles verstehen, damit es auf ihn wirken kann. Aber auch die jüngeren Leser erkennen schon an der Zeichnung, dass sie in eine andere Zeit eintauchen. Ob sie die Stummfilmästhetik als Zitat erkennen oder nicht, ist erst einmal gar nicht so wichtig.

Zollt man den Kindern heute mehr Anerkennung in Bezug auf ihre Mündigkeit, indem man komplexe Themen behandelt und neu interpretiert, wie Krieg (Wintereis von Peter van Gestel) und Menschenhandel und Kinderprostitution (Verkauft von Patricia McCormick), sowie lyrische Werke (Kinder-Verwirr-Buch; Illustriert von Norman Junge)
Wenn Sie unter Mündigkeit verstehen, dass der Leser nicht in einen Schonraum gestellt wird von heiteren Teenagern, die Streiche spielen und nächtliche Pyjamaparties feiern, dann kann ich sagen: Ja, dem Leser unserer Tage wird mehr Mündigkeit zugestanden, mehr Einblick in die komplizierten Gesetze menschlichen Zusammenlebens, mehr über die Abgründe menschlichen Handelns, mehr Einblick in schwierige Lebensläufe.
Das gilt aber auch für den Humor. Auf der Ebene der literarischen Ästhetik traut man den Kindern und Jugendlichen ebenfalls mehr zu. Insgesamt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die erzählerische Raffinesse zugenommen. Und gerade weil den Lesern mehr zugemutet wird, haben sie die erzählerischen Möglichkeiten, Nähe und Distanz zum Geschehen herzustellen, enorm erweitert. So bietet der Roman Verkauft von McCormick dem Leser, obwohl er ihn einerseits hineinzieht in dieses brutale Schicksal eines sexuell missbrauchten und ausgebeuteten Mädchens, immer wieder die Möglichkeit, sich vom Geschehen zu distanzieren.

Sind Lehren und Werte für Kinder durch Bücher vermittelbar, die von Erwachsenen geschrieben worden sind? Oder besteht sogar die Gefahr der Konditionierung des Kindes? Als positives Beispiel für Kinderliteratur ohne Bevormundung sehe ich Räuberkinder von Antje Damm.
Egal ob Literatur für Kinder oder für Erwachsene, sie kann immer auch zur Indoktrination und Verbreitung von Ideologien missbraucht werden. Und Kinder- und Jugendliteratur speziell steht immer zwischen Ästhetik und Pädagogik. Aber selbst wenn ein Autor es gar nicht explizit vorhat, transportiert er mit seinen Figuren, deren Einstellungen, Urteilen und deren Handlungen, bestimmte Verhaltensmuster. Allerdings gibt es ganz unterschiedliche literarische Formen, um Normen zu vermitteln von der direkten Belehrung bis hin zu offenen Deutungen, bei denen der Leser selbst abwägt und urteilt, welches Handeln welcher Figur wie zu bewerten ist. Und wenn bei kindlichen Helden von deren Grenzüberschreitungen erzählt wird, funktioniert das ja nur, weil die Grenzen dem Kind bekannt sind. So wie bei Räuberkinder von Antje Damm. Und deswegen ist auch nicht jedes wilde Kind in der Literatur ein Aufruf zur Anarchie. Auch mit „Schelmengeschichten“ können die Autoren mehr oder weniger deutlich „erziehen“. Deswegen benötigen Kinder und Jugendliche eine Vielfalt an Lesestoffen mit unterschiedlichen Lebensphilosophien, die nebeneinander stehen und die die Leser abwägen und für sich bewerten.
Und wenn Sie von „Konditionierung“ sprechen auch wenn ich eine große Befürworterin des Lesens bin: Ein Buch krempelt seinen Leser nicht einfach so um.

Sehen sie das Vorurteil bestätigt, dass Kinder aus sozial schwachen Familien weniger lesen? Man hört ja immer wieder, dass Kinder, die aus einem problematischen Umfeld kommen, lieber zur Spielekonsole greifen, als zum Buch.
Es ist ja nun mal so, dass in begüterten Familien die Mediennutzung allgemein viel höher ist, als in Haushalten, in denen weniger Geld zur Verfügung steht. Die Aussage, dass der Computer und das Fernsehgerät die zentralen Medien der ärmeren Bevölkerungsschicht sind, ist daher eher fragwürdig. Außer Frage steht, dass der Bildungsgrad der Eltern und der Buchbesitz wirkungsvolle Faktoren sind, die das Lesen begünstigen. Fehlen die Bücher, heißt es aber noch lange nicht, dass gar nicht gelesen wird. Und ebenso kann man nicht schlussfolgern, dass im Haushalt vorhandene Bücher bedeuten, dass gelesen wird. Eins ist allerdings klar: Wo die finanziellen Mittel keine ausreichende Anschaffung von Lesematerial erlauben und wenn Eltern selbst nicht lesen, sinkt die Chance, dass das Kind früh ans Lesen herangeführt wird.

Glauben sie, dass das Feld der Jugendliteratur in der Schule ausreichend behandelt wird?
Ja und Nein.
Ja, denn ich sehe, dass viele Lehrer bemerkenswerte Projekte auf die Beine stellen und die Lektüre von Kinder- und Jugendliteratur intensiv fördern. Außerdem sehen praktisch alle Bildungspläne vor, dass in der Sekundarstufe I Kinder- und Jugendliteratur gelesen wird.
Nein, denn vielfach sind erfreuliche Aktionen nur auf das spezielle Engagement von (einzelnen) Lehrern zurückzuführen. Insgesamt gibt es an Schulen zu wenige Bücher: Kaum eine Schule verfügt über eine belletristisch bestückte Bibliothek, vor allem in Klassenzimmern fehlen zumeist Bücher - je älter die Schüler werden, desto mehr. Bei den Klassenlektüren dominieren aus Geldmangel und aus fehlender Zeit oder unzureichendem Interesse Bücher, die nicht (mehr) wirklich geeignet sind, Schüler heute für das Lesen zu interessieren. Auch beim Umgang mit der Lektüre in der Schule ist noch einiges zu verbessern: Oft müssen alle Schüler einer Klasse dasselbe Buch lesen, egal, was sie interessiert; vielfach wählt der Lehrer das Buch und nicht die Schüler und der Kommunikation über die eigenen Leseerfahrungen und der Verarbeitung der Eindrücke wird oft viel zu wenig Raum eingeräumt, gegenüber dem reinen Verstehen des Textinhalts.

Ist die Begeisterung für Kinder- und Jugendliteratur zurückgegangen?
Ein klares Nein! Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hat sich die Produktion von Kinder- und Jugendliteratur nahezu verdoppelt. Es gibt mehr Lesefeste und andere öffentliche Aktivitäten rund ums Lesen als je zuvor. Die Wertschätzung der Arbeit von Kinderbuchautoren und Illustratoren sowie der Übersetzer ist gestiegen, wenngleich sie leider noch immer weit entfernt ist von der Wertschätzung der Autoren von Erwachsenenliteratur.
Insgesamt möchte ich anstatt eines Rückganges von einer Zunahme des Interesses auf Gebieten des literarischen Marktes, der schulischen und außerschulischen Leseförderung und der Präsenz in der öffentlichen Diskussion sprechen.

Was ist der Grund für eine Jugendjury? Weshalb verleihen die Jurys die Spartenpreise nicht gemeinsam?
Die separate Jugendjury gibt es noch gar nicht so lange. Früher waren Kinder und Jugendliche Teil einer einzigen Jury. Doch um den Jugendlichen eine eigene Stimme zu geben und ihren eigenen Vorstellungen von guter Literatur Raum zu lassen, wurde eine separate Jugendjury etabliert, die aus jeweils sechs Leseclubs besteht. Und wenn man deren Nominierungen der letzten Jahre verfolgt hat, ist klar erkennbar, wie viele unterschiedliche Leseinteressen es bei Jugendlichen gibt. So finden Sie bei den nominierten Büchern übrigens auch Titel, die offensichtlich nicht der Jugendliteratur zuzuordnen sind. 2005 etwa stand Kafka am Strand von Haruki Murakami in der Liste der Jugendjury (Anm von A.K.: Ein teils verstörender Roman mit komplexen Charakteren).


Sehr schön ist dabei, dass die Leseclubs nicht ausschließlich von Gymnasien gestellt werden, soweit ich mich erinnere ist auch eine Hauptschule vertreten.
Ja, der „Do it - read a book!“ Leseclub der Städtischen Hauptschule Wermelskirchen – auch so ein Beispiel von gelungener Leseförderung, die auf das besondere Engagement der leitenden Lehrerin zurückgeht

Haben Sie, unabhängig von den nominierten Titeln, einen Lesetipp?
Ein Roman hat mich in der letzten Zeit inhaltlich fasziniert. Weggesperrt von Grit Poppe ist ein Jugendroman, der in den letzten Tagen der DDR spielt. Als ein besonders Buch ist mir Lienekes Hefte aufgefallen, das im Verlag Jacoby und Stuart in einer einer wunderschönen Ausgabe erschienen ist. Es handelt sich um einen Schuber mit kleinen Heften, die die gemalten und geschriebenen Briefe eines jüdischen holländischen Vaters während des 2. Weltkriegs an seine Tochter enthalten.

Vielen Dank für das schöne Interview.
Gerne.


Frau Dr. Susanne Helene Becker ist die Vorsitzende der Kritikerjury des Jugendliteraturpreises 2009. Die Kritikerjury setzt sich aus acht weiteren Mitgliedern zusammen, von denen jeweils zwei Mitglieder Expertenrollen für eine der vier Sparten (Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch) einnehmen.
Zusätzlich zur Kritikerjury gibt es eine Jugendjury, die sich aus sechs Leseclubs zusammensetzt und eigenständig Titel nominiert und den Preis der Jugendjury verleiht. Der Sonderpreis geht an eine lebende deutsche Autorin, Illustratorin oder Übersetzerin bzw. einen lebenden deutschen Autor, Illustrator oder Übersetzer.

Die Fragen stellte Alexander Kollecker

Alexander Kollecker studiert Geschichte und Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er absolviert seit Ende Juli ´09 ein Praktikum bei Mediakontakt Laumer.






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