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News und Termine vom 03.09.2009
Wiederentdeckt: Thomas Wolfes „Schau heimwärts, Engel“
1929 erschien in den USA Thomas Wolfes fulminanter Roman „Schau heimwärts, Engel“. Er wurde zu einem Klassiker der amerikanischen Moderne. Schon drei Jahre später kam bei Rowohlt bereits die deutsche Übersetzung heraus. Wolfes Erstling war ein enormer Erfolg auf dem Buchmarkt des damaligen Deutschen Reiches.

Nun liegt das Kultbuch vergangener Lesegenerationen achtzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in einer stellenweise erweiterten Neuübersetzung von Irma Wehrli vor.

Meilenstein der amerikanischen Erzähltradition
Zu entdecken ist ein vitaler Roman von scheinbar unkontrolliertem stilistischem Überschwang: kolossal in seiner epischen Breite, ein Roman der großen Gefühle, im Ton häufig schwärmerisch und pathetisch. Das mag heute irritieren, hat sich doch seit Beginn der Moderne die Literatur von derartigen wuchtigen Epen weit entfernt. Dieser Roman ist ein Schmöker, ein als brillantes Lesefeuerwerk verpacktes literarhistorisches Monument.

Thomas Wolfe steht auf der Stufe mit Marcel Proust und Thomas Mann. Die Errungenschaften der erzähltechnischen Moderne, wie z. B. Joyces Inneren Monolog aus dem „Ulysses“, hat er geschickt verarbeitet. Als Postromantiker gehört Wolfe in die Erzähltradition der Great American Novel von Hermann Melvilles „Moby Dick“ bis Mark Twains „Huckleberry Finn“. Sein „Schau heimwärts, Engel ...“ ist als Entwicklungs- und Bildungsroman ein Vorläufer von Salingers „Fänger im Roggen“ und als Familienroman eine Abrechnung mit dem "American way of life".

Wolfe ist tief in der angelsächsischen Literatur verwurzelt. Hilfreich ist daher bei diesem überaus anspielungsreichen Roman der Stellenkommentar der Übersetzerin. Das kurze Nachwort von Klaus Modick erhellt die Entstehungsgeschichte des Romans und beschreibt die biographischen Stationen Thomas Wolfes, der nur 38 Jahre alt an Tuberkulose starb.

Wolfe wurde zunächst in Deutschland mehr geschätzt als in Amerika. Obwohl alle späteren großen US-Romanciers - von William Faulkner bis John Updike, von Philip Roth über Richard Ford, ja bis zu den jüngeren Autoren wie Jonathan Franzen – von ihm nachhaltig beeinflusst sind, so sehr sich ihre Stile untereinander (und von Wolfes) auch unterscheiden mögen. Es geht dabei nicht so sehr um stilistische Traditionslinien, sondern um das gemeinsame Thema: der kritische Blick auf die amerikanische Mittelstandsgesellschaft.

Ein facettenreiches Familienporträt
Wolfes grandioser Roman ist mehr als ein eruptives Debüt eines Endzwanzigers. Er kommt zwar wie ein erzählerisches Kraftwerk daher, und offensichtlich hat er auch keinen Wert darauf gelegt, einen „perfekten Roman“ schreiben zu wollen. Sein Lektor hat seiner epischen Maßlosigkeit Grenzen gesetzt und die ursprüngliche Fassung um fast ein Drittel gekürzt. Doch ein Dampfplauderer ist Thomas Wolfe nicht ...

Der Titel des Romans ist ein Zitat aus einer Totenklage von John Milton (1608 - 1674) und bildet das zentrale Romanmotiv der Heimatsuche des Helden, der sich in der Welt wie „ein Fremder“ fühlt. Der Roman durchleuchtet als Zeit- und Sittenbild die Legenden und Mentalitäten der „Neuen Welt“ in den ersten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Die historischen Passagen - u. a. über den Bürgerkrieg und die Feldzüge im 19. Jahrhundert sowie die Schilderungen der US-Heimatfront im Ersten Weltkrieg – verraten viel über die Entstehung der imperialen Großmacht USA. Der Roman endet 1918.

Selbstporträt des Autors als junger Mann
Wolfe erzählt Autobiographisches, auch wenn sein Held Eugene Gant und der Ort der Handlung Altamont (Wolfes Geburtsort Asheville in North Carolina) heißen.

Eugene ist ein Nachzügler. Er wird als siebtes Kind (wie Wolfe) 1900 in die etwas seltsamen Verhältnisse eines skurrilen Elternhauses hineingeboren. Der Vater ist Steinmetz, ein jähzorniger, schwadronierender Säufer, ein dröhnender, zuweilen naiver Vertreter des amerikanischen Pioniergeistes. Die Mutter Eliza ist eine ewig klagende Krämerseele, die eine Pension führt und erfolgreich mit Immobilien handelt: der personifizierte Materialismus der Wirtschaftsmacht USA.

Lebensprall sind die Schilderungen des Alltags einer Familie von Visionären und Scheiternden. Zwischen den Eltern wie den Geschwistern herrscht eine Menge Zwietracht und Erbitterung; alle haben sehr unterschiedliche Temperamente und Lebensentwürfe. In der Figurenzeichnung zeigt sich trotz manchem Schematismus in der Charakterisierung ein sezierender psychologischer Blick.

Die Geschichte Eugenes ist die seines Erzählers: Beide sind hin- und hergerissen von vitalem Lebenshunger und verzehrendem Lebenszweifel. Die rauschhaft erlebte erste Liebe wird von der Angebeteten schmählich verraten. Erst in der geisterhaften Schlussszene findet Eugene unter dem Rauschen der Flügel des steinernen Totenengels in der Werkstatt seines Vaters seine wahre Bestimmung als zukünftiger Autor.

Lob der Neuübersetzung
Thomas Wolfe ist nicht frei von groß auftrumpfender literarischer Gebärde, die von einer etwas aufgeblasenen Rhetorik orchestriert wird. Sein Stil verfügt jedoch über genügend Realismus, feine Ironie und abgründige Komik, um den Überdruck auszugleichen, bevor die Handlung ins Klischee oder in den Kitsch abzudriften droht.

Irma Wehrli hat die alte Übersetzung entstaubt, hat Missverständnisse und Fehler korrigiert. Der emotionale stilistische Überschwang, die üppige Metaphorik Wolfes machen es einer Übertragung in eine andere Sprache nicht leicht. Wehrli trifft jedoch den passenden Rhythmus der ausufernden Sätze des Originals mit seinen „syntaktischen Kaskaden“. Sie bringt die häufig hochfahrende, rhapsodische Sprache zum Klingen, die zwischen slanghafter Umgangsprache und hohem Ton schwankt, mal hymnisch, mal sarkastisch oder sentimental ist. Die Übersetzung aus den frühen 30er Jahren war von dem eher idealistischen „jugendbewegten Starkdeutsch“ durchwebt. Die Neuübersetzung liest sich dagegen frischer und lebhafter. Wehrlis Version ist in vielerlei Hinsicht zeitgemäßer und, was kein Widerspruch ist, authentischer: Sie kommt dem Text aus den 20er Jahren näher und lässt den Roman neu glänzen.

Eine Rezension von Rüdiger Dingemann

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli. Mit einem Nachwort von Klaus Modick. Manesse Verlag, München 2009






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