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| News und Termine vom 17.09.2009 |
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Über Harry Rowohlts nicht weggeschmissene Briefe
Autoren sehen sich spätestens seit Goethes und Schillers Zeiten dem Verdacht ausgesetzt, Briefe vor allem im Hinblick auf eine spätere Veröffentlichung zu schreiben. Alles will abgewogen formuliert sein, das zu Papier gebrachte muss Gewicht, eine Bedeutung für die Nachwelt haben. Alles andere wird mündlich verhandelt ...
Schriftsteller heben deshalb selbst Briefentwürfe auf, fertigen Kopien (früher Durchschriften) an, damit die Adressaten für eine eventuelle Publikation nicht erst aufgefordert werden müssen, die erhaltenen Schriftstücke leihweise zurückzusenden. An sie gerichtete Schreiben heben diese ebenso gern auf, zumal wenn es sich um namhafte Absender handelt. So entstehen nach dem Ableben eines Autors häufig aufschlussreiche Briefeditionen mit mehr oder weniger ausführlichem Kommentarteil. Und: Autografenhändler können ihr Geschäftchen machen, falls die Briefkonvolute nicht mit dem übrigen Nachlass an ein Archiv (z. B. Marbach) übergeben wurden.
Literarisches Tagesgeschäft
Der Kolumnist und Übersetzer Harry Rowohlt (HR) hält es wie die meisten seiner Zunftgenossen: Er wirft nichts weg. Und Autoren bekommen eine Menge Post: von Verlegern, Kollegen, Lesern, Buchhändlern, Journalisten und Veranstaltern. Vieles ist banales Alltagsgeschäft.
Etwas kokett betitelt HR seine Briefedition zu Lebzeiten als „nicht weggeschmissen“. Eine Briefedition zu Lebzeiten kommt auch nicht so häufig vor. Umso mehr freut dies den Leser: So kann er nämlich regen Anteil am aktuellen literarischen Ping-Pong-Spiel und Tagesgeschäft nehmen und sich dabei bestens unterhalten lassen. Denn HR ist auch beim Briefschreiben – wir haben es auch nicht anders erwartet – als Spötter in Hochform und erweist sich als launig wie bärbeißig, bisweilen kauzig. Seine Korrespondenz ist also viel amüsanter als die anderer Autoren, die häufig den Odem der Geistesgeschichte atmen und literaturhistorische Interessen befriedigt. Mit einem Wort: Harry Rowohlts Briefedition ist reinstes Lesevergnügen!
Inzwischen liegt nun schon der zweite Band der „nicht weggeschmissenen Briefe“ vor. Der erste erschien 2005 zu seinem 60. Geburtstag unter dem schönen Titel: „Der Kampf geht weiter (...)1956 – 2004.“ Der in diesem Jahr erschienene hat einen nicht minder netten Titel: „Gottes Segen und Rot Front“, postalische Zustellungen im Zeitraum von 2005 bis zum 20. März 2009. Herausgegeben hat die Bände Anna Mikula, die bereits für den ersten Band über 30.000 unsortierte Briefe und für den zweiten wiederum mehrere Aktenordner gesichtet hat.
Die öffentliche Figur mit dem Rauschebart
Rowohlts Auftritte als Penner in der ARD-Ewigserie „Lindenstraße“ und seine Lesungen haben um ihn – wohl nicht zuletzt auch durch sein äußeres Erscheinungsbild – einen gewissen Kult entstehen lassen. Da bekommt man schon eine Menge Post.
In den Anschreiben, die er erhalten hat und hier veröffentlicht sind, dürfen natürlich auch enthusiastische Beifallsbekunden für sein gelungenes Übersetzerhandwerk von Flann O'Brien bis Kurt Vonnegut nicht fehlen. HR hat in den letzten 40 Jahren 152 Bücher übersetzt, dazu 5 Theaterstücke und einen Film! Hinzu kommen noch seine Kolumnen u. a. in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und diverse Buchpublikationen. Die Korrespondenz mit den von ihm zu übersetzenden Autoren gibt einen Einblick in seine Übersetzer-Werkstatt.
HRs Epistel sind nie langatmig oder gar langweilig. Im Gegenteil: HR frönt der Lust der Abschweifung. Allzu episch breit wird er dabei nicht; manche Briefe sind gerade mal eine halbe Druckseite lang. Doch ein rhetorischer Schlenker hier, eine Mini-Anekdote oder eine vortreffliche Formulierung dort finden sich immer. Es muss ihm selber beim Schreiben eine wahre Freude und weniger eine Last gewesen sein, bei der Beantwortung eines Briefes drauflos zu fabulieren.
Kleine Stilkunde des Briefeschreibens
In der Anrede an seine Briefpartner bevorzugt HR das „Liebe(r) ...“. Seinem Verleger Peter Haag von Kein & Aber, wo auch beide Brief-Bände erschienen sind, ruft er immer ein herzhaftes „Salü, Sternenbruder“ zu. Den Zeichner Nikolaus Heidelbach nennt er kumpelhaft „Frechdachs“, Peter Rühmkorf „Lüngi“, Ror Wolf ist ihm jedoch ein „Hochverehrter“ wert, und Siegfried Lenz begrüßt er mit „Lieber, verehrter ...“. Seine Grußformeln sind mal schlicht – „schönen“ oder „herzlichen“ Gruß – aber auch emphatisch wie „Freundschaft!“ oder einfach „Ciao“ oder „Tschüs“.
In seinem ganz eigenen Charme ist HR als Briefschreiber stets verbindlich, häufig jedoch unerbittlich sarkastisch und an einigen Stellen auch etwas grob. Zum Beispiel bei Absagen an Politiker oder Parteien, ebenso bei von ihm nicht gerade geschätzten Kritikern oder allzu lästigen Leserbrief-Schreibern. HR grantelt auf hanseatische Art und schmäht diesen und jenen Zeitgenossen.
Viele Briefstellen sind mit Erläuterungen in Klammern versehen, einige Seiten mit Ausrufe- und Fragezeichen übersät, manche Sätze um der besonderen Betonung Willen versal gesetzt. Zum Beispiel versagt bei einem Brief an seinen Verleger Haag auf HRs Schreibmaschine das „n“. So tippte er als tapferer „Tippknecht“ immer, wo ein „n“ stehen müsste, zwei Striche: // .
Denn HR hat keinen Computer. Er sei „nachweislich zu blöd für Computer“, bekennt er freimütig auf Seite 100, und bevorzugt von daher eine „herkömmliche Schreibmaschine“. Wer ihm schreiben will, muss einen Brief mit der Schneckenpost oder, wenn’s schnell gehen muss, per Fax schicken.
Eine Fundstelle wollen wir noch kurz zitieren. In einem Brief an den österreichischen Autor und Moderator Hermes Phettberg („Mein lieber, kleiner Hermes“) gibt HR einen von ihm erfundenen „schönen Bekräftigungssatz“ zum besten, der ihm als „Neigungsornithologe“ wohl anstehe: „Das spült doch den stärksten Röhrichtbrüter vom Gelege!“ ...
Nun denn! Wohl an Leser, greife zum Buch und freue Dich – „hienieden einen schönen Gruß ... aufs Allerschönste“ Ihr ...
Von Rüdiger Dingemann
Harry Rowohlt: Gottes Segen und Rot Front. Nicht weggeschmissene Briefe II.
Herausgegeben von Anna Mikula. Kein & Aber Verlag, 2009. 272 Seiten, 19,90 Euro
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