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| News und Termine vom 30.09.2009 |
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| Kurzinterview mit HEINRICH STEINFEST anlässlich des MARBURGER KRIMIFESTIVALS |
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Ganz kurz vor dem Beginn des Festivals gibt es heute ein Interview mit HEINRICH STEINFEST ...
1. Das Krimi-/Thriller-Genre ist beliebter denn je. Die Lust an Geschichten über das Böse, über kriminelle Taten scheint stetig zu wachen. Wie erklären Sie sich diese Faszination? Und was macht für Sie den Reiz aus, Krimis zu schreiben?
In erster Linie besteht der Reiz wohl darin, Figuren zuzusehen, wie sie in Extremsituationen geraten, wie sie gezwungen sind, fundamentale Entscheidungen zu treffen und immer wieder vor der klassischen Frage nach Gut und Böse stehen. Der Leser, denke ich, identifiziert sich stark mit der Grenzerfahrung der Figuren, wenn das Menschliche und das Unmenschliche ganz dicht nebeneinanderstehen und ein Lavieren nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig kann der Leser gefahrenlos vom Wohnzimmer oder von der U-Bahn-Sitzbank aus gefährliche Welten durchwandern. Im schlimmsten Fall besteht purer XY-ungelöst-Voyeurismus, im besten ein Nachdenken über die Mechanismen von Gewalt. Die Gewalt, die einen selbst bestimmt.
2. Wie kam es zu Ihrem außergewöhnlichen Protagonisten?
Meinen Sie Cheng, den einarmigen Detektiven chinesischer Abstammung, der kein Wort Chinesisch spricht und sich durch und durch als Wiener empfindet? Alle meine Figuren verfügen über einen "Makel", der sie erst vollständig macht und somit auch "perfekt". In meinem neuen Roman "Gewitter über Pluto" ist es ein Außerirdischer, der sich auf unserer Welt lebend in einen klugen, gewitzten, gleichzeitig auch von Vorurteilen getriebenen, sentimentalen Biedermeiermenschen verwandelt hat und verzweifelt an seiner "Stuttgarter Idylle" festzuhalten versucht. Der sich lieber in Eskalationen flüchtet, um seinen eigentlichen Auftrag nicht erfüllen zu müssen. Ein Agent als Verweigerer. Viele meiner Figuren sind so, weniger Helden als geworfene, getriebene Menschen, auch wenn sie grad Außerirdische sind. Das sind sowieso die menschlichsten.
3. Woher kommt die Inspiration? Was weckt Ihre Aufmerksamkeit, so dass Sie darüber schreiben wollen?
Schlichterdings ALLES. Kein Detail des Lebens, das nicht mein Interesse wecken würde. Das ist meine Position, daß nämlich im Kriminalroman ja auch der "Roman" steckt, somit nicht allein der "Kriminalfall" zu beschreiben wäre, sondern das gesamte Umfeld, in welchem er stattfindet: der Ort, die Landschaft, die Gedanken und Träume der Figuren, die Tiere, die Kinder, die Architektur, die magische Komponente wie die naturwissenschaftliche. Auf meinen neuen Roman übertragen: die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland" genauso wie jene physiktheoretische Kreatur, die wir als "Schrödingers Katze" kennen.
3a. wenn es darum geht, gesellschaftliche Themen aufzugreifen, die mir unter den Nägeln brennen - und Schreiben muss mich selbst unterhalten, das ist eigentlich mein größter Anspruch.
Noch einmal: ALLES brennt mir unter den Nägeln. Darum schreib ich ja soviel. Und wenn es mich selbst unterhält, wird es auch ein paar andere unterhalten.
4. Lesen Sie selbst Krimis von Kollegen und gibt es Lieblingsautoren oder Vorbilder?
Ich lese in erster Linie jene Bücher, die für meine Arbeit am jeweiligen Roman wichtig sind. Man könnte sagen, ich lese die Bücher, die auch meine Figuren lesen, die ihr Wissen bestimmen. Wenn meine Figur sich für Paläontologie interessiert, lese ich sinnvollerweise Bücher über Paläontologie. - Meine eigenen Lieblinge sind eher krimiuntypisch, dennoch hilfreich: der virtuose Thomas Bernhard, der elegante Heimito von Doderer, der heilige Herr Wittgenstein und so ziemlich alles von Donald Duck.
5. Philosophische Alltagsbeobachtungen, Skuriles, Morbides, ein wenig Schmäh und einen deutlich hörbaren bzw. lesbaren Dialekt und Sprachwitz - man erkennt den österreichischen Krimi. Woran liegt der Unterschied zu deutschen Krimis. Gibt es Verständigungsschwierigkeiten?
Der österreichische Krimi ist naturgemäß österreichischer als die anderen und wie alles Österreichische durchtrieben, barock, das theatralische Moment des Menschen betonend, die Groteske des Lebens herausschälend, verliebt in die Sprache, die Komik und den Abgrund. Der österreichische Autor kommt, wie Bernhard wohl sagen würde, aus dem österreichischen Sumpf. Das prägt ihn. Aus diesem Sumpf kann man freilich einiges herausholen. Einige beweisen das, etwa Wolf Haas, Stefan Slupetzky und Manfred Wieninger. - Für die Deutschen ist das Österreichische ein Spiegel unterdrückter Triebe, also bestens zu verstehen.
Vielen Dank für das Interview!
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