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| News und Termine vom 12.10.2009 |
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| Reisende auf einem Bein barfüßig im Februar |
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 | Herta Müller und Felicitas von Lovenberg |
Herta Müller hat eine Geschichte zu erzählen
Herta Müller war der Geheimtipp für den diesjährigen Literaturnobelpreis. Bis vor ein paar Wochen wussten nur wenige, dass sie überhaupt nominiert war. Nur eine eher beiläufige Bemerkung hatte Mitte August Herbert Böttiger im DeutschlandRadio Kultur bei seiner Besprechung ihres neuesten Buches „Atemschaukel“ gemacht. (Diese Randnotiz haben wir bei der Vorstellung der Bücherpreis-Shortlist an dieser Stelle kolportiert.) Dass es tatsächlich dazu kommen würde, daran dachte kaum jemand ...
Erst die zwölfte Autorin
Herta Müller hat schon viele Ehrungen bekommen: darunter den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis, den Würth-Preis für Europäische Literatur und 2006 den Walter-Hasenclever-Literaturpreis - und nun den Nobelpreis. Sie ist erst die zwölfte Frau in der 109-jährigen Nobelpreis-Geschichte. Die erste Preisträgerin war genau vor hundert Jahren Selma Lagerlöf.
Nun wird Herta Müller von allen entdeckt. Hoffentlich auch von vielen gelesen. Wie zu hören ist, waren ihre Bücher schon einen Tag nach der Bekanntgabe (8.10.) „ausverkauft“. Die Ladensortimenter machen ebenso ein blendendes Geschäft wie die Online-Buchhändler. Die Nachfragen bei den Antiquariaten überschlagen sich, bis heißlaufende Druckmaschinen die Nachauflagen ausgedruckt haben. Soweit so gut – so läuft es immer, wenn ein Überraschungs-Kandidat das Rennen um den begehrtesten Literaturpreis der Welt gewonnen hat.
Doch wie lange wird der Hype anhalten? Alle waren platt, schrieb börsenblatt-online kurz nachdem die Nachricht um die Welt gegangen war. Der Vorsteher des Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, freute sich "uneingeschränkt und riesig". Herta Müller sei „eine der größten Stimmen, die wir haben. Kräftig und fein".
Nicht nur große Freude herrscht(e) in der Buchbranche, sondern auch im Bundespräsidial- wie im Kanzleramt. Beim kurzen Statement von Angela Merkel konnte man sogar den Eindruck gewinnen, sie habe schon einmal ein Buch von Herta Müller gelesen. Der zuständige Referent hat ihr jedenfalls die richtigen Sätze aufgeschrieben.
Selbstverständlich war die heimische Literaturkritik begeistert über die neue Nobelpreisträgerin. Bis auf Marcel Reich-Ranicki, der einen Kommentar am Telefon mit den Worten ablehnte: "Ich will nicht über die Herta Müller reden. Adieu!". Günter Grass dagegen zeigte sich mit der Entscheidung „sehr zufrieden“, sie sei eine sehr gute Romanautorin, auch wenn sein persönlicher Favorit Amos Oz gewesen sei. (Übrigens wohnte Grass einst im selben Berliner Bezirk Friedenau wie jetzt Herta Müller.)
Eine deutsch-rumänische Autorin
Große Freude herrschte auch in dem kleinen west-rumänischen Ort Nitzkydorf, dem Geburtsort Herta Müllers, und in Bukarest, hier besonders in der Kulturszene. "Es ist, als hätte ich selbst ein bisschen vom Nobelpreis bekommen", sagte der rumänische Literat Caius Dobrescu. Der Dichter Mircea Dinescu, der unter der kommunistischen Herrschaft politisch verfolgt war, meinte: Herta Müller sei eine „tragische Repräsentantin der Literatur des wilden Ostens“. Für die Leiterin der rumänischen Aufarbeitungsbehörde, Germina Nagat, ist sie eine „große deutsche Schriftstellerin“, sei aber auch als Rumänin zu betrachten, da sie unter dem Ceausescu-Regime leiden musste ...
Die Nobelpreisträgerin wurde1953 geboren. Sie gehört(e) der in Rumänien lebenden und vom damaligen Staat drangsalierten deutschsprachigen Minderheit der Banater Schwaben an. Ihre Mutter war 1945 in die Sowjetunion deportiert worden und musste dort fünf Jahre Zwangsarbeit verrichten. Ihre Tochter Herta durfte in Rumänien nicht publizieren. Die studierte Germanistin, die als Übersetzerin arbeitete, war durch Verfolgung bedroht. 1987 ging sie mit ihrem damaligen Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik.
Ein politisch-poetisches Werk
Herta Müller ist eine unvergleichliche Stimme der deutschsprachigen Literatur. Ihr Schreiben ist den schwierigen Lebensumständen, vor allem ihren ersten 34 Jahren in Rumänien, abgetrotzt. Diese Bedingungen sind es, die sie zu einer Autorin einer ganz besonderen Literatursprache gemacht haben, mit der sie ihre zum Teil traumatischen Erfahrungen „verarbeitet“ und zu überwinden sucht: Es ist eine Poesie, die Schrecken festhält.
Das zeigen schon die Titel ihrer Bücher: wie z. B. die noch in Rumänien geschriebenen Erzählungsbände "Niederungen" (1984), "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" (1986), "Barfüßiger Februar" (1987) oder der erste in Deutschland geschriebene Roman "Reisende auf einem Bein" (1989) sowie die Romane "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), "Herztier" (1994), "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1997) und "Atemschaukel" (2009). Auch ihre Essay-Sammlungen tragen starke poetische Titel: "Der fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne" (1999), "Der Teufel sitzt im Spiegel" (1991), "Hunger und Seide" (1995) und "Der König verneigt sich und tötet" (2003).
Die Jury der Königlich-Schwedischen Akademie brachte es in ihrer Begründung für Herta Müller auf den Punkt, wenn sie von einer „Reinheit“, der ihrer Dichtung innewohne, sprach. Ihre Bücher zeichneten "mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit".
Peter Englund, der Chef der Nobelpreis-Akademie, ergänzte, Müllers Texte seien "völlig ehrlich“ und von einer „unglaublichen Intensität“. Sie schreibe als Angehörige einer Minderheit "völlig ohne Rücksicht auf sich selbst". Sie habe "wirklich eine Geschichte zu erzählen".
Buchpreis vs. Nobelpreis
Der Roman "Atemschaukel" beschreibt das Schicksal eines 17-jährigen Deutsch-Rumänen (gemeint ist Oskar Pastior), der während des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit in die damalige Sowjetunion deportiert wird. Das Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und damit liefert er (völlig unschuldig) das Dilemma dieses Preises, der ja den „besten“ deutschsprachigen Roman des Jahres küren will. Wird sie den Preis nun auch bekommen? Und wenn nicht: Ist sie dann nicht buchpreiswürdig? Und hat dann ein anderer den "besseren Roman" geschrieben? Es macht also keinen Sinn „das beste Buch“ auszeichnen zu wollen ...
Ein Integrationsnachtrag
Von den bisher 12 deutschsprachigen Literaturnobelpreisträgern sind einige keine gebürtigen Deutschen: Der Schweizer Carl Spitteler (1919), Elias Canetti (1981) stammte aus Bulgarien und Elfriede Jelinek (2004) ist Österreicherin. Als Hermann Hesse den Preis 1946 erhielt, lebte er schon lange Jahre in der Schweiz; ebenso Nelly Sachs (1966), die in ihrem schwedischen Exil geblieben war.
Zu beobachten ist auch eine merkwürdige Vereinnahmung Herta Müllers, wie wir sie häufig bei Sportlern antreffen, die nicht mit einem deutschen Pass geboren wurden, aber nun unter der schwarz-rot-goldenen Flagge an den Start gehen. Damit es keine Missverständnisse gibt: Herta Müller ist eine deutsch-rümänische Schriftstellerin, aber vor allem eine der deutschen Sprache. Die Staatsangehörigkeit ist dabei irrelevant.
Rüdiger Dingemann
Link -Shortlist
http://www.buch-pr.de/news_1595.shtml
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