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| News und Termine vom 19.10.2009 |
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| Herbst der Frauen |
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Kathrin Schmidt erhält den Buchpreis 2009
Nicht Müller, sondern Schmidt heißt der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises. Kathrin Schmidt erhält ihn für ihren Roman "Du stirbst nicht". Das Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die nach einem Schlaganfall nur schwer aber mit Erfolg ihre Autonomie zurückgewinnt. "Man ist eigentlich bei einer Geburt dabei. Man liest, wie es ist, wenn ein Mensch entsteht, wie Identität entsteht", sagt das Buchpreis-Jury-Mitglied Iris Radisch.
Jury in der Zwickmühle
Die Nobelpreisträgerin Herta Müller ging leer aus ... Dieses Jahr muss es der Jury wohl noch schwerer gefallen sein als die Jahre zuvor sich zu entscheiden, stand doch die Literaturnobelpreisträgerin mit ihrem Roman "Atemschaukel" auch auf der Shortlist.
Doch in der Wochenzeitung „Die Zeit“ war das Jury-Mitglied Radisch mit Müllers Roman äußerst scharf ins Gericht gegangen: "parfümierter Kitsch" und "Erlebnis aus zweiter Hand". Diese Rezension sei eine "Vorverurteilung" gewesen und habe die anderen Jury-Mitglieder nicht unbeeindruckt gelassen, so der Journalist Ruthard Stäblein im DeutschlandradioKultur: Der Buchpreis sei „im Grunde entwertet" worden, da der falsche Roman prämiert werde.
Herta Müller hatte im Vorfeld der Preisverleihung verlauten lassen, dass sie den Buchpreis jemand anderem gönne. Und die Preisträgerin Kathrin Schmidt hat sich dann bei ihrer Dankesrede mehr über den Literaturnobelpreis an Herta Müller als über ihren eigenen Preis gefreut. Was für ein wunderbarer Herbst für die Frauen der deutschsprachigen Literatur ...
Eine Überraschung?
Auf jeden Fall ist die Jury des Deutschen Buchpreises sich treu geblieben: Die diesjährige Preisträgerin ist, wie es schon die Long- und vor allem die Shortlist war, eine Überraschung - auf den ersten Blick, doch auf den zweiten schon nicht mehr. Die Jury folgt, unabhängig von der literarischen Qualität des autobiographisch gefärbten Romans von Kathrin Schmidt, in ihrer Entscheidung einem Trend auf dem Buchmarkt: dem Trend der Leidensbücher, der Literatur der persönlichen Betroffenheit, der Krankheit.
Seit geraumer Zeit wird der Buchmarkt mit dieser neuartigen Bekenntnis-Literatur überschwemmt. Das Spektrum reicht von Christoph Schlingensief bis Jürgen Leinemann. Von den Äußerungen diverser (Semi-)Prominenter einmal ganz abgesehen. Es lohnt nicht, an dieser Stelle diese Titel aufzustellen. Doch man gewinnt als Marktbeobachter den Eindruck, dass Verlage wieder einmal auf derselben Welle reiten, um auch noch aus dem dramatischsten Krankheitserlebnis den allerletzten Cent abquetschen zu können.
Therapeutisches Schreiben
Schreiben kann Therapie sein. Daraus kann Literatur entstehen. Dem von einer schrecklichen Krankheit Betroffenen hilft es, wenn er – ob mündlich oder schriftlich – darüber spricht. Keine Frage. Doch muss auch alles veröffentlicht werden? Wer will und kann diese ganzen Leidensgeschichten lesen. Wie viel Mitleidsfähigkeits-Kapazität hat ein Mensch, der diese Art Bücher liest? Oder ist es schlicht nur Leser-Voyeurismus? Ist es die eigene Angst vor der Krankheit, die zur "Metapher" wird, um einen Titel eines berühmten Essays von Susan Sontag aus dem Jahr 1977 zu bemühen.
Bei Kathrin Schmidt ist das jedoch anders. Die 1958 in Gera geborene ehemalige Psychologin und politische Aktivistin der Wendezeit war schon eine mit dem Seghers-, Bachmann-, Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnete Lyrikerin und Prosaautorin, als sie an einem Hirn-Aneurysma lebensbedrohlich erkrankte. Mit dem allmählichen Wiedererlernen müssen der einfachsten Dinge, wie das Sprechen und Schreiben, überprüfte sie zugleich, ob sie noch als Autorin arbeiten konnte.
Sie konnte. Mit dem Roman „Du stirbst nicht“ erfand sie sich eine Figur, die ähnliches durchleiden musste wie sie selbst. Wie diese eroberte sich auch die Autorin mit jedem Wort und jedem Satz die Welt zurück. "Ihre Stärke", so die Kathrin Schmidt über ihre Hauptfigur, "ist, dass sie nicht depressiv ist. Und das ist sehr ähnlich meiner eigenen Geschichte." Und doch ist ihr Buch keine blanke autobiografische Krankheitsgeschichte, sondern Literatur. Die fiktive Geschichte habe sie auch erst zu schreiben begonnen, als sie selbst wieder genesen und die Verarbeitung ihrer Krankheit abgeschlossen war. So sei ihr Roman alles andere als Selbsterfahrungsliteratur.
Ihre Erzählmächtigkeit, ihr lakonischer Stil, durchsetzt mit schwarzem Humor, lässt kein großes Mitempfinden zu. Der Roman ist nicht sentimental anrührend.
Kathrin Schmidt bekannte, sie sei erschrocken gewesen, als sie am gestrigen Abend im Frankfurter Römer vernehmen musste, dass sie den Preis gewonnen hatte und nicht Herta Müller. Das Preisgeld von 25.000 Euro und wohl auch eine zu erwartende Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren ihres Romans (der Gewinner des letzten Jahres, Uwe Tellkamps "Der Turm", verkaufte sich bisher über 450.000 mal) werden ihr nun auch das materielle Überleben für eine gewisse Zeit ermöglichen. Seit 1994 sei sie nämlich "hauptberuflich" Schriftstellerin.
Lyrikerin und Autorin pyschosozialer Befindlichkeit
In ihrem bisherigen Werk erzählt Kathrin Schmidt anhand der Biografien ihrer Figuren die seelischen Zumutungen der Zeitgeschichte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, vor allem der so genannten Wendezeit.
Die studierte Sozialpsychologin debütierte 1998 als Romanautorin mit dem Buch "Die Gunnar-Lennefsen-Expedition", in dem sie weit zurückgreift und aus der Sicht der Frauen eine Jahrhundertchronik vor dem Leser ausbreitet. Es folgten die Romane "Koenigs Kinder" (2002) und "Seebachs schwarze Katzen" (2005), in denen Milieuschilderungen und genaueste psychologische Figurenzeichnungen im Zentrum der Handlungen stehen. Die Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau nannte Kathrin Schmidt eine "psychosoziale Historiografin" der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Mit dem Roman „Du stirbst nicht“ hat sie nun dieses erzählerische Terrain erweitert. Neben ihren bisherigen Romanen erschienen 2000 die Science-fiction-Novelle „Sticky ends“(Eichborn) und die Kurzprosa „Drei Karpfen blau“ in der Berliner Handpresse.
Ihr erster Lyrikband war bereits 1982 in der DDR erschienen, 1995 folgten die Gedichte „Flussbild mit Engel“ bei Suhrkamp, 2000 „Go-In der Belladonnen“ bei Kiepenheuer & Witsch und 2001 „Totentänze“. Auf Lyrikline.de trägt sie übrigens einige ihrer Gedichte vor. Abgeschlossen hat Kathrin Schnidt einen weiteren Gedichtband, der im Frühjahr erscheinen wird; z. Zt. arbeitet sie an einem neuen Roman. Auffällig ist der häufige Verlagswechsel. Es ist zu vermuten, dass sie nun mit dem Gewinn des Buchpreises ihren Hausverlag gefunden haben wird.
Von Rüdiger Dingemann
Links
Mehr zur diesjährigen zur diesjährigen Buchpreis-Gewinnerin
im Medienticker - hier
http://www.perlentaucher.de/artikel/5787.html#Buch+Blattmacher-News
lyrikline
Lyrik International, Poetry international (deutsch)
http://lyrikline.org/index.php?id=51&L=0
2009: Shortlist
http://www.buch-pr.de/news_1595.shtml
Zu Herta Müller
Reisende auf einem Bein barfüßig im Februar
http://www.buch-pr.de/news_1630.shtml
Buchpreis
http://www.deutscher-buchpreis.de
2008: Die Crux mit dem Buchpreis
Literatur und Kunst sind keine Olympiade
http://www.buch-pr.de/news_1238.shtml
Literatur und Krebs
Flucht vor zu viel Erzählung: Das Sterben der anderen und Selbstentkleidung?
(s. hier - http://www.perlentaucher.de/artikel/5731.html)
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