 |
| News und Termine vom 19.10.2009 |
 |
| Ilija Trojanow zu Gast bei den „open books“ im Frankfurter Kunstverein |
 |
In der vergangenen Woche waren anlässlich der Frankfurter Buchmesse alle Augen auf die Stadt am Main gerichtet. Über 45.000 Besucher schon am ersten Messetag. Eine enorme Menschenmenge, die sich da durch die Hallen drängte. Wie bei fast jedem öffentlichen Großereignis, standen auch dort Sicherheitsbeamte am Eingang und kontrollierten (zumindest die männlichen) Besucher, fragten, ob man ein Taschenmesser oder ähnliches mit sich führe.
Derartige Sicherheitskontrollen ist man gewohnt und mittlerweile gehören zum Bild vieler öffentlicher Gebäude und Plätze Überwachungskameras, die man auf den ersten Blick mit Lampen verwechseln könnte. Eine solche dunkle Halbkugel ziert auch das Cover der Streitschrift „Angriff auf die Freiheit“ (Hanser Verlag), die Ilija Trojanow zusammen mit seiner Schriftstellerkollegin Juli Zeh verfasst hat. „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“ heißt es im Untertitel und darüber sprach Ilija Trojanow am vergangenen Freitag anlässlich einer Lesung im Frankfurter Kunstverein mit Moderator Arno Widmann, Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau. Die Veranstaltung fand im Rahmen der „open books“ statt, mit denen das Kulturamt der Stadt die Möglichkeit schuf, abseits der Hektik der Buchmesse mit Autoren ins Gespräch zu kommen.
„Militarisierung der Sprache“
„Leben ist angewandte Unsicherheit“, eröffnete Trojanow seine Lesung. Nicht etwa, weil wir uns täglich von Terrorismus bedroht sehen müssen, sondern weil die größte Gefahr statistisch im eigenen Heim lauert. Der „kolossale Draufgänger“ sei der Heimhandwerker, nicht der Fluggast, so der Autor schmunzelnd. Die so genannte „terroristische Bedrohung“ existiere vor allem in den Medien, die als „Vollstrecker einer von der Politik geschürten Panikmache“ agierten. Trojanow beobachtet in diesem Zusammenhang eine „Militarisierung der Sprache“, das Vokabular sei seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 regelrecht „aufgerüstet“ worden. Der „Terrorverdächtige“ beispielsweise, sei bis zu diesem Zeitpunkt kaum in den Zeitungen aufgetaucht und seit dem in der progressiven wie konservativen Tagespresse präsent. Doch nicht nur die Medien, sondern jeder einzelne arbeite an der „Vorurteilsstruktur“ und dem vermeintlich klaren Bild eines Terroristen mit, indem sprachliche Floskeln wie der „islamistische Anschlag“ Eingang in das Vokabular der Alltagssprache fänden.
Unter den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen hätten immer die Bürger zu leiden, der Rechtsstaat werde außer Kraft gesetzt. „Eine Bedrohung ist jedoch immer subjektiv und damit relativ“, so Trojanow, und keinesfalls durch verstärkte staatliche Kontrolle abzuwenden. „Kriminalität kann die Freiheit eigentlich gar nicht gefährden. Man kann jemanden töten, aber man kann nicht die Freiheit abschaffen.“ Das könne wenn überhaupt ein Innenminister, nicht aber ein vermeintlicher Terrorist, so der Schriftsteller. Selbstmordattentate seien letztendlich nur zu verhindern, indem man die soziale Situation in den betroffenen Ländern stabilisiere.
„Selbstausbildung auf Kosten des Lesers“
Vor einem „Angriff auf die Freiheit“, die jeder einzelne sich vom Staat gefallen lassen soll, wollen Ilija Trojanow und Juli Zeh in ihrem Buch warnen. „Im Privatleben würde man Bespitzelungen nicht erlauben“, argumentiert Trojanow. „Wer so etwas freiwillig über sich ergehen lässt, der hat seine Würde und den Bezug zu sich selbst verloren.“
Die Auseinandersetzung mit diesem Thema wie das Schreiben überhaupt sieht der Schriftsteller als „Selbstausbildung auf Kosten des Lesers“, schließlich habe er bei der Recherche zu diesem Buch selbst unglaublich viel dazugelernt.
Dass die Stimmung unter den zahlreich erschienen Zuhörern angesichts solch ernster Themen jedoch erheitert blieb, lag sicherlich am lebendigen Gespräch zwischen Autor und Moderator, das mitunter auch polemische Züge trug. Arno Widmann sah sich angesichts Trojanows Anklage der Medienhetze zumindest gezwungen, seine Zunft zu verteidigen und augenzwinkernd darauf hinzuweisen, dass nicht bei allen Zeitungsartikeln die Wahrheit nur klein gedruckt am Schluss stehe.
Lisa Brück
|
|