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| News und Termine vom 28.10.2009 |
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| Da Capo! |
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Über die herrlichen Romane von David Nicholls und nicht angeforderte Rezensionsexemplare
Im vergangenen Sommer erhielt ich eine Büchersendung mit einem Roman, den ich nicht zur Rezension bestellte hatte. Ich las kurz das Begleitschreiben und die Infos der Presseabteilung, den Klappentext und die ersten zwei Seiten. Zuckte mit den Achseln und legte den Roman zur Seite, auf den Stapel der noch zu lesenden und zu rezensierenden Bücher.
Zu dieser Zeit steckte ich noch tief in Thomas Wolfes " Schau’ heimwärts, Engel " und war in eine ganz andere Geschichte, die vor über hundert Jahren spielt, verstrickt. Konnte auch gar nicht genug bekommen von Wolfes Sprache und seinem grandiosen Roman. Anderes sollte danach folgen, was da auf den drei Stapeln auf dem kleinen Beistelltischchen lag: immer schön der Reihe nach ...
Warum soll mich das interessieren?
Dachte ich. Und ich dachte auch: Was soll ich denn nun mit diesem mir völlig unbekannten David Nicholls und seinem 540-Seiten -Roman "Zwei an einem Tag". Was soll ich mit dieser Liebesgeschichte von zwei Absolventen der Uni von Edinburgh, die es offensichtlich nicht schaffen, zueinander zu finden. Interessant war immerhin der Einfall, die Geschichte von Emma und Dexter über zwanzig Jahre (von 1988 bis 2008) an jeweils dem selben Tag eines Jahres, dem 15. Juli, zu erzählen: Erst Emmas Tag, dann Dexters Tag. Nette Idee, dachte ich noch. Und kam das Buch nicht auch an einem 15. Juli zu mir ins Haus ...
Nachdem ich Wolfe berauscht abgeschlossen hatte, wollte ich mich erst einmal etwas entspannen, bevor ich mich einem weiteren Stück Weltliteratur, Nabokovs "Fahles Feuer", widmete. Ich griff zu dem mir unbekannten englischen Autor David Nicholls und las mehr als die ersten beiden Seiten von "Zwei an einem Tag" – und blieb im Liegestuhl sitzen und stand eine ganz Weile nicht mehr auf - bis es etwas zu frisch draußen wurde.
Nun denn: Das Buch, das mich erst gar nicht so interessieren wollte, war an einem Wochenende ausgelesen und hat mich erstaunlich berührt – vor allem der Donnerstag, der 15. Juli 2004, 18. Kapitel "Die Mitte".
Die einleuchtende Konstruktion des Romans, die lockere Erzwählweise, ohne jedoch platt oder banal zu werden, hatten mich schon die 460 Seiten zuvor für den Roman (und den Autor) eingenommen, vor allem aber die Londoner Milieuschilderungen der späten 80er Jahre bis in unsere unmittelbare Gegenwart. Vom Alter her waren Emma und Dexter nicht meine Generation, doch so fern war mir ihr Lebensgefühl auch wiederum nicht.
Ich ließ mir dann, neugierig auf diesen Autor geworden, seinen ersten und zweiten Roman schicken. Der Held von Nicholls Erstling „Keine weiteren Fragen mehr“ (2003), der 19-jährige Brian Jackson, der versucht, in seinen ersten beiden Uni-Semestern 1985/86 mit sich und seiner Verliebtheit klar zu kommen, war mir da schon wesentlich ferner als Emmas und Dexters Gefühlswelt. Und doch, obwohl ich Mitte der 80er schon lange keine 20 mehr war, erkannte ich einiges aus meiner Un-Zeit Ende der 70er Jahre wieder. Brians verquere spätpubertären Verrenkungen amüsierten mich – zumal wie auch in "Zwei an einem Tag" die Musik der Zeit in dem Roman eine herausragende Rolle spielt. (Man mag dem Verlag empfehlen, bei einer Nachauflage eine CD von Brians Lieblingssongs beizulegen). Ich wurde in die 80er Jahre zurückkatapultiert: Nicholls führt mit diesem Bildungs- und Collegeroman zurück in eine Gefühlswelt, die ich schon fast vergessen hatte ...
Der zweite Streich folgt zugleich
Davids Nicholls zweiter Roman ("Ewig Zweiter", 2005) ist im neuen Jahrtausend angesiedelt. Und es ist kein Entwicklungs- oder Bildungsroman wie die beiden anderen, sondern die tragikomische Geschichte eines gescheiterten Schauspielers. Stephen C. McQueen (sic!) schlägt schlecht und recht als „Toter vom Dienst“ in Krimiserien, als „Sammy das Eichhörnchen“ in Kinderfilmen und als Zweitbesetzung im Theater durchs Leben.
Wie in seinen anderen Büchern treibt Nicholls auch hier die Story auf einen Überraschungseffekt im letzten Drittel zu: Stets kommt die Handlung erst ganz allmählich in Gang, nimmt Tempo auf bis zum Knalleffekt und klingt dann versöhnlich aus. Auf dem Höhepunkt lacht man lauthals; wie man überhaupt bei Nicholls viel lachen kann. (Ich habe mich häufig an die Eisenbahnszene in einem Sketch von Mr. Bean erinnert, in der sich ein Mitreisender köstlich über seine Lektüre amüsiert.)
Da Capo, Mr. Nicholls!
David Nicholls, Jahrgang 1966, kann als Schriftsteller eine Menge. Dass er sich in den Milieus, die er differenziert beschreibt, bestens auskennt, beweisen seine Romane. Er kennt sich vor allem auch im britischen Showbizz aus: Er war Schauspieler und schrieb auch Drehbücher für TV-Serien wie "Cold Feet", "I Saw You" und "Rescue Me". Sein Roman "Keine weiteren Fragen" (Starter for Ten) stand lange Zeit auf der Bookseller-Bestenliste und wurde 2005 von Tom Hanks’ Produktionsfirma Playtone verfilmt, die auch die Filmrechte an "Ewig Zweiter" (The Understudy) erworben hat. Das sein bisher letzter Roman „Zwei an einem Tag“ (One Day) – auf weitere hoffen wir sehr! – auch eine gute Filmvorlage bietet, versteht sich bei diesem Autor schon fast von selbst.
Noch ein Wort zu den Übersetzungen. Ohne die englischen Originale zu kennen: Die Übersetzerinnen Ruth Keen ("Ewig Zweiter") und Simone Jakob, die die beiden anderen Bücher übertragen hat, liefern eine geschmeidige, süffig zu lesende deutsche Fassung von Nicholls Romanwelt.
Zweites Da Capo!
Der Kollege der Presseabteilung des Verlages Kein & Aber, der mich über eine gewisse Zeit immer wieder mit Titeln überrascht hat, verlässt nun den Verlag und bricht, über Sihl und Limatt hinweg, zu neuen Ufern am Zürichsee auf. Ohne ihn hätte ich nicht u. a. Robert Seethaler, Annemarie Schwarzenbach, John Barlow, Brock Clarke oder Budd Schulenberg kennen gelernt. Ich hoffe, er vergisst nicht, mich auch weiterhin mit unangefordertem Lesestoff zu versorgen. Und: Mögen seine Nachfolger bei Kein & Aber mich weiterhin ab & zu mit (mir) unbekannten Autoren überraschen. Es dankt im voraus der Rezensent – Rüdiger Dingemann
Links:
Tom Wolfes "Schau’ heimwärts Engel"
http://www.buch-pr.de/news_1577.shtml
David Nicholls
http://www.keinundaber.de/autoren/nicholls_david/index.html
www.keinundaber.ch
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