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| News und Termine vom 03.12.2009 |
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| Über die Schulter geschaut: Ein Besuch bei Redakteur Frank Hertweck |
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Literatur im SWR Fernsehen
„Kann ich als Literaturredakteur überhaupt noch eigene Leseinteressen haben?“ Frank Hertweck steht lächelnd in seinem geräumigen Büro, in der Hand eine Leseprobe des neuen 1600-Seiten-Romans von David Foster Wallace. Die Frage lässt er offen; doch die Antwort lautet wohl nein: Für dieses Monumentalwerk hat er noch keine Zeit gefunden. Der 49-jährige Literaturredakteur genießt allerdings ein ausgleichendes Privileg, um das ihn viele beneiden werden: „Ich mache nichts, was mich nicht selbst interessiert.“ Diese Einschränkung engt die Themenvielfalt seiner Sendungen weniger ein, als man zunächst glauben könnte, denn auf Nachfrage kommt er ins Grübeln: Was interessiert ihn denn nicht? Nach einer Weile fällt ihm doch ein Beispiel aus der Redaktion ein: „Wir haben mal eine Sendung ‚Peter Voß fragt’ gemacht über Magenkrebs. Das war für mich nicht so interessant.“
Zwei Gesprächsformate des SWR
„Peter Voß fragt“ ist eine der beiden Sendungen, die Frank Hertweck als verantwortlicher Redakteur betreut, unterstützt von seinen Mitarbeiterinnen Ute Bergmann und Iris Ristucci. Die zweite und sehr wichtige Sendung, die in den Redaktionsräumen der „Villa Kunterbunt“ auf dem SWR-Gelände in Baden-Baden entsteht, ist „Literatur im Foyer“. Dem nüchternen, geradezu langweiligen Gebäude wurde dieser Name Anfang der 90er für eine Fete an die Glasscheiben der Eingangstür geklebt. Dabei ist es geblieben. Die offizielle Bezeichnung wissen weder Hertweck noch die Taxifahrer von Baden-Baden.
Die Literaturredaktion des SWR gilt als die aktivste der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Dazu tragen die 30 halbstündigen Ausgaben von „Literatur im Foyer“, die Jahr für Jahr ausgestrahlt werden, wesentlich bei. Die Moderatorinnen, Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg, laden üblicherweise jeweils zwei Schriftsteller ein; aufgezeichnet wird in Baden-Baden, Mainz oder Stuttgart. Unter den etwa siebzig Autoren im Jahr sind etwa zwanzig Debütanten, die allerdings meistens von eingeführten Häusern verlegt werden. Sechsmal im Jahr werden zusätzlich einstündige Sendungen zu aktuellen Sachthemen, wichtigen Ereignissen, Trends oder Jahrestagen produziert. Darunter waren Themen wie Islam, Schiller, Darwin, Werte in der Gesellschaft oder Freiheit.
Hertweck ist spürbar stolz auf die Sendung, die bundesweit auf 3SAT wiederholt wird: „Bei uns wissen die Autoren: Wir haben die Bücher gelesen und die Fragen sind gut vorbereitet, die Logistik drumherum stimmt.“ Echte Pannen hat es noch nie gegeben. Nur einmal ist Thea Dorn ausgefallen, so dass eine Kollegin kurzfristig einspringen musste. „Und sie moderierte bravourös“, ergänzt Hertweck anerkennend. Auch bei der Schilderung anderer Sendungen gerät er leicht in Begeisterung. Für seine Moderatorinnen und die Auftritte der Gäste kommen ihm schnell Worte wie „genial gut“ oder „Wahnsinnssendung“ in den Sinn.
Auch für „Peter Voß fragt“ (früher Bühler Begegnungen) ist Hertweck voller Enthusiasmus. In den jährlich zwölf 45-minütigen Sendungen, die auf 3SAT ausgestrahlt werden, widmet sich der ehemalige SWR-Intendant Voß jeweils einem Gast. Die Themen sind fast immer gesellschaftspolitisch; Gäste waren zum Beispiel Josef Ackermann, Erika Steinbach oder Hans Magnus Enzensberger.
SWR-Bestenliste
Jeden Herbst trifft sich in Baden-Baden die dreißigköpfige Jury der SWR-Bestenliste, um bei diesem „Kritikertreffen“ in geheimer Wahl den Preis der Bestenliste zu vergeben und neue Mitglieder vorzuschlagen, über deren Aufnahme Frank Hertweck entscheidet. Auch die Vermarktung und Präsentation der Liste gehört zu seinen Aufgaben. Auf ihre große Bekanntheit ist Hertweck wiederum stolz: „ Sie ist eine Marke. Die einzige Liste, die überregional funktioniert, vor allem wegen der 35-jährigen Tradition. In Berlin kennen die Menschen das SWR-Programm vielleicht nicht, aber die Liste.“ Nicht nur „Literatur im Foyer“ präsentiert monatlich die zehn ausgewählten Bücher. Auch im Hörfunk, in der Sendung „SWR2 Literatur“, für die Redakteur Dr. Gerwig Epkes zuständig ist, werden seit einigen Jahren an jedem ersten Dienstag im Monat jeweils vier der Bücher diskutiert.
Natürlich möchte jeder Verlag seine Titel auf der Bestenliste sehen. Die dreißig Redaktionsadressen der Jury-Mitglieder kann man in der SWR-Redaktion bekommen. Doch die Chancen, dass sich die Empfänger in einem Rezensionsexemplar spontan festlesen, sind naturgemäß gering.
Wie bringt ein Verlag seine Bücher in die Sendungen?
Was sollte ein PR-Referent über ein Buch sagen, damit Frank Hertweck die Ohren spitzt und sich den Titel genauer ansieht? „Wie sollte der Verlag beschaffen sein, ist die erste Frage“, verbessert Hertweck. Er müsse ein literarisches Porgramm haben. Natürlich versuche man auch Bestsellerautoren einzuladen; der Fantasyautor Wolfgang Hohlbein sei zu Gast gewesen, oder gerade eben zur 100. Sendung von Thea Dorn Frank Schätzing mit seinem neuen Roman. „Aber dass nun Bestsellerautoren zu hohen Quoten führen, das gilt nicht. Unser Publikum scheint das gar nicht zu erwarten. Und umgekehrt die Hohlbein-Fans wohl auch nicht, dass ihr Autor in einer Sendung sitzt, die ‚Literatur im Foyer’ heißt.“ Auch das führe wieder dazu, dass ein Verlag mit einem eingeführten literarischen Programm im Vorteil sei. Und bei Sachthemen? Da müsse der Verlag auf der Höhe der aktuell diskutierten Themen sein. „Und immer sagen: die Bücher sind toll“, rät Hertweck lapidar.
Kleine Verlage, „die man nicht so kennt“, kommen auch immer wieder in die Sendung. „Das hängt auch vom Engagement der Leute ab, die sich melden. Wenn die Verlagsleute ein bisschen beharrlich sind und ich ein Gesicht damit verbinden kann, sehe ich mir die Vorschau genauer an.“ Und Vorschauen treffen in der „Villa Kunterbunt“ natürlich stapelweise ein. Diese Informationen werden in der Redaktion zu einer „Basisliste“ zusammengedampft, aus der Hertweck bei der Planung der Sendungen schöpft.
Aus dieser Zusammenschau ergeben sich auch die Sachthemen für die einstündigen Themenausgaben von „Literatur im Foyer“, auf die Verlage nur schwer Einfluss nehmen können. Die einzige Möglichkeit, nämlich selbst frühzeitig ein Thema an die Redaktion heranzutragen, wird von den Verlagen selten genutzt. „Weil ihnen häufig der große Überblick über die Neuheiten fehlt“, erklärt Hertweck.
Am liebsten erhält er Informationen per E-Mail, aber auch telefonisch sind er und seine Mitarbeiterinnen immer gut zu erreichen. „Nur kurz vor der Aufzeichnung und am Vortag ist es schlecht. Aber das sagen wir dann schon“, schränkt er ein. Da wöchentlich etwa zwanzig bis dreißig Titel von Verlagen angepriesen werden, kann sich ein Verlagsmitarbeiter mit knapp gehaltenen Informationen beliebt machen.
Eigene Interessen
In der „Villa Kunterbunt“ stapeln sich wie in jeder Literaturredaktion Romane und Sachbücher, die die Aufmerksamkeit der Redakteure erwecken sollen. Mit welchen Titeln könnte man Frank Hertweck denn begeistern? Die Antwort: Klassiker wie Anna Karenina oder Don Quichotte in Neuübersetzung und Sachbücher über Geschichte. Kein Wunder, denn Hertweck hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert und interessiert sich auch heute noch sehr für diese Fächer. Gerade hat er ein Lehrbuch des Altgriechischen erworben, mit dem er sich gerne als kleines Feierabendhobby beschäftigt. „Meine Promotion über E.T.A Hoffmann liegt allerdings noch da und sollte mal beendet werden“, sagt er schmunzelnd. Damals, als er in Frankfurt am Main an diesem umfassenden Opus schrieb („Drunter macht man’s ja nicht“), fragte der SWR an, ob er nicht anfangen wolle. Dort hatte er kurz zuvor ein Praktikum absolviert. „Das war ein ziemlicher Glücksfall“, sagt er im Rückblick. In den folgenden zwei Jahren verließen die Literaturredakteure aus verschiedenen Gründen den SWR, so dass schnell der Weg zur „Spitze der Literatur“ frei war. „Das denke ich heute noch oft: Das war wieder einfach ein Riesenglück.“ So lebt er heute mit seiner Frau, die als Cutterin im SWR arbeitet, wieder im zehn Minuten entfernten Gaggenau, wo er auch Abitur gemacht hat. Man möchte eifersüchtig werden, soviel Zufriedenheit strahlt Hertweck aus. Die einzige kleine missmutige Bemerkung in einem zweistündigen Gespräch galt der hohen Ampeldichte in Gaggenau, die das Städtchen wohl einer ortsansässigen Schilder- und Ampelfabrik zu verdanken hat.
Kontakt zu Frank Hertweck:
frank.hertweck@swr.de oder Tel. 07221-929-3861
Friederike Saskia Heinen ist Texterin und Buchhändlerin und lebt in Pliezhausen am Rande der Schwäbischen Alb. Ihre Spezialgebiete sind Gewinnspiele, Newsletter, Buchhandelsgeschichte und ihre Studienfächer Archäologie und Geschichte. http://www.xing.com/profile/FriederikeSaskia_Heinen
frank.hertweck@swr.de
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