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| News und Termine vom 16.12.2009 |
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| „Der Autor, der ich werden musste…“ |
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 | © Tübinger Poetik-Dozentur, Prof. Dr. Dorothee Kimmich |
Zur 23. Tübinger Poetik-Dozentur kamen Jonathan Franzen, Adam Haslett und Special Guest Daniel Kehlmann.
Manche Autoren betrachten ihr Schreiben in erster Linie als Handwerk, andere wiederum als schonungslose Preisgabe ihrer Seele; und wieder andere stehen irgendwo zwischen diesen beiden Polen von Distanz und Intimität. Für die amerikanischen Romanciers Jonathan Franzen und Adam Haslett jedenfalls ist die Literatur eine intensive Auseinandersetzung mit den Tiefen der eigenen Persönlichkeit. Das wurde bei der diesjährigen Tübinger Poetik-Dozentur deutlich, zu der die US-Literaten eingeladen waren. Vom 1.-5. Dezember erhielten die zahlreichen Besucher tiefe Einblicke in die Schreib- und Denkwelten der zeitgenössischen amerikanischen Dichtung.
Jonathan Franzen: Korrekturen
Eröffnet wurde die bereits 23. Poetik-Dozentur mit dem eigentlichen Star Jonathan Franzen. Seit seinem Weltbestseller Die Korrekturen ist der 1959 geborene und in einer Vorstadt von St. Louis aufgewachsene Schriftsteller nicht nur in den USA in aller Munde. Es war Franzens dritter Roman, der den bis dato eher unbekannten Autoren schlagartig in die vordere Riege der Weltliteratur katapultierte. Dabei sind Die Korrekturen kein Werk, das versucht, das ganze Universum zwischen zwei Bücherumschläge zu pressen. Vielmehr zeigt uns Franzen einen kleinen Ausschnitt aus der amerikanischen Mittelschicht. Der Roman handelt von der Familie Lambert, die im mittleren Westen der USA lebt. Am Ende des Buches ist die Familie zerbrochen, ein jedes Mitglied am Leben gescheitert, sei es im Job, durch Depressionen oder die Entfremdung von den Mitmenschen.
Franzen, der Amerikaner mit dem einnehmenden Wesen
Nun sitzt er da und lächelt, der Autor, dessen trostlose Prosa eigentlich auf einen zerknirschten Zyniker schließen lässt. Stattdessen wirkt der 50-jährige Franzen in seiner Lederjacke und den zerzausten Haaren jung und aufgeweckt. Das Audimax der Tübinger Universität ist hoffnungslos überfüllt, zudem ist die halbe Rowohlt-Belegschaft, inklusive Verleger Alexander Fest, mit hierher gekommen, um seine Autoren zu unterstützen. Nach der Begrüßungsrede der Literatur-Professorin Dorothee Kimmich, die die Poetik-Dozentur organisiert, hat Franzen das Wort. Die ersten Sätze spricht der einstige Student der deutschen Literatur auf Deutsch, dann wechselt er ins Englische, während auf einer Leinwand über ihm simultan übersetzt wird. Franzen hat sichtlich Spaß an dieser Dolmetschereinrichtung und versucht auf charmante Art, die Technik zu überlisten. Überhaupt hat der Amerikaner ein einnehmendes Wesen. Den Umgang mit dem Publikum beherrscht er perfekt, wirkt beinahe schon zu routiniert.
Er beginnt mit seiner persönlichen Top-4 der Publikumsfragen, die er am meisten hasst. Darunter Klassiker wie: „Was sind Ihre Einflüsse?“ und „Zu welcher Tageszeit arbeiten Sie?“. Franzen spricht über Kafka und Philip Roth, Faulkner und Henry James. Die Autoren, mit denen er sich beschäftigt, teilt er in „friends“ und „enemies“. Zu letzteren zählt er im Allgemeinen postmoderne Autoren, die die Literatur nicht ernst nähmen und den Leser mit ihren ewigen Diskursen langweilten. Als Franzen alle vier Fragen dann doch irgendwie beantwortet hat, kippt die Stimmung ins Intime: „Was für ein Autor musste ich werden, um meinen Roman Die Korrekturen schreiben zu können?“, fragt er in den Raum. Wer denkt, hier ginge es nun um die Aneignung stilistischer Fähigkeiten und die akribische Recherche, liegt falsch. Der in New York lebende Dichter spricht von persönlicher Schuld und tiefer Scham, die aus seiner gescheiterten Ehe mit einer Schriftstellerin resultierten. Heute sehe er, dass er viel zu jung zum heiraten gewesen sei. Obwohl sich schon früh ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Künstlernaturen herausbildete, in dem der letztlich überlegene Franzen sich immer schuldig fühlte, hielt die Ehe zu beiderlei Unglück über zehn Jahre. Franzen bekam Depressionen und wurde schließlich von seiner Psychologin darin bestärkt, die Loyalität zum eigenen Schreiben über seine zerbrochene Ehe zu stellen.
AdamHaslett: „I want you to love me“
Ähnlich emphatisch zeigte sich dann am nächsten Tag der zehn Jahre jüngere Adam Haslett. Der ebenfalls in New York lebende Anwalt veröffentlichte vor Kurzem seinen Debüt-Roman Union Atlantic. Darin thematisiert er die Ausmaße der Finanzkrise anhand der Figur des Investmentbankers Doug. Das Besondere daran: Haslett schrieb das Buch bevor jeder von den Lehman-Brothers und der Hypo Real Estate sprach. „How did you know?“ ist somit die Frage, die der als Orakel auserkorene Haslett schon nicht mehr hören kann. Wohl auch deswegen verliert er in seinem Vortrag kein Wort über die Krise der Finanzmärkte. „I want you to love me“ wird wohl stattdessen als Satz des Abends in den Köpfen der Zuhörer hängenbleiben. In Analogie zu Shakespeares Figur des King Lear, der Reichtum in Liebe eintauscht, präsentiert sich Haslett schonungslos als ein von Komplexen getriebener Künstler. Er erzählt von seiner Jugend, die geprägt war vom Selbstmord des Vaters und dem Entdecken der eigenen Homosexualität. Die Einsamkeit des Jungen mündete in die notwendige Einsamkeit des Autors. Die Literatur wurde Haslett erst zur Ersatzwelt, später dann zur besonderen Lebenseinstellung. „Fiction as a form of attention“, nennt er das und meint damit eine Art Verlangsamung und Intensivierung unserer hektischen, durch elektronische Medien geprägten Realität.
Berühmte Vorgänger
Zwei Autoren also, die die Literatur nicht als postmodernes Spiel, sondern als elementare Selbsterkundung begreifen. Einen Werkstattbericht im ursprünglichen Sinn des Wortes Poetik, dem einer Herstellungslehre, liefern sie nicht ab. Jene Unvorhersehbarkeit macht aber vielleicht gerade den Reiz dieser traditionellen Tübinger Veranstaltung aus. 1996 fand die erste Poetik-Dozentur statt. Gäste waren damals Marlene Streeruwitz und der Brasilianer Joao Ubaldo Ribeiro. Es folgten Tankred Dorst, Günter Grass, Peter Rühmkorf, Herta Müller, Amos Oz, Susan Sontag, André Heller und Feridun Zaimoglu, um nur einige zu nennen. In der Regel werden pro Jahr zwei Autoren nach Tübingen geladen, die neben ihren Vorlesungen auch Seminare über Kreatives Schreiben anbieten. Am Ende einer Dozentur wird außerdem der Würth-Preis ausgeschrieben. Bei diesem literarischen Wettbewerb geben die jeweiligen Poetik-Dozenten das Thema vor, die Gewinner werden dann von einer Jury aus Wissenschaftlern, Schriftstellern und Literaturkritikern ermittelt. Für den diesjährigen Preis haben sich Jonathan Franzen und Adam Haslett das Thema „Wie fühlt es sich an, ein Tier zu sein?“ ausgedacht.
Franzen: „What if we would invite Dan?“
Um den angestrebten deutsch-amerikanischen Dialog noch fühlbarer zu machen, wollte man zusätzlich einen deutschen Autor für eine Diskussion gewinnen. Dass dieser Special Guest am Ende Daniel Kehlmann wurde, war Jonathan Franzens Idee. „What if we would invite Dan?“, soll er Dorothee Kimmich vorgeschlagen haben, die zunächst gar nicht wusste, wer mit „Dan“ überhaupt gemeint sei. Tatsächlich kennen sich Kehlmann und Franzen schon länger. Das Thema, das sie sich für ihre gemeinsame Diskussion überlegt hatten, war bei weitem kein dankbares: es ging um den österreichischen Schriftsteller und Publizisten Karl Kraus, für den sich beide Autoren bereits seit dem Studium begeistern. Dem Großteil des Publikums dürfte der unbequeme Künstler, der von 1874 bis 1936 lebte, allerdings unbekannt gewesen sein.
Voller Hörsaal bei der Debatte über Karl Kraus' Journalismuskritik
An diesem Donnerstagabend ist der Hörsaal noch voller als bei der Eröffnung der Dozentur. Die Menschen sitzen auf dem Boden, auf Stufen, Fensterbänken und Armlehnen, der Rest steht irgendwo zwischen Tür und Angel. Im Vordergrund der Debatte soll Kraus’ Rolle als Medienkritiker stehen. Um den mystischen Textwelten des Österreichers näherzukommen, bemühen die Diskutanten zwei seiner satirischen Musikstücke sowie zahlreiche Textauszüge, und am Ende hat man wirklich das Gefühl, nun einiges mehr über Kraus zu wissen. Nur eine wirkliche Debatte will sich nicht so recht entzünden. Mag das daran liegen, dass Daniel Kehlmann von einer Kehlkopfentzündung geplagt wird und fast keine Stimme hat, oder doch an dem schwierigen Thema. Franzen versucht, Kraus’ Journalismus-Kritik auf die heutige Zeit zu übertragen, spricht von „embedded journalists“, dem Web 2.0 und Terrorcamps. Kehlmann nickt, räumt ein, dass sich ja heutzutage doch einiges verbessert hat im Journalismus. Franzen nickt. Schweigen. Vielleicht waren die Erwartungen an dieses Gipfeltreffen zweier Weltliteraten auch einfach zu hoch. Umso sympathischer erscheint es da, dass der Amerikaner und der Deutsche keine große Show ablieferten, sondern sich einem vielleicht zu Unrecht vergessenen Autor annahmen. Special Guest Kehlmann wurde hier eher seinem Ruf als streitbarer Essayist und Kritiker gerecht, als seinem Status als Bestsellerautor. Davon, dass er seinem Freund Franzen die Show stahl, kann ohnehin nicht die Rede sein. Vielmehr stand diese 23. Tübinger Poetik-Dozentur ganz im Zeichen der amerikanischen Seele, der Jonathan Franzen und sein Schützling Adam Haslett einen denkbar persönlichen Ausdruck verliehen.
Text von Nikita Mathias
Nähere Informationen zur Tübinger Poetik-Dozentur unter:
www.poetik-dozentur.de
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