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| News und Termine vom 16.12.2009 |
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| Der Himmel ist kein Ort |
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 | Dieter Wellershoff und Christina Bacher |
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Dieter Wellershoff
Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren. Seine Jugend verlebte er im niederrheinischen Grevenbroich bis er sich an die Front meldete. Schon bald sah er sich angesichts der „blutigen Wirklichkeit des Wortes ‚Schlachtfeld’“ aller falschen Ideale beraubt. In seinem autobiografischen Buch „Der Ernstfall“ (1995) hat er dies 50 Jahre später verarbeitet. Sein eigenes literarisches Werk umfasst Gedichte, Erzählungen, Romane, Hörspiele, Drehbücher, literaturtheoretische Essays und autobiografische Texte. Er erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter 1988 den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. Gerade ist sein Buch „Der Himmel ist kein Ort“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Christina Bacher, selbst Jahrgang 1973, hat den in Köln lebenden Autor auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und mit ihm gesprochen.
CHRISTINA BACHER: „In dem gerade erschienenen Roman Der Himmel ist kein Ort geht es um einen evangelischen Pfarrer, der die Folgen eines Verkehrunfalls betreuen muss und dadurch in eine existentielle Krise gerät. Seine Lebensentwürfe geraten plötzlich unter Rechtfertigungsdruck - ein Prototyp unserer Zeit?“
Dieter Wellershoff: „Literatur setzt sich immer wieder mit der Grundsatzthematik der Begegnung eines problematisierten Menschen und einer komplexen, verwirrenden Welt auseinander. Der Mensch ist heute nicht mehr so aufgehoben in der Realität, als sei sie für ihn gemacht, als habe sie auf ihn gewartet.“
CHRISTINA BACHER: „Das klingt so, als habe man als Mensch heute nur die eine Chance, sich permanent zu neu vergewissern und sich auf das Leben einzustellen.“
Dieter Wellershoff: „Ein permanentes Eintauchen, Neues Sehen, neue Konstellationen sind gefragt – ja. Ich muss mich immer wieder fragen, was mich wirklich interessiert. Was mich ausmacht. Ich glaube, das hängt bei mir mit dem Krieg zusammen. Ich war ja zwei Jahre Soldat und habe sehr viele Menschen sterben sehen und als klar war, dass ich selbst erst einmal nicht sterben muss, wollte ich meine Lebenserfahrung nicht nur ausdrücken, sondern auch damit arbeiten.“
CHRISTINA BACHER: „Es gibt viele Menschen, die diesem schnellen Leben nicht gewachsen sind, die die Mechanismen nicht (mehr) verstehen können. Im klassischen Sinn sind sie gescheitert, leben zum Beispiel an der Armutsgrenze.“
Dieter Wellershoff: „Armut – sehe ich mehr und mehr auf den Straßen. Natürlich denkt man sich dann manchmal, hat er das Schicksal nicht kommen sehen? Aber es ist unmöglich zu rekonstruieren, an welchem Punkt Jemand einen Fehler begangen hat oder wo er hätte anders entscheiden müssen. Es gibt natürlich wichtige Augenblicke, die entscheidend sind. Doch es kommen dann wieder neue Erfahrungen dazu, die alten verblassen ein wenig.“
CHRISTINA BACHER: „Was Sie gerade ansprechen ist ein Erinnerungs-Prozess. In ihren Büchern spielt das Thema Erinnerung eine große Rolle. Sie sind im Laufe Ihres (Berufs-)lebens vielen Zeitzeugen, Intellektuellen und Schriftstellern begegnet. Gibt es Jemanden, an den Sie sich besonders gerne erinnern?“
„Nein. Nachdrücklich beeindruckt durch eine Person bin ich nicht, das ist meiner Meinung nach eine Jugenderfahrung. Ich persönlich bin in dem Sinne nie gefördert worden, wie das heute oft mit jungen Autoren geschieht. Aber natürlich: Wenn ich durch meine Wohnung gehe und all meine Bücher sehe, dann ist das wie eine flüsternde Erinnerung. Dann ist wieder alles da.“
CHRISTINA BACHER: „Sie haben ihre Manuskripte, Briefe und Plakate bereits vor vielen Jahren dem Historischen Archiv in Köln anvertraut. Was haben Sie empfunden, als im Frühjahr 2009 durch den Einsturz des Archivs alles verschüttet wurde?“
Dieter Wellershoff: „Man muss ja seine eigene Notwendigkeit finden, aber das ist das Allerschwerste in der Gesellschaft. Das Fundamentale zunächst ist, dass man überhaupt die Möglichkeit hat, zu leben. Wenn man also eine Spur hinterlässt, ist vieles einfacher. Natürlich sind meine Schriften eine solche Spur. Und ich weiss nicht, in welchem Masse mein Vorlass davon betroffen ist. Aber im Grunde ist da nur ein Haus eingestürzt. Ich habe nach dem Krieg ganz Köln im Schutt gesehen. Schlimm finde ich den Einsturz vor allem, weil es sich hier um die Dokumente einer Stadtgeschichte handelt, die nun zerstört sind. Aber wissen Sie, ganz ohne Katastrophen, geht das Leben nicht ab.“
CHRISTINA BACHER: „Ein gutes Schusswort. Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch.“
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