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News und Termine vom 03.02.2010
Über die Schulter geschaut: Redakteurin Sibylle Thelen
Die Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung

„Warum studiert jemand Turkologie?“ Sibylle Thelens prompte Antwort macht sowohl deutlich, wie gedankenlos als auch wie häufig diese Frage ist: „Wer Germanistik oder Romanistik studiert, wird das nie gefragt.“ Und die Redakteurin der Stuttgarter Zeitung hat natürlich Recht. Der große Anteil türkischer Einwanderer macht das Thema in Deutschland allgegenwärtig. Hört man Sibylle Thelen über die Türkei sprechen, springt die Begeisterung schnell über. Aus ihrem einstigen Nebenfach ist ein zentraler Punkt ihres Lebens geworden, ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit als leitende Redakteurin der Wochenendbeilage und Thema ihrer beiden Bücher: „Istanbul – Stadt unter Strom“ (Herder 2008) und „Die Armenierfrage in der Türkei“, das im Februar 2010 bei Wagenbach erscheint.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch Thelens Berufsleben. Durch das Studium und viele Reisen ist die 1962 geborene Stuttgarterin zur Kennerin des Landes geworden. Eine wichtige Voraussetzung der journalistischen Arbeit, wie sie findet: „Eine ausgewiesene Sachkenntnis über die Dinge, über die ich schreibe, ist mir sehr wichtig.“ Aber sie relativiert: „Natürlich springt man auch mal ohne detailliertes Wissen in neue Themen. Man kann nicht die ganze Bandbreite draufhaben.“

Die Wochenendbeilage

Das wäre in der Redaktion der Wochenendbeilage, die sich durch große Vielfalt auszeichnet, in der Tat schwierig. Sie ist zwar in der Kulturredaktion angesiedelt, aber für jedes denkbare Thema offen. Das gilt vor allem für das Experten-Essay auf der ersten Seite. Auf der zweiten Seite werden oft Schriftsteller porträtiert, aber auch ganz andere Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben, zum Beispiel Museumschefs, Vertreter der Trivialkultur und kulturprägende Wissenschaftler oder Politiker. Die Stilseite mit den „schönen Dingen“ des Lebens wurde vor kurzem auf alle gesellschaftlichen Trends erweitert. Thelen schließt kein Thema aus: „Es geht um die schöne Mischung aus Unterhaltendem und Informativem. Eine Wochenendbeilage, die etwa nur um die Literatur kreiste, hätte eine Schlagseite.“

Dennoch gibt es immer wieder Schwerpunktbeilagen zu wichtigen Themen, die zwei bis drei Monate vorher von der Redaktion festgelegt werden. Die Bundestagswahl 2009 etwa wurde in einer Ausgabe von allen Seiten beleuchtet: Der Autor und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer behandelte die Wahl aus der Sicht der Psychologie; ein anderer Aspekt wurde mit der Vorstellung des Buches „Warum ich mich nicht für Politik interessiere“ von Beatrice von Weizsäcker aufgegriffen.
Offenheit nach allen Seiten ist das Wichtigste, aber: „Ein Thema muss in der Luft liegen oder einen Anlass haben.“ Der regionale Bezug ist nicht zwingend, aber wünschenswert: „Die Leser sollen sich wiederfinden, ohne zurückgeworfen zu werden auf ihr Ländle.“

Kontakt zur Redaktion

Thelen und die drei weiteren Mitarbeiterinnen, aus denen das Kernteam der Wochenendbeilage besteht, arbeiten in Teilzeit und sind zudem häufig zu Terminen unterwegs. Die Kontaktaufnahme gelingt daher per E-Mail am besten. Anrufe sind aber ebenso willkommen (Kontaktdaten s. unten). Auch wenn es vor Redaktionsschluss nicht so hoch hergeht wie im Aktuellen: Am Donnerstagvormittag sitzen die Mitarbeiterinnen in einer Abschlusskonferenz zusammen; mittags ist Redaktionsschluss.
„Wenn ein Buch gut in unsere Planung passt – das ist natürlich ein Glücksfall für den Verlag“, weiß Thelen. Es tue ihr oft Leid, dass viel Geld in Rezensionsexemplare investiert werde, zu denen dann häufig aus Platzmangel kein Artikel erscheine. „Viel, viel besser und sinnvoller wäre ein frühzeitiger Hinweis etwa zwei Monate vor Erscheinen.“ In der Vorschau könne immer mal etwas übersehen werden. „Man muss dabei unseren relativ großen Vorlauf im Hinterkopf behalten. Wir überlegen: Was kommt auf uns zu, welche Ereignisse lassen sich noch mal aus einer anderen Perspektive aufarbeiten.“ Die Autoren für das Essay werden oft schon drei Monate im Voraus angesprochen.

In der Türkei

Für die Artikel über die Türkei recherchiert Thelen vor Ort. Drei- bis viermal im Jahr steigt sie in den Flieger nach Istanbul. Anlässe gab und gibt es reichlich: der Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse etwa, der Nobelpreis für Orhan Pamuk und jetzt Istanbul, die europäische Kulturhauptstadt 2010. Reisen, auf denen Thelen einfach nur Freunde besucht, sind große Ausnahmen.
Ihr erstes Buch entstand aus solchen Essays: „Istanbul – Stadt unter Strom“ beleuchtet das Land von ganz verschiedenen Seiten, vor allem aber unter dem Vorzeichen des kulturellen Aufbruchs. Und Thelen weiß, wovon sie spricht: Bei ihrem ersten Besuch in der Türkei 1981 war das Land von Angst geprägt; viele Menschen waren geflohen oder saßen in den Gefängnissen der Militärdiktatur. Die Buchhandlungen waren „ein Trauerspiel“: „Alles Interessante war nicht vorrätig oder verboten. Verlage standen unter starker Kontrolle.“

Dennoch: Unter dem Eindruck dieser Reise und einiger Aufenthalte in anderen Ländern des Nahen Ostens schrieb sie sich in München für Politologie, Turkologie und Kommunikationswissenschaften ein. Nach dem Studium und der Ausbildung in der Deutschen Journalistenschule erkundete sie 1986/87 die Türkei ein Jahr lang als Journalistin. Damals war Turgut Özal, der erste frei gewählte Ministerpräsident des Landes, seit drei Jahren im Amt. Der Schock des Militärputschs von 1980 wirkte zwar noch nach. „Doch es war als ob ein Fenster im Land geöffnet worden sei“, beschreibt Thelen.
Sie schrieb für einige deutsche Zeitungen und den SDR, der sich 1998 mit dem SWF zum SWR zusammenschloss, und arbeitete im Goethe-Institut in Ankara. „Man brauchte ja nicht viel Geld, um in der Türkei zu überleben. Mit meinen Artikeln konnte ich mich gut durchbringen.“ So hatte sie Muße, viel zu reisen, und wohnte immer wieder bei anderen Leuten zur Untermiete. Schöne Erinnerungen, an die sie gerne zurückdenkt. „Ich habe mich hinterher oft gefragt, warum ich überhaupt zurückgekommen bin“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Zurück in Deutschland

Durch die Beiträge für den SDR hatte sie schon den richtigen Kontakt geknüpft und wurde nach ihrer Rückkehr schnell als Nachrichtenredakteurin übernommen. Sie schrieb auch weiterhin häufig über ihr Lieblingsthema, die Türkei. 1989 wechselte sie zur Stuttgarter Zeitung und arbeitete sich für die Stelle als Politikredakteurin in die Tarifpolitik ein. „Eine sehr gute Schule für schnelles, präzises Arbeiten. Vom nüchternen Bericht bis zu zurückgelehnten Betrachtungen“, findet sie. Über zehn Jahre später, 2001, übernahm sie die Wochenendbeilage. Diese Arbeit lässt sich viel besser mit der Erziehung ihrer beiden Kinder, die heute 12 und 15 Jahre alt sind, vereinbaren. Sie fängt ihren Arbeitstag früher an als die meisten ihrer Kollegen und kann so nachmittags wieder zu Hause sein.

Wie im Beruf, so auch bei der Lektüre in der Freizeit: „Ich lese alles, was mir in die Finger kommt.“ Vor allem aber alle Übersetzungen aus dem Türkischen und Sachbücher über das Land. Kein Wunder, dass sie sich auch in ihrem zweiten Buch mit einem türkischen Thema beschäftigt. „Die Armenierfrage in der Türkei“ erscheint am 23. Februar 2010 bei Wagenbach.

„Die Armenierfrage in der Türkei“

Das Thema ist ihr auf ihren Reisen immer wieder begegnet, erstmals 1985 in Armenien. „Man wusste aber: Das ist eine heikle Angelegenheit. Finger weg.“ In ihrem neuen Buch schildert sie unter anderem, wie durch ein schmales Büchlein ein Erinnern an den Völkermord angestoßen wurde: „Meine Großmutter“ von Fethiye Çetin. Diese Großmutter, eine Armenierin, war 1915 von einem osmanischen Gefreiten gerettet und als Türkin aufgezogen worden. Erst Jahrzehnte später, 1975, erzählte sie ihrer Enkelin von ihrer wahren Herkunft, die Geschichte, die sie so lange verschwiegen hatte. Çetin war damals fassungslos. Doch 2004 veröffentlichte sie „Meine Großmutter“, das sich wider Erwarten zum Bestseller entwickelte – ohne Hetzkampagnen oder Anfeindungen. Stattdessen waren die Leser ergriffen. Viele Frauen brachen ihr Schweigen und meldeten sich mit ähnlichen Schicksalen zu Wort.
Der Bestseller ist zwar in viele Sprachen, aber nicht ins Deutsche übersetzt worden. „Durchaus rätselhaft“ wundert sich Thelen; sie wünscht sich sehr, dass dieses wichtige Schlüsselbuch übersetzt und die beginnende Aufarbeitung der Ereignisse von 1915 auch in Deutschland bemerkt wird. Inzwischen sei immerhin – anders als noch vor fünf Jahren – in den deutschen Feuilletons angekommen, dass die moderne Türkei kulturell „superspannend“ ist. „Ich freue mich natürlich, dass ich mit meinen Büchern auch ein bisschen dazu beitragen kann.“

Kontakt zu Sibylle Thelen:
S.Thelen@stz.zgs.de
Tel.: 0711-7205-1260

Literatur

Sibylle Thelen, Istanbul – Stadt unter Strom, Herder 2008
Sibylle Thelen, Die Armenierfrage in der Türkei, Wagenbach 2010
Fethiye Çetin, My grandmother – A memoir, Verso Books 2008

Friederike Saskia Heinen ist Texterin und Buchhändlerin und lebt in Pliezhausen am Rande der Schwäbischen Alb. Ihre Spezialgebiete sind Gewinnspiele, Newsletter, Buchhandelsgeschichte und ihre Studienfächer Archäologie und Geschichte. http://www.xing.com/profile/FriederikeSaskia_Heinen




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