 |
| News und Termine vom 02.03.2010 |
 |
| Nachgefragt bei ... Mario Gäbler |
 |
Im März erscheint im Plöttner Verlag der Titel „Was von der Buchstadt übrig blieb. Die Entwicklung der Leipziger Verlage nach 1989“ von Mario Gäbler. Grundlage des Buches ist die 2008 verfasste Abschlussarbeit an der Universität Leipzig, die im Jahr 2009 mit dem Förderpreis Buchwissenschaft ausgezeichnet wurde. Wir haben Mario Gäbler einige Fragen zur Situation der Buchstadt gestellt.
Was war Ihre Motivation oder der Anlass, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Als ich mich Ende 2006 nach einem Thema für meine Abschlussarbeit an der Universität Leipzig umschaute fiel mir auf, dass die Entwicklung der DDR-Verlage nach der Wiedervereinigung noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden war. Welche Auswirkungen hatten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen sowie die einzelnen Privatisierungsprozesse durch die Treuhand in programmatischer, personeller und wirtschaftlicher Hinsicht? Das war eine Forschungslücke, die es zu füllen galt. Im Zuge der Recherchen kam ich schnell zu dem Schluss, dass die Untersuchung den Rahmen einer normalen Magisterarbeit sprengen würde, selbst wenn ich sie auf die Leipziger Verlage eingrenzte. Denn in Leipzig waren immerhin fast die Hälfte aller DDR-Verlage ansässig. Dennoch hat mich das Thema so gereizt, das ich es unbedingt bearbeiten musste, auch wenn dies am Ende eine Verlängerung meines Studiums bedeutete. Fertig gestellt habe ich die Arbeit dann im Sommer 2008, für die Veröffentlichung habe ich Sie aktualisiert.
Was war das Besondere am Verlagswesen der DDR?
Das ist eine Frage, die sich nur schwer in zwei Sätzen beantworten lässt, da das gesamte Verlagswesen an sich aus heutiger Sicht etwas besonderes gewesen ist. Das Verlagswesen der DDR war durch das Zensursystem auf der einen Seite Restriktionen unterworfen, die die normale Verlagsarbeit behinderten und viele gute Bücher verhindert haben. Auf der anderen Seite haben die Eigenheiten des Literaturbetriebes der DDR und die fehlende Notwendigkeit marktwirtschaftlicher Verlagskalkulation im heutigen Sinne aber auch Chancen zur Entfaltung geboten. So sind viel wertvolle Literatur und kunstvolle bibliophile Bücher entstanden, die es unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen nicht an das Licht der Öffentlichkeit geschafft hätten. Die Lektorate der Verlage waren aus heutiger Sicht völlig überdimensioniert. Was viele nicht wissen ist, dass insbesondere im wissenschaftlichen Bereich einiges an heutiger Standardliteratur aus DDR-Verlagen stammt, deren Rechte heute bei westdeutschen Verlagen liegen. Die Besonderheiten des DDR-Verlagswesens stellten letztendlich ein großes Risiko beim Übergang in die Marktwirtschaft dar.
Wie sah die Verlagslandschaft vor der Wende aus?
Es gab in der DDR laut offizieller Sprache 78 Verlage. In Wirklichkeit waren es jedoch knapp 100 Unternehmen, die sich mit der Herausgabe von Büchern, Zeitschriften, Kalendern, Postkarten etc. beschäftigten. Diese brachten laut Planvorgabe 6.500 Titel jährlich in einer Gesamtauflage von 150 Mio Expl. auf den Markt. Die Verlagsgebiete waren unter den Verlagen so aufgeteilt, dass einige von Ihnen monopolartige Stellung in ihrem jeweiligen Bereich hatten. Die große Stärke der Verlage waren ihre Kapazitäten im Lektoratsbereich, ihre größte Schwäche ihr fehlender Vertriebsapparat, den Sie in der DDR aber auch nicht brauchten, da es eh nur einen zentralen Auslieferer gab und sich die Bücher in der Regel von allein verkauften.
Was machte Leipzig zu d e r Buchstadt?
Leipzig war einst d i e Drehscheibe des deutschen Buchhandels. Hier waren die zentralen Firmen des Großbuchhandels und Institutionen der Buchbranche wie der Börsenverein angesiedelt. Anfang des 20 Jahrhunderts beherbergte die Buchstadt 982 Verlage und Verlagsbuchhandlungen, über 300 Druckereien und Setzereien, 170 Buchbindereien, 300 Graphische Anstalten und 36 Maschinenbaufirmen für die Druckindustrie. Jeder zehnte Einwohner der Stadt war in irgendeiner Form in diesem Bereich tätig. Im Zuge des Ersten und des Zweiten Weltkrieges verlor Leipzig jedoch seine Vormachtstellung und deutschlandweite Bedeutung. Am Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Gründungsphase der DDR gingen viele Verleger, beispielsweise der Verlage Brockhaus, Insel, Breitkopf & Härtel und Georg Thieme, nach Westdeutschland. Viele Fachkräfte aus dem Verlagswesen, dem Zwischenbuchhandel und dem Druckereiwesen folgten Ihnen. In der DDR forcierte die Politik das weitere Ausbluten der Buchstadt durch Enteignungen und Konzentrationen. Nur ein Teil der einstigen Bedeutung konnte bis zum Ende der DDR bewahrt werden. Trotzdem blieb Leipzig neben Berlin eines der beiden Zentren des Verlagswesens und Buchhandels in der DDR.
Wie hat sich die Situation der Leipziger Verlage nach der Wende entwickelt?
Nach der politischen Wende wurden die angestammten Verlage mit Entwicklungen konfrontiert, denen Sie größtenteils nicht stand hielten. Dabei spielten nicht nur die neuen marktwirtschaftlichen Gegebenheiten und interne Probleme eine Rolle, sondern auch die einzelnen Privatisierungsprozesse durch die Treuhandanstalt, die Interessen der westdeutschen Alteigentümer und sicher auch das Verhalten der westdeutschen Verlage insgesamt. Die in Leipzig angesiedelten Parallelverlage wie Brockhaus, Insel, Reclam, Thieme und B. G. Teubner wurden in der Regel an die Alteigentümer rückübertragen und in Dependancen umgewandelt, jedoch früher oder später geschlossen. Es ist spannend zu betrachten wie die einzelnen Motivationen der neuen alten Eigentümer gelagert waren. Viele andere Verlage wurden aus Leipzig abgezogen, nachdem die Rechte in die übernehmenden Verlagsgruppen integriert waren. Die reinen DDR-Verlage hatten es ebenfalls schwer, die meisten von Ihnen konnten sich trotz des Engagements enthusiastischer Büchermenschen nicht halten. Die Verlage, die eine Nische belegt haben, existieren teilweise heute noch.
Wie ist aktuelle die Situation in Leipzig. Welche Perspektive hat Leipzig als Buchstadt und wie könnte es sich entwickeln?
In den Medien taucht Leipzig als Buchstadt in der Regel nur dann auf, wenn wieder einmal einer der Traditionsverlage den Ort verlässt. Der Aufschrei ist dann immer groß, wie bei Reclam, Insel und Brockhaus. Dabei wurde stets verkannt, dass diese sehr bekannten Verlage längst nicht mehr das Bild der Verlagsstadt Leipzig prägten. Der größte Verlag am Ort ist seit Jahren der Klett-Verlag, bestehend aus drei Verlagseinheiten und über 100 Mitarbeitern, gefolgt von Verlagen wie dem St. Benno-Verlag und der Evangelischen Verlagsanstalt, zwei der bedeutendsten religiösen Medienunternehmen. Die traditionsreichen Musikverlage C. F. Peters, Breitkopf & Härtel und Friedrich Hofmeister sind weiterhin in Leipzig ansässig. Viele bekannte und mehrfach ausgezeichnete Verlagsneugründungen wie Lehmstedt, Faber & Faber oder die Connewitzer Verlagsbuchhandlung wissen die Kapazitäten und günstigen Infrastrukturen der Buchstadt zu nutzen. Leipzig ist und bleibt weiterhin ein Brainpool für Büchermenschen, nicht zuletzt durch die Ausbildung des Verlags- und Buchhandelswuchses an der HTWK, der Universität, der Hochschule für Grafik und Buchkunst, dem Deutschen Literaturinstitut sowie den Buchhandelsschulen. Es gibt kaum einen größeren Verlag in Deutschland, in dem man nicht auf „Leipziger“ stößt. Was den Terminus „Buchstadt“ angeht, bin ich mir unsicher, ob man diesen aktuell noch benutzen sollte, da es sich hierbei um ein historisch gewachsenes Etikett handelt. Eine spannende Frage, auf die ich in meiner Arbeit näher eingehe.
Mario Gäbler hat nach seiner kaufmännischen Ausbildung im Verlag Kommunikations-, Medien- und Kulturwissenschaften an der Uni Leipzig studiert. Insgesamt hat er drei Jahre nebenbei bei Hugendubel gearbeitet.
Zurzeit ist Mario Gäbler Assistent der Verlagsleitung bei Hörbuch Hamburg, einem der größten Hörbuchverlage. Verantwortlich für die Koordination des Vertriebs, Großkunden, Lager- und Bestandsmanagement, Markt- und Umsatzanalysen.
Plöttner Verlag, Leipzig 2010, 272 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-938442-76-0, 19,90 €
Zur Podiumsdiskussion und Buchpräsentation lädt der Plöttner Verlag ein. Neben dem Autoren Mario Gäbler werden Prof. Siegfried Lokatis (Buchwissenschaft, Universität Leipzig), Jonas Plöttner (Verleger) und Michael Faber an der Diskussion teilnehmen.
Zeit: 5. März 2010 um 19.00 Uhr
Ort: Literaturcafé im Haus des Buches
www.ploettner-verlag.de
|
|