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News und Termine vom 06.04.2010
365 Tage Kinder- und Jugendbuch. Ein Porträt von Roswitha Budeus-Budde
© Privat
Nein, sie habe keine Zeit. Nein, sie freue sich nicht über Presseinformationen. Und zu Buch-PR könne sie nichts sagen. Trotzdem sagte Roswitha Budeus-Budde zu, ein Gespräch zu genau diesen Themen zu führen. Gott sei Dank, auch für die Interviewerin, denn nur selten begegnet man einem Menschen, der derart souverän-engagiert und dabei humorvoll-realistisch über sich und seine Aufgaben erzählt.

Roswitha Budeus-Budde ist seit 1995 die verantwortliche Redakteurin für die Kinder- und Jugendbuchseite der Süddeutschen Zeitung. Als feste Freie erstellt sie hier eine Seite im Monat. Dazu kommen jährlich je vier Seiten „Wissen / Sachbücher“, „Medien“ und „Politisches Kinderbuch“, letztere in Zusammenarbeit mit der Politik-Redaktion.

Doch damit nicht genug: Die renommierte Kinderbuch-Kritikerin war zudem an der Bayerischen Bibliotheksschule und der Fachakademie für Sozialpädagogik tätig und hat jetzt einen Lehrauftrag an der Universität Gießen. Bei der Münchner Bücherschau junior stellte sie mit der freien Rezensentin Hilde Elisabeth Menzel und der Starnberger Buchhändlerin Ulrike Schultheis Anfang 2010 „Bücher, die noch keiner kennt“ vor. Außerdem leiten die drei Buchfrauen seit etwa 20 Jahren die Buchbesprechungstage „Kinder- und Jugendliteratur“ beim Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Darüber hinaus gibt sie auf 3sat Kulturzeit einmal monatlich Kinderbuchtipps. Über etliche Jahre war Budeus-Budde in der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises tätig. Dort sitzt sie 2010 in der Sonderpreisjury, die das Lebenswerk eines Autors ehren wird.

Die Begeisterung der Autorin ist durchgängig zu spüren. Ein Leben ohne „ihre“ Kinder- und Jugendbuchliteratur scheint schlicht unmöglich. Das weiß auch ihre Familie: Die drei Kinder wünschten sich nicht nur einmal, der Koffer mit den Büchern möge sich doch in der Flugdestination irren, amüsiert sie sich noch heute. Um in Ruhe zu arbeiten, zieht sie sich in ihre kleine Stadtwohnung zurück, ihr Mann, mit dem sie in einem Dorf in Oberbayern lebt, hat das längst akzeptiert. Wenn sie in der SZ-Redaktion arbeitet, gewährt ihr der Blick aus dem 19. Stock des neuen Verlagshochhauses einen Blick in weite Ferne. Inspirierend wirke der nicht, meint sie, auch wenn bei Föhn die Berge traumhaft schön zu sehen sind. Zu abgehoben, zu weit ab vom Leben der Großstadt ist man hier, obwohl nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt.

Ihr ganz in Weiß gehaltenes Büro teilt sie mit „Streiflicht“-Autor Harald Eggebrecht, wobei selten beide gleichzeitig anwesend sind und sie überhaupt öfter auch an anderen Arbeitsplätzen sitze, ein Zentralserver macht das möglich. In den Regalen, die bis auf die bodentiefe Fensterfront alle Wände des ganz in Weiß gehaltenen Büros einnehmen, stapeln sich zwar Bücher, allerdings gibt es immer noch größere Leerräume. Wie kommt das? Weil ihr „Hauptbüro“ zu Hause sei. Hier hat sie, die gelernte Diplom-Bibliothekarin und promovierte Germanistin - das Thema der am Brenner-Institut der Universität Innsbruck eingereichten Arbeit war passend die historische Mädchenzeitschrift „Das Töchteralbum“ von Thekla von Gumpert - eine kleine nach Sachgruppen sortierte Handbibliothek mit Klassikern und Sekundärliteratur. Bei den Kollegen beliebt ist speziell das eine Regalfach, in welchem sie Bücher zum Mitnehmen auslegt. Und vor Weihnachten bietet sie für die Aktion „Adventskalender“ der Zeitung eine kleine Veranstaltung: „Die Kollegen dürfen gegen Spenden Bücher mitnehmen, ich berate sie betreffs Kinderbüchern“, die Reste gehen abschließend an die Stadtbibliothek.

Aufheben könne man die Bücher kaum, nur wenige von den rund 1.000, die sie jährlich zugeschickt bekommt, finden einen Platz in ihrer Bibliothek. Das liege daran, dass „Kinder- und Jugendliteratur immer mit Aktuellem zu tun hat“, erklärt sie. Genau das ist es, was sie daran fasziniert, denn sie bevorzugt „realistische Bücher, fernab vom jeglicher Pädagogik“. Sie erklärt das mit ihren Wurzeln, „als ich anfing, war gerade die antiautoritäre Welle, der Aufbruch der Kinder- und Jugendliteratur“. Zwar merke sie über die vielen Jahre, die sie sich jetzt mit dem Thema auseinander setzt, wie sich die Motive wandeln, wie sie ab- und weitergeschrieben werden. Doch unabhängig von solchen Wellen „suche ich nach einer gewissen Ehrlichkeit, die den jungen Lesern noch etwas zumutet. Ein hoffnungsvolles Ende, das sich organisch entwickelt, ist aber wichtig“. Doch auch Herberes und Gewaltigeres sei bisweilen gut, wenn es nur literarisch aufgemacht ist.

Lediglich mit der Fantasy-Welle hat sie sich zunächst schwer getan. Vielleicht auch, weil sie das Lesealter seit Harry Potter durcheinander gebracht habe. Kinder, Jugendliche und Erwachsene lesen die Titel. Wobei es erstaunlicher Weise selbst Neunjährige kaum abschrecke, die mittlerweile häufig drei- bis fünfhundert Seiten dicken Bücher zu lesen. Schade, ja ärgerlich findet sie es, dass die Verlage in der Fantasy-Literatur zunehmend Effekte zulassen, die bisweilen die Geschmacksgrenze überschreiten. Roswitha Budeus-Budde beschreibt, was sie damit meint: Da werden in einem Science Fiction-Roman Kinder als Nahrung gezüchtet, in einem anderen werden keine Küsse, sondern weitaus intimere Handlungen als normale Kontaktform zwischen Jugendlichen dargestellt.

Aktuell findet sie die Entwicklung dahin gehend problematisch, dass nicht erst seit Christopher Paolini („Eragon“) und Helene Hegemann („Axolotl“) Jugendliche selber als Romanautoren auftreten. Vielleicht deshalb, weil gerade in den USA, die keine Schulpflicht kennen, damit zunehmend Kinder zum Schreiben angehalten und so von der Schulbildung abgeschnitten werden.

Wen möchte sie eigentlich erreichen mit ihren Aktivitäten? Spontan kommt ihr Antrieb zutage: „Ich will versuchen, den Eltern klarzumachen, für welches Kind welches Buch geeignet ist“. Es sei schon merkwürdig, wie schwer es das Jugendbuch habe durch die „nicht funktionierende Vermittlung“. Da würden selbst flippige Eltern eine konventionelle Auswahl treffen. Durch diesen dann doch eher pädagogischen Ansatz versteht sie sich als Dienstleisterin gegenüber potenziellen Lesern, den Eltern, Buchhändlern und Bibliothekaren.

Verrisse sind darum nicht ihre Sache. Doch wenn sie mitunter eine kritische Rezension schreiben müsse, dann müsse sie halt mit den heftigen Reaktionen der Verlags-Pressefrauen zurecht kommen. Wenn sie jedoch ihre kritische Distanz verlöre, dann würde man sie andererseits auch nicht mehr ernst nehmen. Zu denen hat sie in den vergangenen Jahrzehnten gute Kontakte aufgebaut, wobei sie immer auch für neue Kontakte auch zu kleinen Verlagen offen ist. Lediglich Eigenverlage, die weder über ein Lektorat, noch über Präsenz im normalen Buchhandel verfügen, lehnt sie kategorisch ab.

„Die Pressefrauen besuchen mich zweimal im Jahr, die wissen, was mich interessiert“, erzählt sie. Schwierig sei, dass die Verlage mittlerweile das ganze Jahr über neue Titel auf den Markt werfen, so dass sie in der Frühjahrs- und der Herbst-Literaturbeilage jeweils halbe Jahre zusammen fasst. Womit können die PR-Verantwortlichen denn bei ihr punkten? Auf keinen Fall mit „einfachem Lesefutter, sondern mit anspruchsvollen Kritikertiteln“, Reihen und Fortsetzungsgeschichten sind auch nicht ihre Sache.

Und was sie an Pressekontakten ganz besonders nicht mag? „Wenn die mich mit regelmäßigen Anrufen und E-Mails nerven“, kommt sie auf den Punkt. Auf jeden Fall ist für sie die Persönlichkeit den Pressefrauen entscheidend. Sie freut sich, dass die Zeit des PR-Outsourcens weitgehend vorbei sei, so dass ein direkter und kontinuierlicher Kontakt zum jeweiligen Verlag gegeben ist.

Gegenüber ihren Lesern und Auftraggebern sieht sie sich als Dienstleister, sie möchte informieren, Empfehlungen geben und zum Lesen animieren. Ein Gewinn ist es hierbei, dass die Zeitung ihr keine Vorgaben macht, „ich kann hier frei schaffen und walten“. Naja, räsoniert sie lächelnd, „ich leiste hier im Hause eine so unbedeutende Arbeit, dass das keinen Geist aufregt“, so dass sie quasi ein so gut wie narrenfreies „Schattendasein“ führen würde.

Auf die Frage, welche Titel ihr aktuell besonders gefallen, nennt sie unter anderem „Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus („völlig schräg“, von Jan de Leeuw bei Gerstenberg, „Ich bin Bird“ von Sofie Laguna („Spannung, Jungsleben, Abenteuer und Empathie“, Carlsen und Stefan Knösels „Echte Cowboys“ Beltz & Gelberg, das beste Unterhaltung trotz schwierigem Milieu, Pubertät und Liebesgeschichte biete. Doch was liest denn eine Kinder- und Jugendbuchredakteurin zu Hause und im Urlaub? Die Antwort kommt lachend und wie aus der Pistole geschossen: „Jugendbücher lesen!“

Text von Katharina Knieß (www.tipp-presse.de)






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