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News und Termine vom 20.04.2012
Im Gespräch mit Barbara Heine von Heinekomm
Barbara Heine
Die Vattenfall Lesetage gibt es seit 1999. Sie selber organisieren das Programm seit 10 Jahren. Hat sich in der Zeit etwas verändert?
2003 gab es außerhalb des Literaturhauses noch nicht so viele Lesungs-Angebote in Hamburg, die Lesetage waren ein echter Pionier und sind mittlerweile ein Traditionsfestival, das ist eine schöne Entwicklung und ich freue mich, dass ich sie mitgestalten konnte. Seit "meinen" ersten Lesetagen hat sich die Szene beeindruckend weiter entwickelt - mehrere neue Festivals sind dazu gekommen wie z.B. das Krimi-Festival oder Harbour Front, Lesungsreihen von Buchhandlungen und Cafés. Es ist schön zu sehen, wie jedes Angebot über die Zeit sein eigenes Profil entwickelt. Hamburg ist offensichtlich keine Stadt von Couch Potatoes.

Sind die Veranstaltungen anders geworden oder hat sich das Publikum verändert?
Es gibt das solide bildungsinteressierte Lesetage-Publikum, dessen Aufgeschlossenheit gerade auch für geschichtliche, kulturelle und internationale Zusammenhänge mich immer wieder freut. Schön ist auch, dass wir viele erreichen, die sonst nicht unbedingt zur Zielgruppe von Lesungen gehören. Und besonderen Spaß macht es mir, mit neuen Veranstaltungsformaten und -ideen immer wieder andere und auch junge Zielgruppen anzusprechen. Wie zum Beispiel im vergangenen Jahr bei der Lesung aus "Feldpost", den Briefen deutscher Soldaten aus Afghanistan, die junge SZ-Journalisten gesammelt und bei den Lesetagen in der Thalia Zentrale vorgestellt haben. Ich freue mich, dass es gelungen ist, das Vertrauen des Publikums zu gewinnen - sie lassen sich auch auf Autoren ein, von denen sie noch nie gehört haben, weil das Thema sie interessiert und weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht enttäuscht werden.

140 Akteure aus 12 Ländern und über 100 Veranstaltungen. Darf man fragen, wie Sie das organisatorisch schaffen?
Die Organisation im eigentlichen Sinne liegt bei Judith Kalnbach mit dem Vattenfall Lesetage-Team. Wir bekommen immer wieder die Rückmeldung, dass die Autoren sich bei den Lesetagen besonders gut betreut fühlen. Judith Kalnbach findet jedes Jahr auch wieder neue und interessante Locations in und um Hamburg - vom Restaurant in der Hafencity bis zum Spyshop in der Hoheluftchaussee.

An der Konzeption für das Erwachsenenprogramm, das ungefähr die Hälfte des Programms umfasst, arbeite ich ca. ein halbes Jahr. Aber natürlich bin ich ständig gedanklich und in vielen Gesprächen mit der Programmkonzeption befasst - Ich beobachte leidenschaftlich gern, was sich tut, wer über was schreibt, wer über was nachdenkt. Und meine Mitarbeiterinnen bringen auch immer wieder tolle Ideen mit ein.

Welche Überlegungen stehen bei der Planung der Lesetage im Vordergrund. Laden Sie bestimmte Autoren und Autorinnen ein?
Als ich vor zehn Jahren von HEW erstmals den Auftrag bekam, das Lesetage-Programm zu konzipieren, äußerten viele Kollegen Bedenken, Sachbücher ins Programm zu nehmen. Damals war man noch der Auffassung, dass Sachbuchlesungen ein Publikums-Killer sind. Ich war da immer anderer Meinung, ich habe von Anfang zu Themen Romane und Sachbücher, ernste und heitere, E und U kombiniert und auch für zunächst unbequem wirkende Textgattungen neue Formate geschaffen, wie z.B. die erste Kolumnen-Nacht.

Müssen sie bekannt sein oder vom Thema her überzeugen.
Das Thema steht immer im Vordergrund. Und dann kommt die Mischung, wie bei jedem guten Verlagsprogramm. Da nehme ich dann gerne auch mal (noch) unbekannte Namen mit hinein, wenn ich das Buch überzeugend finde. Eine Reihe dieser Autoren, wie z.B. Frank Schätzing, haben in den Jahren darauf ja auch erstaunliche Karrieren gemacht, das freut einen dann natürlich besonders. Letztes Jahr hatten wir Felix Meyer mit seiner Band im Programm, der macht jetzt gerade seinen Weg zum Star.

Braucht man für diesen Job einen Jagdinstinkt?
Definitiv ja. Da fängt es an zu kribbeln und ich weiß, ich muss jetzt sofort handeln, um eine besonders schöne Veranstaltung hinzukriegen. Zum Beispiel, wenn ich mir eine Themenreihe überlegt habe und dann herausfinde, dass ein Autor oder Autorin, deren Arbeit mich interessiert, genau dazu gerade ein Buch schreibt. Manchmal bin ich auch mit einer Themen-Idee zu früh, dann dauert es noch zwei oder drei Jahre, bis die Bücher dazu kommen. Es gibt immer wieder Autoren, für deren Arbeit ich mich begeistere. Und wenn ich sie zu den Lesetagen einlade und ihr Buch im Frühjahr darauf auch in den Feuilletons im Mittelpunkt des Interesses stehen, ist das schön.

Das besondere an den Vattenfall Lesetagen ist auch, dass Mitarbeiter des Unternehmens Paten der Veranstaltungen sind. Können sich die Mitarbeiter die Lesung aussuchen, welche sie betreuen möchten?
Auch das organisiert das Lesetage-Team bei Vattenfall. Ich war von der Idee von Anfang an sehr angetan - im Grunde geht das auf eine alte linke Idee zurück, Kultur in Fabriken und an Arbeitsplätze zu bringen und Arbeiter bzw. Angestellte zur Kultur. Da treffen Welten aufeinander, das geht auch nicht immer ohne Knirschen im Getriebe und das ist auch gut so. Und ja, die Mitarbeiter nennen ihre Prioriäten, das ist ja fast schon so etwas wie Vorwahlen, da sehen wir, wer wie beim ersten, dem internen Publikum ankommt.

Es gibt zur Zeit auch Kritik an den Lesetagen ...
Na ja, am Inhalt der Lesetage nicht. Bei den Lesetagen haben in den vergangenen Jahren viele gelesen, die Rang und Namen und vor allem Ideen haben, von Joachim Fest bis Andres Veiel, von Ralph Giordano bis Hans Leyendecker, von Irene Dische bis Art Spiegelman. Ich höre immer wieder von Verlagen, Autoren und anderen Mitwirkenden, dass sie die Qualität des Festivals und auch seine Nachhaltigkeit schätzen.

Die Kritik, die es gibt, richtet sich gegen die privatwirtschaftliche Finanzierung von Kulturveranstaltungen. Der Publizist Roger Willemsen äußerte dazu die Sorge, Autoren könnten sich vor den einen oder anderen Karren spannen lassen. Ich teile seine Sorge nicht, meiner Erfahrung nach sind Künstler und Publikum unabhängiger als Willemsen es ihnen zutraut.

Warum ich mich sorge ist die Zukunft der privatwirtschaftlich unterstützten Festivals und damit einer wichtigen Finanzierungsgrundlage von Autoren, Musikern und Künstlern. Wenn nur noch z.B. politisch motivierte Veranstaltungen im Angebot sind, bei denen Künstler ohne Honorar auftreten, führt das doch automatisch zu einer "Marktbereinigung" wie wir sie uns eigentlich nicht wünschen können. Nicht jeder kann sich wie z.B. Roger Willemsen aus hoch dotierten Vortragsveranstaltungen finanzieren.

Einer Ihrer Partner ist Weltnacht des Buches…
Ja, das ist klasse. Wir standen in regem Austausch mit dem Team der Weltnacht des Buches und ich freue mich, dass z.B. eine eher unbekannte Autorin wie die Ägypterin Mansura Eseddin (die als erste Frau für den arabischen Nationalpreis nominiert war) eine Chance bekommt, neben ihrer Lesung bei uns auch bei der Weltnacht-des-Buches-Veranstaltung auf dem Rathausmarkt mit dabei zu sein. Ich hatte gehofft, dass wir Ulrich Wickert für sie interessieren könnten.

Harbour Front ist zwar im September und damit zeitlich gesehen weit weg, aber ist das Festival trotzdem eine Konkurrenz für die Lesetage?
Das ist ein kollegiales Verhältnis. Nikolaus Hansen ist ja selbst Verleger und schickt auch seine Autoren zu den Lesetagen. Immer wenn sich etwas in der Hamburger Szene ändert, guckt man natürlich erstmal, was das fürs eigene Projekt bedeutet. Harbour Front wie übrigens auch die LitCologne haben durch die zeitliche Nähe zu den Buchmessen den Vorteil, ziemlich kostengünstig die Hamburg- bzw. Köln-Termine der durch Deutschland reisenden Autoren aus dem Ausland anbieten zu können, mit kompletten Schauspieler-Moderatoren-Packages. Das geht bei uns selten, was ich aber auch wieder gut finde.

Inwiefern?
Es ist ein wunderbarer Teil meiner Arbeit, vielleicht überhaupt der wunderbarste, mir ohne jede Vorgabe zu überlegen, welche Menschen ich auf dem Podium miteinander und mit dem Publikum bekannt machen kann. Das ist dann im eigentlichen Sinne der künstlerische Aspekt der Arbeit. Und wenn es klappt, und das tut es glücklicherweise meistens, dann erreicht man einen Gänsehaut-Moment, der auch das Publikum ergreift. Plötzlich ist etwas stimmig, eine Tür geht auf.

Mögen Sie uns verraten, auf welche Lesung oder welchen Vortrag Sie sich am meisten freuen?
Meinen besondere Liebe gehört immer wieder den Zeitzeugen. Ich habe einfach großen Respekt vor der Lebenserfahrung und dem weiteren Horizont von Menschen, die viel erlebt und vielleicht auch mit gestaltet haben.

In diesem Jahr sind Egon Bahr und Heiner Geißler dabei, aber auch Entdeckungen wie Peter Steinbach, den Drehbuchautor von Edgar Reitz' "Heimat"-Filmen, der über seine Kindheit im letzten Kriegsjahr in Leipzig berichtet. Oder Cornelius Weiss, dessen Vater als Atomphysiker nach dem Krieg mit seiner Familie in die Sowjetunion ging.

Richtig glücklich macht mich, dass ich den 87-jährigen Adolfo Kaminsky gewinnen konnte, der 1943 im Alter von 18 Jahren begann, für die französische Résistance Pässe zu fälschen und so Tausenden das Leben gerettet hat. Seine Tochter hat sein Leben aufgeschrieben und nun kommen die beiden aus Paris ein einziges Mal nach Deutschland zu einer Lesung - und zwar zu den Lesetagen.

Das Programm von den Vattenfall Lestagen finden Sie hier:
http://www.vattenfall.de/de/lesetage




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