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Krimi-Highlights der Saison
Pro Monat landen ungefähr 170 Bücher auf meinem Schreibtisch, die irgendwie Kriminalliteratur sind, sein wollen oder zumindest krimi-affin. Das macht ca. 500 im Quartal. Ca. 2000 im Jahr, aber im Jahresrhythmus rechnet man lieber mal nicht. Deswegen hier drei meiner Lieblingstitel aus dem aktuellen Stapel, wobei man gar nicht mehr weiss, wo Aktualität anfängt und vielleicht schon längst wieder aufgehört hat. Guten Büchern ist das egal, mir auch:

Der „Premio Rodolfo Walsh“ ist der Preis, den die Semana Negra in Gijón jährlich für das beste non-fiction- resp. true-crime-Buch vergibt. Von dem Namensspender, dem brillanten argentinischen Journalisten und Schriftsteller Rodolfo Walsh, der 1977 während der Militärdiktatur auf offener Straße ermordet wurde (tatsächlich hatte er das Feuergefecht mit seinen Häschern gesucht, um nicht den Folterknechten der Junta lebendig in die Klauen zu fallen), gab es bisher auf deutsch nur die journalistischen Meisterwerke „Operación Masacre“ und „Wer erschoss Rosendo G.?“ und ein paar Kurzgeschichten zu lesen. Wobei „Esa Mujer“, („Diese Frau“ – ein Text aus dem Jahr 1967 über Eva Peróns Leiche) unbestrittenermaßen zu den Highlights der südamerikanischen Literatur gehört, was sich allerdings bei uns noch nicht herumgesprochen hat. Man brachte es sogar fertig, Walsh während der Südamerika-Mode unter den Lawinen von García Marquez und Vargas Llosa beinahe vollständig zu ignorieren.

Anyway, Buchmessen sind manchmal ganz nützliche Veranstaltungen. Zwar nerven die Verlage mit nicht immer cleveren und kenntnisreichen Wellen von Übersetzungen aus dem Gastland, aber die paar wichtigen Bücher und Autoren, die übrig bleiben, lohnen das Spektakel letztlich doch. Ohne das Buchmessenthema „Argentinien“ keine Rodolfo-Walsh-Text auf Deutsch – so ist das nun mal. Auch wenn der Zürcher Rotpunktverlag im Falle der Kriminalerzählungen von Walsh (um die es hier geht – sein kapitales true-crime-Buch „Das Massaker von San Martín“ - so heisst die Neuausgabe von „Operación Mascare“ jetzt - ist eine eigene Würdigung wert) ein wenig geizig in der Auswahl aus der cuentos policiales aus den 1950er Jahren ist. Leider zeugt auch das Nachwort von Wolfram Nitsch nicht unbedingt von der eigentlich zu erwartenden Kenntnis der argentinischen Kriminalliteratur – von den neueren argentinischen Kriminalautoren, die in der Tat die Gegenwartsliteratur des Landes schon fast dominieren, nennt er lediglich Juan José Saer und Ricardo Piglia und verpasst somit auch glatt die Chance, das Weiterleben Walshs z. B. bei Pablo de Santis zu zeigen. Andere Walsh-Nachfolger wie Miguel Bonasso kommen schon gar nicht vor.

Aber wir wollen nicht nörgeln. Die zehn Stories, die hier versammelt sind, zeigen, wie elegant Walsh das von Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares in den 1940ern vorgelegte Muster des intellektuellen Spiels mit der Schein-Logik eines Conan Doyle oder einer Agatha Christie (also in den „Seis problemas para Don Isidro Parodi“) nochmals parodiert und von dem Kopf auf die Füße stellt. Denn Walshs Kommissar Laurenzi, der uns in vier Geschichten begegnet, und noch mehr Kommissar Jiménez scheinen die Parodi-Formel aufzunehmen - am deutlichsten in den Stories „Der Schatten des Vogels“ und „Drei Portugiesen unter einem Regenschirm (den Toten nicht mitgezählt)“ -, aber trotz der oft mitlaufenden Schachmetapher (Walsh war ein exzellenter und obsessiver Schachspieler) sind die Geschichten geerdet. Keine luftig-phantastischen Spiele, wie bei den großen Vorbildern, sondern down to the ground und mit einer deutlichen Absage daran, dass am Ende einer Kriminalhandlung die Welt wieder in Ordnung sei.
Au contraire, weil bei Walsh Polizisten keine netten Menschen sind, wie es überhaupt in den argentinischen Provinzen und den weniger glamourösen Ecken von Buenos Aires, in denen die Stories spielen nicht gemütlich, identifikationsstiftend oder sonst wie grimmi-kuschelig zugeht.

Zudem beherrschte Walsh genauso gut die „offene“ Form, wie das grimmige Prosajuwel „Die Otterjäger“ zeigt. Auch Genre-Crossing ins Fantastische ist bei ihm angelegt – da kann man den Schatten von Borges spüren, wenn man unbedingt will. Aber ich denke, dass die Erzählinhalte von „Die Reise im Kreis“ und „Die Augen des Verräters“ viel zu robust sind und insofern eher auf Ambrose Bierce verweisen. Auf jeden Fall aber steckt in diesen leicht „fantastischen“ Geschichten der Keim, der in der verwickelten, kühl kalkulierten Verschränkung von Irrationalem mit Rationalem bei Pablo de Santis zum Beispiel aufblühen sollte. Insofern ist auch das fiktionale Werk von Rodolfo Walsh politisch – er holte die Kriminalliteratur in Südamerika aus den Wolken – nicht nur mittels non-fiction, sondern eben mit solchen kleinen, mosaikhaften rein fiktionalen Stories. Im Grunde braucht man dringend eine Walsh-Gesamtausgabe. Diesen originellen, präzisen wichtigen Schriftsteller muss man schon kennen.

Zoë Beck
Zoë Beck macht aus zwei veritablen Albträumen einen Roman.
Albtraum Nummer eins ereignet sich 1978 in Berlin. Während eines Klinikaufenthaltes wird das sechs Monate alte Kind der Galeristin Carla Arnim anscheinend verwechselt. Der Säugling, den man ihr bringt, ist nicht ihr eigenes Kind. Niemand glaubt ihr, die Frau wird zusehends psychiatrisiert. Besonders als sich später herausstellt, dass das kleine Mädchen ein „Altes Kind“ ist, also an „Progerie“ leidet, einer seltenen Krankheit, die vorzeitiges Vergreisen und einen frühen Tod bewirkt.
Albtraum Nummer zwei geschieht im Edinburgh von heute. Da erwacht eine junge Frau in der Badewanne und schwimmt im eigenen Blut. Rosenblätter, romantische Teelichte und aufgeschlitzte Handgelenke: ein eindeutiges Selbstmordszenario. Allerdings weiß die junge Frau, dass sie sich keinesfalls umbringen wollte. Sie behauptet, jemand habe versucht, sie zu ermorden. Ihr Umfeld glaubt ihr nicht.

Dass Beck (ein nicht allzu scharf gehütetes Pseudonym der Roman- und TV-Autorin Henrike Heiland) diese beiden existentiell schlimmen Situationen über den langen Bogen von 30 Jahren erzählter Zeit zusammenfügt, darf nicht überraschen. Wie sie das tut, ist das Bemerkenswerte an diesem elegant gebauten Roman. Ein Freund der angeblichen Suizidantin beginnt von der Zeitebene „heute“ aus zu ermitteln, was es mit dem seltsamen Schicksal der verwirrten jungen Frau auf sich hat. Dabei werden peu à peu die Ermittlungsversuche der Mutter enthüllt, die von der Zeitebene 1978 aus versucht, herauszubekommen, wie und warum das Vertauschen der Kinder stattgefunden hat. Die Hauptgeschichte um Erbkrankheiten, Überforderung, Panik, Genforschung (als illusionäres und fatales Lösungsangebot für menschliche Ängste vor dem Un-Perfekten) und Familienränke muss man hier nicht rekonstruieren. Sie ist kompliziert, aber transparent erzählt, schon das eine Qualität per se.
Eine noch größere Qualität liegt in dem Blick, den Beck kultiviert: Sie beschreibt die Albträume, die zwangsneurotischen Situationen und die zwischenmenschlichen Verklammerungen ohne je in eine Gefühligkeitsfalle zu geraten. Die Perspektive erinnert an Patricia Highsmith, die sich obsessiv genau für Menschen interessiert, wenn auch nicht unbedingt für das Gute im Menschen.

Der Gatte der getäuschten Mutter, ein international gefeierter Pianist, wird nachgerade narrativ präzise filettiert: Die Beschreibung des netten, sensiblen, gar bedeutenden Künstlers als indolenter Soziopath hat große Klasse. Und auch Becks Talent, Schauplätze der geographischen und soziologischen Art wie die Kunstszene Edinburghs oder den westdeutschen HighEnd-Kulturbetrieb der 1970/80er Jahre völlig „unsoziologisch“, beinahe beiläufig auf den Punkt zu bringen, gehört zu den erzählerischen Pluspunkten des Romans. Beck blickt ihren Figuren nicht in die Seelen, wühlt nicht in Emotionen und baut genau damit den suspense auf, den ein Psychothriller dieser international satisfaktionsfähigen Machart auszeichnet. Dazu gehört auch, dass Beck über einzelne Figuren den Anschluß an einen älteren Roman („Wenn es dämmert“) herstellt und im aktuellen Buch die nötigen Grundlagen für eine Fortsetzung herstellt – die allerdings nicht unbedingt in eine der zur Zeit so rasend beliebten Serien münden muss, aber potentiell kann, wenn es nötig wird. Für Literaturfreaks nebenbei ein weiterer Beleg, dass man mit Kriminalliteratur und anderen populären Genres nicht weiterkommt, wenn man ihre Entstehungsbedingungen nicht konstitutiv in alles Nachdenken darüber einbezieht. Aber das wirklich nur am Rande.


Dennis Lehanes/Loustal
Dennis Lehanes Antwort auf Hammetts Nick & Nora Charles, das PI-Pärchen Kenzie & Gennaro, gehörte zu den erfreulichsten Wiederbelebungsversuchen des guten, alten Privatdetektiv-Romans in den 1990er Jahren. Richtig erfolgreich wurde Lehane dann allerdings mit eher epischen („Mystic River“), leicht episch-spökenkiekerischen („Shutter Island“) und seit neuestem episch-historischen („Im Aufruhr jener Tage“) Romanen, die, nebenbei bemerkt, einen leichten Hauch ambitionösen Bebens haben. Seine Kurzgeschichten (versammelt in dem Band „Coronado“) hingegen sind erfreulich lakonisch, darunter eben auch die Geschichte „Bis Gwen“, die dann zu einem Theaterstück wurde und als solches „Coronado“ heißt.

„Bis Gwen“ wurde aber auch zu einem wunderbaren Comic namens „Coronado“, gezeichnet von Jacques de Loustal alias Loustal, dessen großartige Bilder schon Mythomanen wie Jerome Charyn und Romantiker wie Tito Topin zu ersprießlichsten Kooperationen gereizt haben. „Besame Mucho“ (das Szenario stammt von Phillipe Paringaux) schließlich war Loustal Hommage an den französischen Tenorsaxophonisten Barney Wilen, der bei Miles Davis´ epochaler Fahrstuhl-zum-Schaffott-Musik dabei war, die den Sound des noir sozusagen materialisiert hatte.

In diese Stimmungslage fügt sich nun perfekt das streng in 5. Akten erzählte Drama eines letalen Vater-und-Sohn-Konfliktes, ein Lieblingsthema von Lehane. Die flächigen, sehr bunten und sehr stilisierten Bilder von Loustal, in denen nur wichtige Details angedeutet werden, und die manchmal schon fast in der Nähe der Abstraktion siedeln, transportieren entweder Atmosphären und Stimmungen (das alte, aber immer faszinierende Thema: Nacht und Licht; blau und gelb) oder über die Körpersprache der Figuren, die nach drei weiteren Abstraktionsschritten nur noch Icons wären, Dispositionen, Situationen und Befindlichkeiten. Text und Dialog sind sparsam. Die Bilder sprechen für sich, das Verhalten der Menschen auf den Bildern erst recht. Und so entsteht ein transparentes, luzides und gleichzeitig rätselhaftes Kunstwerk, das vor allem von der ästhetischen Autorität der Bilder lebt. Die kann, wenn es gut geht, die narrative Dominanz einer Geschichte brechen. Hier haben wir einen solchen Fall. Ein grandioser Comic.

Text von Thomas Wörtche

Die Bücher:
Rodolfo Walsh: Die Augen des Verräters. Kriminalgeschichten. Dt. von der Gruppe „Transports“. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Wolfram Nitsch. Zürich: Rotpunktverlag 2010, 166 Seiten, € 18,00
Zoë Beck: Das alte Kind. Roman. Köln: Bastei-Lübbe Taschenbuch 2010. 302 Seiten, € 7,99
Loustal/Dennis Lehane: Coronado. München: Schreiber & Leser, 2010, 94 Seiten, € 16,80



www.rotpunktverlag.ch
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