 |
| Themen |
 |
| Zeit für neue Perspektiven: Der „Männerschwarm Verlag“ |
 |
Mit nur zwei Personen stemmt ein ganz besonderer Verlag in Hamburg seit fast 20 Jahren ein überraschendes Verlagsprogramm. Zeit für einen Verlagsbesuch.
Läden und Boutiquen, Szene-Bars und Straßencafés reihen sich in Hamburgs Stadtteil St. Georg zwischen Außenalster und Hauptbahnhof aneinander und ziehen ein multikulturelles, buntes Publikum an. Längst hat die „Lange Reihe“ ihr zwielichtiges Image verloren, in der „In-Straße“ St. Georgs kann man sich kaum noch eine Wohnung leisten. In dieser anregenden, kreativen Atmosphäre sitzt ein ebensolcher Verlag: „Männerschwarm“. Der Name ist Gesetz und passt in die „Lange Reihe“, wo sich Hamburgs lesbisches und schwules Leben abspielt, und jedes Jahr die Christopher Street Day-Parade startet. „1 ½ Personen“, Joachim Bartholomae und Detlef Grumbach, verbergen sich hinter dem Verlag, der allein im Herbst 13 Neuerscheinungen auf den Markt bringt und über 250 Titel auf der Backlist stehen hat.
Fremde Welten erobern
Dabei ist Quantität in diesem Verlag gerade nicht das wichtigste Kriterium. Ein Blick ins Programm reicht aus, um zu sehen, dass es hier um Texte geht, die eine ganz eigene Qualität haben - Texte, die den Blick erweitern. „Das ist keine schwule Zielgruppenliteratur mehr,“ sagt Detlef Grumbach, Sachbuchlektor und Presseverantwortlicher. „Sich fremde Welten erobern“ solle man, das sei ja schließlich auch eine Grundbedingung, weshalb man überhaupt lese. Der enge Begriff des „schwulen Verlages“, den es 1992 noch gab, hat sich mehr und mehr erweitert. Bei der Eignung eines Textes sei es erst einmal egal, ob der Autor oder die Inhalte schwul seien. Allein die Textqualität zähle, sagt Joachim Bartholomae, der Belletristik lektoriert, Vertrieb und Herstellung managt. Texte, die ihn „richtig erwischen und überraschen,“ die verlegt er.
Ungehörtem eine Chance geben
Autoren und Themen laufen solch einem Verlag zu. Der Schweizer Christoph Geiser, der verstorbene Autor Detlev Meyer, aber auch Comic-Zeichner Ralf König haben das Programm seit Beginn des Verlages begleitet. Themen, an die sich kein großer Verlag herantraut, finden bei „Männerschwarm“ eine verlegerische Heimat. Ungehörten eine Chance zu geben, ist hier grundlegendes Verlagskonzept: „Wir stehen einem beachtlichen Volumen literarischer Werke gegenüber, die in Deutschland keine Verlage finden, und beackern dieses Feld weitgehend allein. Da unsere Kapazität begrenzt ist, streben wir an, einer großen Zahl von Stimmen Gehör zu verschaffen, und drucken statt des zweiten Buchs eines Autors lieber den Unbekannten,“ sagt Bartholomae. Diese Einstellung macht sich auch im Wissenschafts- und Sachbuchbereich bemerkbar. „Die sollen nicht jeder ihr eigenes Süppchen kochen,“ war der Ausgangsgedanke, heute fassen die Jahrbücher „invertito“ historische Forschungsergebnisse zur Homosexualität zusammen, zeigt die Schriftenreihe „Queer Lectures“ den akademischen Diskurs um „queere“ Fragestellungen und finden sich in der Reihe „Edition Waldschlösschen“ Themenbände wie „ Homosexualität und Islam“.
Umfangreiche Schriftenreihe zu Klaus Mann
Und auch sonst blickt man über den Tellerrand. Als die Titel des Verlages „Rosa Winkel“ aus dem VLB verschwanden, fragte Joachim Bartholomae einmal nach. „Rosa Winkel“ existierte nicht mehr, die Bücher gibt es nun aber wieder, denn „Männerschwarm“ liefert die ca. 80 überwiegend wissenschaftlichen Titel der Reihe weiter aus. Auch die umfangreichste Schriftenreihe zum Leben Klaus Manns hat „Männerschwarm“ für die Nachwelt „gerettet“. Die Texte aus einem Nachlass bekam Joachim Bartholomae unter der Auflage, die Titel weiter lieferbar zu halten.
Buchhändler sind eher vorsichtig
Trotzdem: die Vorurteile bleiben, dass merkt „Männerschwarm“ vor allem an der Resonanz aus Buchhandel und Presse. Da werden die Bücher „auf Distanz gehalten“, und da merkt Joachim Bartholomae, dass sie „argumentativ eine schwere Aufgabe haben“, denn „einerseits bieten wir durchaus neue und eigene Perspektiven, wollen aber andererseits nicht in eine Schublade gesteckt werden“. Fragt er im Handel nach, ist es einem Buchhändler peinlich, dem Kunden Bücher mit sexuellen Darstellungen anzubieten. An solchen Vorturteilen merkt man gleich, dass der Buchhändler noch nie in ein Buch des Verlags hineingeguckt hat. „Das sind wir gewohnt,“ sagt Bartholomae und klingt gar nicht so frustriert dabei - dass er gewohnt ist, zu diskutieren, merkt man schnell. Eine Eigenschaft, die neben dem Herzblut auch die Größe des Verlags mit sich bringt: Bartholomae ist schließlich Buchhalter, Vertriebler, Lektor und Verleger in einem. Manchmal erleben er und Detlef Grumbach aber auch positive Überraschungen.
Wir hatten Lust auf das Buch
Als 2005 „Der beschädigte Wüstling“, eine zweisprachige Ausgabe des Earl of Rochester, eines spätbarocken englischen Lyrikers erschien, publizierte „Männerschwarm“ aus üblichem Beweggrund: „Wir hatten Lust auf das Buch.“ Und sie trafen einen Nerv, Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche rezensierten, sogar Roger Willemsen präsentierte das Buch – aus Begeisterung. Warum? „Rochester hat alle Welt provoziert, aber das ist lange her und tut heute keinem mehr weh,“ weiß Bartholomae. Auch „Ziffer und die Seinen“, ein Beziehungsroman, von einem Israeli geschrieben, wurde gut wahrgenommen. Rezensionen können dann auch mal die beiden textsicheren Verleger überraschen. Die Besprechung einer heterosexuellen Frau hat auch ihren Blick auf den „Ziffer“ geweitet: „Die hat Dinge entdeckt, die mir nie so aufgefallen wären. Wir gucken eben mit schwulem Blick auf schwule Themen,“ lacht Detlef Grumbach. Aufmerksamkeit durch Veranstaltungen, auch das stemmen die zwei Männer. Bei den „lesbisch-schwulen Filmtagen“, beim „Christopher Street Day“ sind sie, wann immer möglich, mit einer Veranstaltung dabei. Eine eher dankbare Aufgabe, denn das bringt das Thema mit sich: „Da ist eine natürliche Affinität, da kennt man sich,“ sagt Bartholomae. Als 2005 alle Autoren des neuen Verlagsprogramms zufälligerweise Berliner waren, reagierte man natürlich mit einer Berliner Veranstaltung: Einer Marathon-Lesung nebst Buchpaten.
Mit “Bullenklöten“ von Ralf König fing alles an
Zugpferd des Verlages war und ist Ralf König, der mit spitzer Feder schwulen Alltag portraitiert. Erfolgreich: Über sechs Millionen Comics in 12 Sprachen wurden verkauft, vier Titel verfilmt. Seine Comics finanzieren heute noch die Verlagsmiete. Mit Ralf König und der Buchhandlung „Männerschwarm“, die heute noch auf 80 qm im selben Gebäude St. Georgs Kultur- und Geschäftswelt bereichert, hat alles angefangen. 1992 verlegte noch der Buchladen „Männerschwarm“ Königs erstes Comic „Bullenklöten“, das sich bis heute 100.000 mal verkaufte. Selbst die Entwarnung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften war erfolgreiche PR für das Comic. Die FAZ sprach davon, der Entscheid müsse als Empfehlung gesehen werden, das Buch zu lesen. Der Erlös von „Bullenklöten“ war das Grundkapital für die Verlagsgründung. Ein schwuler Sachbuchverlag sollte die Diskussionen wieder in Gang bringen. Es kam ein bisschen anders: Dem öffentlichen Aufruf nach neuen Fragen und neuen Antworten liefen und laufen nämlich vor allem auch belletristische Autoren zu. Highlight im Herbst 2009 ist u.a. ein Band mit Geschichten E.M. Forsters. In „Das künftige Leben“ finden sich Erzählungen, die noch nie auf deutsch erschienen sind. Wieder ein Fall, wo Joachim Bartholomae im richtigen Moment zugriff, denn auch damit „konnten die Kollegen in einem anderen Verlag nichts anfangen.“ „Männerschwarm“ konnte es, denn es ist eines dieser Bücher, das skuril und überraschend ist. Natürlich findet sich auch „Leichtes“ wie Castros „Unter Männern. Urlaub auf Gran Canaria“ im Programm, aber es sind eher Bücher wie „Schwule Nachbarn“, die für den Verlag stehen. In „Schwule Nachbarn“ machen sich 21 bekannte, heterosexuelle Autoren (darunter Uwe Timm und Feridun Zaimoglu) Gedanken über die Schwulen von nebenan.
Nachholbedarf in der deutschen Gegenwartsliteratur
Denn „bei diesem Thema hat die deutsche Gegenwartsliteratur durchaus Nachholbedarf.“ Viele „Männerschwarm“-Bücher findet man in der Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp, Piper oder Aufbau wieder. Sowas laufe über die Chefetage, wie z.B. den damaligen Geschäftsführer der Verlage Suhrkamp und Insel Günter Berg, erzählt Joachim Bartholomae. Dann fangen die Lektoren an zu lesen und denken: „Das ist ja gar nicht so schlecht.“ Da nimmt man auch mal Einbußen inkauf: Michael Carsons Coming-Out-Roman „Das klebrige Glück der Süße“ übernahm der dtv unter dem Titel „Das Glück der Süße“. „Schade, mein Titel war schöner“, sagt Bartholomae.
Diskussion in Gang bringen
2001 erhielt „Männerschwarm“ die Programmprämie der Hansestadt Hamburg. Schwule Magazine und Stadtmagazine reden über „Männerschwarm“, FAZ, SZ sowie die anderen „Großen“ werden aufmerksamer, aber es ist noch viel zu tun. Detlef Grumbach und Joachim Bartholomae diskutieren, mit Journalisten, mit Buchhändlern und Lesern und vor allem über den Schreibtisch hinweg. „Das, was wir hier reden, können wir auch online stellen,“ dachten sie sich. Heute finden sich im Weblog der Verlags-Homepage reichhaltige Diskussionen über aktuelle Bücher und Diskurse wie „Ist Brokeback Mountain ein klassischer Western?“. Da liefert sich der Leiter des Literaturhaus Hamburg Rainer Moritz auch mal einen verbalen Schlagabtausch über eine seiner Rezensionen. Dieser kleine Verlag zeigt, wieviel man über Literatur und gerade auch das Reden über Literatur erreichen kann. Die neuen Perspektiven, die „Männerschwarm“ aufstellt sind verwirrend, aber ganz sicher auch bereichernd. „Was ist eigentlich ein heterosexuelles Buch? Diese Frage wurde so noch nicht gestellt“, gibt Detlef Grumbach mit auf den Weg.
Text von Jane Marie Kähler
www.maennerschwarm.de
|
|