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| Vier Frankfurter Verlage im Gespräch |
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Innovativ oder klassisch? Vier Frankfurter Verlage im Gespräch über neue Wege in der Öffentlichkeitsarbeit.
Frankfurt am Main ist eine starke Literaturstadt. Zahlreiche Verlage haben hier ihren Sitz, einige seit Jahrzehnten schon, einige erst seit Kurzem. Wie sie es schaffen, sich auf dem immer enger werdenden Buchmarkt zu behaupten, davon haben uns Anya Schutzbach von weissbooks.w, Axel Dielmann vom dielmann – verlag, Norbert Rojan vom B3-Verlag und Roland Apsel vom Verlag Brandes & Apsel erzählt.
Frau Schutzbach, erst einmal herzlichen Glückwunsch. Sie haben in diesem Jahr den Frankfurter Gründerpreis erhalten. Der Verlag weissbooks.w wurde Anfang 2008 von Ihnen und Rainer Weiss gegründet. Beide waren Sie lange Jahre für den Suhrkamp Verlag tätig, Reiner Weiss als Programmgeschäftsführer, Sie als Marketingchefin. Bei weissbooks.w sind Sie verantwortlich für das operative Geschäft (Vertrieb/Verkauf, Werbung/Marketing und Herstellung), Rainer Weiss ist zuständig für das Programm (incl. Lektorat), Presse, Rechte & Lizenzen, Veranstaltungen.
Wie wichtig ist Frankfurt als Standort für Ihren Verlag?
Schutzbach: Frankfurt ist enorm wichtig für den Verlag. Zu Beginn hatten wir sehr damit geliebäugelt, nach Zürich zu gehen, weil viele unserer Gesellschafter in der Schweiz bzw. Liechtenstein sitzen. Und in der Schweiz haben wir ein gutes Mediennetzwerk, ein gutes Autorennetzwerk. Eine andere Wahlmöglichkeit war natürlich Berlin. Einen jungen Start-up-Verlag sieht man natürlich gerne in Berlin. Wir haben uns aber für Frankfurt entschieden, weil Frankfurt die deutlich stärkere Literaturstadt ist. Hier gibt es ein Netzwerk, das Rainer Weiss und ich seit über 25 Jahren kennen und bespielen. In Berlin müsste alles neu aufgebaut werden. Und, was nicht zu unterschätzen ist, in Frankfurt sitzt die Wirtschaft. Hier sitzt das Geld. Das ist die ideale Kombination, um einen Verlag am Leben zu erhalten. Die Kombination aus Geist und Geld sehe ich in Frankfurt wesentlich stärker verankert als in jeder anderen deutschen Stadt. Wichtig sind auch die Verlagskontakte. Die Branche besteht ja immer auch aus den anderen Verlagen. Und da haben wir die Suhrkamp-Kollegen, da haben wir Campus, Eichborn, Schöffling, der Westend-Verlag usw. Das ist schon eine Menge.
Herr Dielmann, Ihren Verlag gibt es seit 1993. 1996 wurde er zu einer Verlagsgesellschaft mit Partnern erweitert, die neben der gemeinsamen Erarbeiten neuer Inhalte auch die finanzielle Decke des Verlages zu hinterfüttern. Auch für die Finanzierung der noch jungen Reihe „Die Wissenschafts-Romane“ haben Sie sich etwas Ungewöhnliches einfallen lassen. Sie haben Beteiligungsgesellschaften gegründet. Wie funktioniert das?
Dielmann: Die Finanzierung von Buchprojekten wird immer leidiger. Es ist ja gar kein Kapital in dieser Kulturwirtschaft. Und wenn man auf eine Idee kommt, wie man dieses Kapital herbei-schaffen kann, dann ist das eine großartige News, für die sich die Journalisten interessieren. Man sammelt 5-15 Leute, die unterschiedliche Summen zur Verfügung stellen. Mit diesem Geld produziert man die Reihe und beteiligt die Gesellschafter am Gesamterlös. Wenn es um eine Reihe geht, die klug zusammengebaut ist, die ein gutes Thema bietet, wo innerhalb von 7 Jahren 20 bis 30 Titel erscheinen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein Seller dabei ist. Und wenn ein Seller dabei ist, dann finanziert der alles andere mit. Die Investoren haben also eine große Wahr-scheinlichkeit, Geld herauszuziehen.
Wie sehen bei Ihnen innovative PR-Konzepte aus?
Dielmann: Diese neue Reihe ist ein Brückenschlag zwischen den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen und der Literatur. Gesellschaftsrelevante Themen werden hier literarisch präsentiert. Es war klar, dass man damit viele Veranstaltungen würde machen können. Wir haben Institute, Forschungsgesellschaften und Universitäten angesprochen und gefragt, ob sie diese Reihe unterstützen wollen. Denn dann lassen sich dort auch Veranstaltungen realisieren. In der IHK Frankfurt haben wir die Reihe präsentiert. Ein sehr bekannter, nobler Ort. Wurde von den Medien gut aufgenommen und hat der Reihe als PR-Maßnahme sehr geholfen. So konnten auch weitere Unternehmen angesprochen werden, weil die gesehen haben, dass die IHK sich stark dafür macht. Außerdem ist es gut, etwas zu produzieren, worüber Journalisten mehrfach berichten können. Hier haben sie die Buchreihe, sie haben die Information über die IHK, d. h. sie haben gleich mehrere Ansatzpunkte für einen Artikel. Ich denke, es ist zunehmend wichtig, dass man Öffentlichkeitsarbeit so macht, dass man verschiedene Kanäle gleichzeitig bespielt.
Herr Apsel, was halten Sie von innovativen PR-Konzepten?
Apsel: Wir machen klassische, qualitative Pressearbeit, d. h. wir versuchen über lange Jahre Kontakte zu Einzelpersonen aufzubauen, die uns gewogen sind und die sich für unsere Themen interessieren. Wir sind ein Fachverlag mit den Programmschwerpunkten Psychoanalyse, Psychotherapie, Kulturkritik, Soziologie, Afrika, interkulturelles Sachbuch, kritische Bücher zur Globalisierung sowie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Des Weiteren geben wir fünf psychoanalytische Fachzeitschriften heraus, darunter die führende Fachzeitschrift für Kinderpsychoanalyse im deutschsprachigen Raum „Analytische Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie AKJP“. Insofern haben wir auch spezielle Ansprechpartner in den Redaktion, sodass dies ein günstiger Weg ist.
Verschicken Sie Pressemeldungen oder Newsletter online?
Apsel: Newsletter werden nur selten verschickt. Das nützt ja doch nichts. Dann haben die Journalisten eben 200 Newsletter im Postfach. Man verlagert das Ganze nur von einem Medium in das andere. Wenn die Bücher da sind, beginnt das Spiel erst. Wir verschicken zwar die Vorschau, aber viele arbeiten damit nicht mehr. Ganz selten. Die ganze Branche ist verschlampt. Die Gänge und Räume in den Redaktionen sind voll von Vorschauen und Büchern. Und selbst wenn es heißt, es wird alles alphabetisch sortiert und akribisch durchgesehen, dann erledigen diese Arbeiten doch nur die Volontäre oder Praktikanten.
Der B3-Verlag existiert seit 2005. Herr Rojan, Ihr Programm besteht fast ausschließlich aus Titeln rund um Hessen und Frankfurt.
Rojan: Ja, der Buchhandel kam auf mich und meine Frau Sybille Nolte mit dem Vorschlag zu, brachliegende regionale Themen verlegerisch anzugehen. Wir hatten eigentlich eine Dienstleistungsagentur für Verlage im Bereich Produktion. Aber es gab z. B. keinen englischsprachigen Stadtführer über Frankfurt. Die Idee eines Frankfurt-Stadtführers in unterschiedlichen Sprachen war der Anfang. Gerade die Stadt, die sich immer internationale Metropole Deutschlands nennt, hatte keinen englischsprachigen Stadtführer. Das hat uns kein Journalist geglaubt. Also haben wir uns ans Werk gemacht. Wir beschäftigen uns nicht vorrangig mit Frankfurts Historie. Wir wollen zeigen, wie Frankfurt heute aussieht. Was passiert in dieser Stadt, was macht sie so bunt, so lebenswert? Themen aus Frankfurt sollen aufgegriffen werden, die vielen unbekannt sind. Eine Idee kam zur anderen. Erst gab es kleinere Formate. Stadtführer, Ratgeber. Und dann auch größere Bildbände oder Restaurantführer.
Was war Ihre schönste PR-Aktion?
Rojan: Gelungen war sicher die Präsentation des Buches „100 Frankfurter Köpfe“. 100 Frankfurter Persönlichkeiten werden dort vorgestellt. Bunt gemischt: prominente Menschen und Menschen, die keiner kennt. Leute, die aber an einer signifikanten Position in Frankfurt arbeiten, wo jeder mal vorbeikommt. Vertreten sind z. B. der Manager des Hauptbahnhofs, aber auch ein Fensterputzer der Skyline. Dieses Buch hat uns pr-mäßig am stärksten in die Öffentlichkeit getragen. Zur Buchpräsentation im Römer zusammen mit Petra Roth und den vorgestellten Persönlichkeiten kamen zahlreiche Journalisten, auch Radio- und Fernsehteams. Die Bücher wurden von den Portraitierten signiert und zu einem gutem Zweck verkauft. Das ergab viel Stoff für die Journalisten. Viel Bildmaterial, viele Interviewmöglichkeiten.
Wie wichtig ist das Internet für die Arbeit von Verlagen?
Schutzbach: Nachdem ich zwölf Jahre Marketing bei Suhrkamp gemacht habe, würde ich für weissbooks bei unbegrenztem finanziellem Budget ganz ausgefallene Dinge tun. Wir betreiben das momentan noch alles sehr klassisch und relativ bescheiden. Wir sind längst noch nicht da, wo ich gerne wäre, nämlich ganz vorne bei den Verlagen, die sich außergewöhnliche und zukunftsweisende Marketingstrategien zutrauen. Dazu sind wir noch zu klein, dazu fehlt das Budget. Die Ideen sind alle da.
Dielmann: Das Internet wird eine immer größere Rolle spielen als Mix aus Werbung, Vertrieb, Direktmarketing und PR. Gemeint ist nicht der schlichte Online-Shop auf der Website. Das ist ein passiver Weg, der nicht greift. Es gibt weitaus schlichtere Wege, Bücher zu erwerben, als auf Verlagswebsites zu gehen und dort zu ordern. Man muss im Netz nach außen gehen und gezielt Leute ansprechen. Man muss Institutionen und Chatforen ansprechen und sagen, was man macht, Die kommunizieren das dann weiter und so generiert sich Umsatz. Eine Art des Direktmarketings, wobei sich PR und Marketing vielmehr verknoten als bisher. Das Internet ist kostengünstig zu bespielen und wird daher stärker genutzt werden. Außerdem sind Referenzen goldwert. Wenn ein Leser in seiner Community schreibt, „Hey, das Buch ist toll“, dann ist das eine klasse Werbung, die ist viel billiger und viel glaubwürdiger, als wenn ich nur eine Bannerwerbung habe.
Rojan:Ich halte nicht viel von Kundenbewertungen im Internet, da die ersten Bewertungen meist von Konkurrenten kommen, nicht vom authentischen Leser. Und diese Bewertungen sind in der Regel negativ. Warum sollte sich ein zufriedener Leser die Mühe machen, ein Buch zu bewerten?
Beim B3-Verlag nimmt klassische PR nur einen kleinen Teil ein. Wir treffen die Journalisten z. B. auf Buchpräsentationen und Pressekonferenzen, die wir an ungewöhnlichen Orten veranstalten. Der Bildband „Frankfurt“ wurde im 52. Stockwerk des Trianonhochhauses vorgestellt. Eine Sensation, dass man da einmal hochkommt. Oder es gibt passend zu unseren Büchern Stadtführungen mit den Autoren. Da kommen nicht nur Leser oder Stadtinteressierte, sondern auch die Journalisten, weil sich u. a. gutes Fotomaterial gewinnen lässt.
Dielmann: Klassische PR ist ja für kleine und mittelständische Verlage schwieriger geworden, weil die großen Verlage Fläche kaufen und es eine irrsinnige Flut von Meldungen gibt, dass man nur noch mit jedem 20. Buch unterkommt und die Qualität der Berichterstattung in den klassischen Medien nimmt ab. Da investiere ich lieber eine Woche Recherchearbeit im Netz und hab dann Multiplikatoren gefunden, Referenzen geschaffen, Marketing erledigt und hier und da auch schon Bücher verkauft.
Apsel: Ich finde die Vorabauflagen von 400-500 Stück, womit die Rezensenten eingedeckt werden, übertrieben. Das erzeugt eine Art Nimm-Mentalität. Die Journalisten sollen die Literaturkritik doch auch pflegen. Wenn sie es nicht mehr wollen, dann nicht. PR könnte man immer mehr machen, nur leisten muss man es sich können.
Schutzbach: Viele Verlage machen Öffentlichkeitsarbeit noch ganz klassisch. Wir verschicken physisch. Es gibt den einen oder anderen Journalisten, der Pressmitteilungen als pdf will, aber das ist selten. Ich hoffe darauf, dass in Zukunft mehr Journalisten sich die Bücher auf ihr iPhone werden laden wollen. Es ist einfach ein ungeheurer Kostenfaktor für Verlage, die physischen Bücher gratis an alle Redaktionen zu schicken. Allein die Portokosten. Wir haben enorme PR-Kosten rein durch logistische Bewegung von Materie. Und dann könnte es natürlich auch elektronische Pressemappen geben, aber die meisten wollen das alles noch auf Papier. Eine Verlagsvorschau wird auch eher wahrgenommen, wenn sie beim Journalisten auf dem Tisch liegt und nicht, wenn er sie erst noch herunterladen muss. Da ist der Mensch trotz aller Innovationen klassisch geblieben. Aber wir als Verlag müssen beide Kommunikationswege bedienen.
Auf der Website von weissbooks.w gibt es Links zu texttunes, libreka und bibliotels. Gibt es schon weissbooks als e-book für das Iphone?
Schutzbach: Ja, die gibt es: „Die Geliebte des Gelatiere“ von Daniel Zehno und „Foreign Affairs“ von Ariane Sommer und Esma Annemon Dil. Beim E-Book, da haben wir gesagt, natürlich springen wir auf diesen langsam anrollenden Zug auf, wir wären blöd, wenn wir's nicht täten. Weil wir ein kleiner Verlag sind, haben wir auch leichtes Gepäck. Große Verlage haben so viel Gepäck, so schwere Koffer, die können nicht mal eben auf einen Zug aufspringen. Wenn der S. Fischer-Verlag oder Suhrkamp mit über 12000 lieferbaren Titeln auf dem E-Book-Markt die wichtigsten Titel anbieten können will, dann müssen sie erstmal sehr viel leisten. Bei uns ist es leicht. Wir sind ein kleiner Verlag. Ich kann von den 15 Titeln, die jetzt auf dem Markt sind, sofort sagen, zwei sind potentielle Bestsellertitel, die biete ich auch als E-Book an. Die sind ganz schnell konvertiert, die kann ich ganz schnell auf den Plattformen texttunes und libreka anbieten. Ich kann die Sache so auch testen. Und weil wir so früh dabei sind, können wir das in der Marketingkommunikation für uns nutzen. Ich kann also eine Pressemeldung herausgeben uns sagen: „weissbooks.w ist der erste Verlag, der auf der Branchenplattform libreka ein e-book anbietet, das zusätzlich zum Text einen Addit-Value anbietet.“ Und dieser Addit-Value, den wir bei dem Titel „Foreign Affairs“ anbieten, ist ein kleines Video mit den Autorinnen. Das sind so kleine Extra-Goodies, die wir machen können. Und daraus können wir wieder eine Pressmeldung machen, dadurch kommen wir wieder ins Gespräch. Das sind Möglichkeiten der Kommunikation jenseits von Anzeigenwerbung.
Was halten Sie von der Idee, Bücher zunächst nur online zu publizieren und erst ab einer bestimmten Nachfrage physiche Ausgaben zu drucken?
Schutzbach: Es wird immer schwieriger werden in der Zukunft, die gedruckte Auflage von Büchern in einer Höhe zu verkaufen, dass es sich für die Verlage rechnet. Wir haben einfach eine starke Konzentration auf die Bestseller und die großen Namen. In der Spitze der Pyramide ist nicht mehr sehr viel Platz für neue Namen. Und in dem breiter werdenden Mittelfeld gibt es so viele lesenswerte Bücher, die aber eigentlich gar keine Überlebenschance mehr haben und ich nehme an, dass immer mehr Verlage dazu übergehen werden, diese Bücher nicht mehr physisch und gedruckt anzubieten. Erst ab einem gewissen Nachfragestatus, wo man sicher sein kann, man wird auch die Auflage los, die man braucht, damit es sich rentiert.
Besteht die Gefahr, dass die Qualität der Bücher darunter leidet, wenn sie vorrangig online publiziert wird?
Schutzbach: Die Qualität der Bücher, die wir in Zukunft lesen werden, ist nicht dadurch beeinflusst, ob mehr oder weniger Titel auf Online-Plattformen erhältlich sind, sondern es wird immer daran hängen, durch welche Hände sie gehen, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangen.
Die Fragen stellte Janine Bach
Mehr über die Verlage und ihre Neuerscheinungen erfahren Sie hier:
http://www.bedrei.de/verlag
http://www.brandes-apsel-verlag.de
http://www.dielmann-verlag.de
http://www.weissbooks.com
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