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Das Lesen in die Wiege gelegt
© Marcelo Hernandez
Frühkindliche Leseförderung lautet das offiziell klingende Motiv. In Hamburg ist das Projekt „Buchstart“ seit fast drei Jahren ein Beleg dafür, was Bücher alles bewirken können. In punkto Spaß, Lebendigkeit und intellektueller Entwicklung.

Erinnern Sie sich an Ihr allererstes Lieblingsbuch, das völlig abgegriffen war, weil die Eltern es wieder und wieder vorlesen mussten? Die Liebe zum Buch beginnt ganz früh. Wer schon im Babyalter an Bilderbücher gewöhnt ist und an das Vorlesen, für den wird auch später das Lesen ein wichtiger Bestandteil des Lebens sein – mit all seinen positiven Nebenwirkungen wie etwa der Erweiterung des sprachlichen und emotionalen Ausdrucksvermögens. An dieser Stelle setzt ein einmaliges Projekt zur Leseförderung an. „Buchstart“ ist seit 2007 ein Vorzeige-Projekt der Hamburger Kulturbehörde. Das Konzept scheint zunächst einfach: Wenn die Vorsorge-Untersuchung für einjährige Kinder ansteht, bekommen alle Kinder der Stadt von Arzt oder Ärztin eine „Buchstart“-Tasche geschenkt – gefüllt mit ausgewählten Bilderbüchern und Infomationen für die Eltern wie Buchtipps oder Spielideen. Hinter dieser netten Geste stecken große Vorhaben: Kinder mit Büchern aufwachsen zu lassen, Eltern unabhängig von deren sozialen, kulturellen und materiellen Hintergrund zu ermutigen, das Leben mit Büchern lebendiger zu machen und nicht zuletzt auch Hamburg zur Modellregion für Kinder- und Jugendkultur zu machen. Das ist Bildungspolitik mit System, findet auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust: „Mit Buchstart schenken wir allen Kindern der Stadt den Grundstock für eine lebenslange Liebe zum Buch, zum Lesen und zu einer umfassenden Bildung. Die Kinder entwickeln so Fantasie und Sprachkompetenz.“

Was in die Tasche kommt

An solch einem Projekt sind eine Menge unterschiedlicher Personen beteiligt. Vor allem sind das zwei Personen, Nina Kuhn und Annette Huber. Die beiden vom „literaturkontor“ haben den Auftrag der Hamburger Kulturbehörde bekommen, „Buchstart“ praktisch umzusetzen. Daneben begleitet neben der Kulturbehörde ein wissenschaftlicher Beirat die Arbeit. Was in die Tasche kommt, entscheiden alle zusammen: Nachdem das „literaturkontor“ 5-10 Bücher vorgeschlagen hat, wählen die Experten aus Bildungsinstitutionen und Pädagogen sowie behördliche Vertreter zwei Bücher aus. Pappbilderbücher finden sich in der Tüte, eines mit mehr Text und eines, das vor allem über das Greifen begeistert: „Vor allem die Fingerpuppen-Bücher finden die Familien super, deshalb ist jedes Jahr eines dabei,“ sagt die Projektverantwortliche Nina Kuhn. 2009 ist das „Edgar, der kleine Elefant“. Jedes Jahr gibt es andere Bücher, schließlich könnten ja Geschwisterkinder auch schon mal eine „Buchstart“-Tasche bekommen haben. Mit dem Oetinger- und dem Carlsen-Verlag sind es jedes Jahr zwei Hamburger Verlage, die die Bücher zum Herstellungspreis abgeben. Außerdem enthält die Buchstart-Tasche eine Broschüre mit Buchtipps für die ersten Lebensjahre, einen Gutschein für eine einjährige Kinder-Mitgliedschaft der Hamburger öffentlichen Bibliotheken und Infomaterial rund ums Lesen in Hamburg. Mit 97% fast flächendeckend kann „BuchStart“ die Hamburger Kinder vor allem deshalb versorgen, weil die Hamburger Kinderärzte so gut mitziehen, durch sie kommt schließlich die Tasche zum Kind. „Wir sind mittlerweile bei Familien mit Kindern eine sehr bekannte Marke,“ sagt Nina Kuhn. Kein Wunder, immerhin bekommen circa 20.000 Kinder im Jahr in Hamburg von ihrem Arzt die „Buchstart“-Tasche überreicht. Viermal im Jahr werden die Taschen von ehrenamtlichen Helfern gepackt und von einem Kurierunternehmen in die Praxen geliefert.

Gedichte für Wichte

Dass die Tasche eingebunden sein sollte in ein weiter reichendes Angebot, finden auch die Projektmanager. „Buchstart“ wird von kostenlosen Veranstaltungen in den Hamburger Stadteilen, an 44 verschiedenen Orten, begleitet. „Gedichte für Wichte“ führt Eltern und Kinder unter drei Jahren noch tiefer in die Welt der Sprache und der Bilder. Erste Lieder, Reime und Bewegungsspiele stehen in den wöchentlich stattfindenden offenen Eltern-Kind-Gruppen auf der Tagesordnung. „Da geht es vor allem auch darum, Hemmungen abzubauen und dafür zu sorgen, dass Eltern und Kinder viel miteinander sprechen“, weiß Nina Kuhn. Dass gemeinsames Büchergucken und Singen noch mehr Spaß macht, kann man hier live erleben - und vor allem zuhause weitermachen. Viele Gruppenleiterinnen sprechen mehrere Sprachen, und es gibt inzwischen auch Gruppen speziell für türkisch-, russisch- und portugiesischsprachige Familien.

Unter ständiger Kontrolle

Das klingt schön und gut, aber auch auf die Frage, ob das alles denn etwas bringe, kann „Buchstart“ kontern. Das Projekt unterliegt einer ständigen Kontrolle. Dafür sorgen regelmäßige Evaluationen, durchgeführt von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in Hamburg-Eppendorf. Die jüngste vom Mai 2009 hat Schönes zu berichten: In jeder dritten Familie gab es ein halbes Jahr nach der „BuchStart“-Verteilung eine positive Verhaltensänderung beim Thema Lesen. Dazu gehören vor allem mehr Zeit fürs Bücher anschauen und vorlesen, der vermehrte Kauf von Büchern und feste Leserituale. Die Bilderbücher aus der „Buchstart“-Tasche waren nach einem Jahr noch fester Teil des Lesealltags. Mehr Zeit fürs Lesen, mehr Bücher und Ritualierung sind die statistische Medaille, noch erfreulicher aber sind die Tatsachen, die sich aus dem Vergleich mit einer Kontrollgruppe in Bremen ergeben: Mit zwei Jahren kennen die Hamburger Kinder mehr als doppelt so viele Wörter! Kein Wunder, denn nicht nur Neurowissenschaftlicher wissen, dass die ersten fünf Lebensjahre für die Entwicklung der Sprache und des Denkens entscheidend sind, und dass Bücher, gerade Bilderbücher, die man sich gemeinsam mit Kleinkindern anschaut, dazu anregen und fördern. Und ganz nebenbei tritt ein weiterer Effekt ein: eine intensive Nähe und Bindung zwischen Kind und Eltern. Neben positiven Evaluationsergebnissen gibt es auch andere Formen, die den Erfolg herausstellen: 2008 wurde „Buchstart“ von der Initiative „Land der Ideen“ ausgezeichnet. Eine „amtliche“ Bestätigung für den innovativen zukunftsweisenden Beitrag des Projekts. „Wir wissen gar nicht, wie die von uns erfahren haben“, wundert sich Nina Kuhn und freut sich.

Unterstützer und Kopierer

Prominente Unterstützung bekommt „Buchstart“ nicht nur von der Stadtpolitik, sondern auch aus den Reihen der Kinderbuchautoren. Die Hamburgerin Kirsten Boje ist eine engagierte Patin des Projekts: „Nicht nur, dass die gemeinsame Bücherzeit Geborgenheit und Spaß bedeutet; nicht nur, dass Bücherkindern das Lernen leichter fallen wird, sie besitzen auch ihr Leben lang in jeder Situation eine Quelle für Spaß, Spannung und Trost.“ Unterstützung, Evaluationen und Auszeichnungen sind eine klare Aufforderung, die Idee zu kopieren, das geschieht vielerorts bereits. In Brilon oder Würzburg sorgen die „Bücherbabys“ sowie in Sachsen „Lesestart“ für eine frühkindliche Leseförderung. In Celle, Lüneburg, Nienburg und Filderstadt sind Buchstart-Partner-Projekte angelaufen. Weltweit hat man etwa in Belgien, Indien, Kanada, Japan, Italien, Thailand oder den USA erkannt, was man mit Büchern alles bewirken kann. Die Idee selber aber stammt von der Insel: Großbritanniens „Bookstart UK“ hat sich mittlerweile zum staatlichen Großprojekt gemausert und kann heute Kinder bis ins Vorschulalter mit Büchern „beliefern“. Das sind gute Aussichten für alle, die ihnen nacheifern. Auch „Buchstart“ will weitermachen, ist jetzt im dritten Jahr der sechsjährigen Pilotphase. „Bis 2012 machen wir tatkräftig weiter und hoffen, dass es dann in die nächste Runde geht“, sagt Nina Kuhn. Und wie so oft ist dies auch eine Geldfrage. 200.000 € im Jahr kostet „Buchstart“, eine Summe, die von der Stadt und insgesamt 13 Sponsoren, darunter Gruner + Jahr oder die Hertie-Stiftung, aufgebracht wird. Spätestens 2012 müssen die wieder kalkulieren. Was kompliziert wird: Denn dieses Projekt, das „das Lesen in die Wiege legt“, ist eben schwer mit Geld aufzuwiegen.

Text von Jane Marie Kähler. Freie Journalistin in Hamburg




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