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| Das Vogelkonzert der Buchbranche: Zwitschern über Bücher, Autoren und mehr |
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Seit mehr als 3 Jahren existiert der Microblogging-Dienst Twitter bereits und bunte Vögel aus allen Branchen sowie sämtlichen privaten Bereichen tragen zum öffentlichen Konzert etwas bei: sie zwitschern Neuigkeiten und Kuriositäten genauso wie Fakten und Handfestes in die weite Welt hinaus. Auch die Buchbranche nimmt daran teil. Der altbekannten Vorwurf, sie verschließe sich gegen Innovationen und hinke Entwicklungen hinterher, kann im Fall „Twitter“ ganz und gar nicht aufrecht gehalten werden. Allein im Jahr 2009 sind nicht nur unzählige Verlage der Twitter-Welt beigetreten, zusätzlich wurde das Thema kontrovers in Foren und Artikeln diskutiert. Welche Bedeutung besitzt Twitter für und innerhalb der Buchbranche und wie wird der Dienst von Buchverlagen eingesetzt? Zur Beantwor-tung dieser Fragen, haben wir einige Verlage kontaktiert und sie nach ihren Erfahrungen befragt. Vom "inflationärem Nullmedium" – wie Twitter auch genannt wird – war bei keinem der von uns befragten Verlage die Rede. Stattdessen lassen die durchweg positiven Antworten ein großes Potential vermuten.
Was macht Twitter für Buchverlage interessant? Wie nutzt Ihr Verlag den Dienst?
Neuer Umschau Buchverlag, Heidrun Wirzinger: „Wir können den Bekanntheitsgrad unserer Titel und des Verlags steigern sowie aktuelle Informationen über Neuigkeiten der Branche in Erfahrung bringen. Außerdem ermöglicht Twitter eine gute Vernetzung.
O’ Reilly Verlag, Nathalie Pelz: „Wir können dem Verlag ein persönliches Gesicht geben, bringen uns mehrmals täglich ins Bewusstsein unserer Zielgruppe und erweitern diese stetig.
Pearson Education, Pia Kleine Wieskamp: „Die klassischen Wege der Kommunikation gehen – laut unseren Beobachtungen – nur noch begrenzt und weniger intensiv auf das Thema Fachbuch ein. So versuchen wir im Bereich Social Media die klassischen Methoden der PR – Pressemeldungen, Pressegespräche, Interviews etc. – zu erweitern und so trotzdem auf unsere Themen und Produkte aufmerksam zu machen. Als Computerbuchverlage möchten wir unsere Leser, Autoren sowie ein interessiertes Umfeld direkt in den Communities, Foren etc. erreichen. Hier möchten wir im direkten Umgang auch erfahren, was aktuell ist, was ge-fragt wird und welche Themen die Menschen, für die wir unsere Bücher und Video-Trainings produzieren, interessieren bzw. bewegen. Die Social Media Plattformen ermöglichen einen direkten Dialog (Austausch) mit Lesern und Multiplikatoren (Bloggern etc.). Wir möchten Menschen ansprechen, die uns bisher nicht wahrgenommen haben oder kennen – also neue Zielgruppen erschließen und unsere Leser dort Treffen, wo sie sich bewegen. Das bedeutet nicht zuletzt, einfach neue Dinge auszuprobieren und so Erfahrungen zu sammeln.“
Campus Verlag, Miriam Schulte: „Wir twittern wenn es etwas mitzuteilen gibt. Das kann eine Veranstaltung sein, ein TV-Auftritt eines Autors, eine Preisverleihung, eine besondere Rezension, oder sonstige Neuigkeiten aus unserem Hause, die für die Öffentlichkeit interessant sind.“
Onkel&Onkel/textunes, Volker Oppmann: „Soziale Netzwerke wie Twitter sind sehr schöne Instrumente im Sinne klassischer PR-Arbeit, also Außendarstellung eines Unternehmens und haben nichts mit (Produkt-)Werbung zu tun. Insofern „wirbt“ man also eher für das eigene Image. Wir liefern mit unseren Tweets quasi eine „Presse-Schau“ und verlinken, was es Neues gibt, bzw. wo neue Trends und Gerüchte auftauchen.“
Twitter kann spannend, aufschlussreich und unterhaltsam sein. Doch immer wieder trifft man auch auf Tweeds, die davon berichten, dass es draußen regnet, dass Mitarbeiter keine Lust zum Arbeiten haben oder dass sie gerade mit dem Ausmisten ihres Schreibtischs fertig geworden sind. Absichtlich zugespitzt könnte man darum fragen, wen interessieren diese Belanglosigkeiten und warum sollte man als Verlagsmitarbeiter seine kostbare Arbeitszeit damit vergeuden. Tim O´Reilly wendet sich gegen eine Abwertung von alltäglichen und eher unspektakulären Tweets und greift in dem Zusammenhang den Begriff Ambient Intimacy – etwas Umgebungsvertrautheit – von Leisa Reichelt auf. Das Wissen, was Freunde und Kollegen gerade tun, führe zu einer leichtgewichtigen, aber bedeutungsvollen Verbindung. Wir konkretisieren den Gedanken und fragen: Welche Verbindung ist hiermit gemeint? Inwiefern verbindet Twitter einen Buchverlag mit seinen Followern?
Pearson Education: „Twitter ist ein Medium, mit dem wir einen ‘persönlicheren’ Umgang mit unseren Lesern pflegen – so twittere ich auch über Websites, die mir gefallen, oder Fotos, die mir bei flickr auffallen.“
O’ Reilly Verlag: „Twitter ist ein gutes Tool, um in Echtzeit zu erfahren, was über das Unternehmen und die Marke gesprochen wird. Zusätzlich hat man hier die Möglichkeit, direkt einzugreifen, wenn mal etwas nicht so positives getwittert wird. Twitter bietet die Chance, aus einem unzufriedenen Kunden schnell einen zufriedenen Kunden zu machen, der das vielleicht sogar noch weitererzählt.“
Buchverlage nutzen Twitter zum Austausch mit Lesern, Rezipienten und Multiplikatoren. Wie und wo auch sonst können Verlagsmitarbeiter in Echtzeit und ortsungebunden mit Lesern kommunizieren, sie direkt auf etwas aufmerksam machen oder deren Meinung erfahren? Twitter bietet in dem Zusammenhang einen Mehrwert zum mailen oder bloggen. Dennoch wird immer wieder gefragt, ob Twitter tatsächlich ein geeignetes Kommunikationstool für die Verlagsbranche sei? Nicht zuletzt Wolfgang Tischer, Gründer und Herausgeber von literaturcafe.de hat mit seiner These „Ein Verlag an sich kann nicht twittern“ Ende 2009 auf boersenblatt.net für unzählige Kommentare gesorgt. Tischer argumentiert dahingehend, dass ein Verlag als Unternehmen kaum erfolgreich twittern kann. Es mache keinen Sinn, Mitarbeiter zum Twittern zu verpflichten. Vielmehr hänge ein erfolgreicher Einsatz des Dienstes von einzelnen, engagierten Verlagsmitarbeiterinnen oder -mitarbeiter ab sofern diese mit Leidenschaft und ohne Zwänge agieren dürften. Auf den Punkt gebracht meint Tischer, „Twittern erfordert Persönlichkeit und Persönliches.“ Nicole Simon, die Autorin von „Twitter – Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“ beantwortet die Frage, ob ein Twitter-Account persönlich sein dürfe mit: „Persönlich, aber nicht privat!“ Wir greifen diesen Gedanken auf und stellen die Fragen: Was twittert ihr Verlag? Trennen Sie zwischen Person und Verlag, zwischen Privatem und Beruflichem?
Neuer Umschau Buchverlag: „Berufliches und Privates sind getrennt, der Twitter-Account repräsentiert den Verlag, und nicht die twitternde Person. Jedoch wird schon ab und zu versucht, Stimmungen und Situationen im Verlag per Twitter mitzuteilen (Vorschaustress, Stimmungen nach der Messe, Rückmeldungen von Aktionen, Weihnachten), um den Verlag anschaulicher zu machen, greifbarer.“
O’ Reilly Verlag: „Unser Ziel als twitternder Verlag ist es natürlich, über den Verlag und unsere Bücher zu informieren. Durch den Inhalt unserer Tweets erhält der Verlag aber ein persönlicheres Gesicht – und das ist unser Anliegen. Wir möchten nicht als anonymes Unternehmen erscheinen, sondern als Unternehmen, das sympathisch wirkt. Das erreichen wir durch persönliche Kommentare oder auch die Interessengebiete, die in unseren Tweets durchscheinen.“
Onkel&Onkel/textunes: Bei uns fließen ganz klar die eigene Persönlichkeit und damit auch die private Seite mit ein. Insbesondere bei einem Kleinverlag ist es ohnehin so, dass Unternehmen und Person sehr schwer voneinander zu trennen sind. Bei Twitter bietet das den Vorteil, dass das Identifikationspotential samt Glaubwürdigkeit sehr hoch ist. Ein wenig anders sieht es bei textunes aus, wo ich ebenfalls den Twitter-Account betreue. textunes ist inzwischen eine GmbH mit über 10 Leuten, sodass ich natürlich nicht einfach nur mit der »eigenen Brille« twittern kann, wie ich das bei ONKEL & ONKEL tue – hier repräsentiere ich schließlich das ganze Unternehmen. Die Grundfrage bleibt dennoch gleich: Was interes-siert mich selbst und was interessiert unsere Follower?
Campus Verlag: „Berufliches und Privates wird bei uns getrennt, auch beim Twittern. Was aber nicht heißt, dass man keinen persönlichen Ton anschlagen darf. Es hängt immer vom Inhalt des Tweets ab, welchen Stil man wählt. Was dabei zum Ausdruck kommen soll, ist aber grundsätzlich eher die Persönlichkeit des Verlags als die des Twitternden.
Pearson Education: „Die meisten Follower wollen keine reinen News lesen, son-dern den Menschen hinter den Firmennamen kennenlernen.“
Ein gutes Beispiel dafür, dass erfolgreiches Twittern zumeist an eine Person gebunden ist, ist der Twitter-Account keinundaber. Wolfgang Tischer: „Auch hier bewahrheitet sich meine These. Es twitterte eben nicht der Kein & Aber Verlag, sondern dessen Marketingleiter Joachim Leser. Seit dieser Ende 2009 den Verlag gewechselt hat, ist der Feed leider tot und niemand im Verlag folgt ihm als guter Twitterer nach.“ Die Twitter-Gemeinde reagierte mit einem entsprechenden Beitrag: lesen_net Was ist eigentlich aus @keinundaber geworden? Hab' ich immer gerne gelesen ... wurde Social Media Verantwortlicher "freigesetzt"?
Es scheint Einigkeit zu herrschen: Twitter eignet sich in vielerlei Hinsicht für Buchverlage wenn sich motivierte Verlagsmitarbeiter freiwillig und mit einer persönlichen Note an dem Vogelkonzert beteiligen. Volker Oppmann: „ Es sollte in erster Linie Spaß machen und einem selbst einen persönlichen Mehrwert im Sinne echten Interesses bringen, alles andere macht wenig Sinn. Messbarer Erfolg lässt sich damit natürlich nur schwer erzielen, aber es geht um das »Gesamtpaket«, das stimmig sein muss. Egal ob Person oder Firma: Die Frage ist immer: Ist der-/diejenige glaubwürdig?“ Wir greifen die Anfangsfrage erneut auf und bitten zusammenfassend um schlagwortartige Antworten. Was macht Twitter für Buchverlage interessant?
Direkter Kontakt mit Lesern, Multiplikatoren und Kollegen
Erweiterung der Zielgruppe
Bindung an die Zielgruppe
Kontakt zu Multiplikatoren
Steigerung des Bekanntheitsgrads von Verlag und Titeln
Vernetzung
Spontaneität
Möglichkeit einer schnellen Verbreitung interessanter Themen
Aktuelle Informationen über Neuigkeiten der Branche
Suchmaschinenoptimierung
Und last but not least: Haben Sie in jüngster Vergangenheit ein Erlebnis mit Twitter gehabt, von dem Sie berichten möchten?
Neuer Umschau Buchverlag: „Spannend ist vor allem, wenn von einem gerade stattfindenden Ereignis getwittert wird. Bei der Frankfurter Buchmesse fand ich wirklich interessant, die Tweets der Aussteller und Besucher zu lesen, während man selber auch mitten drin ist. Das gab einen besonderen Spannungsbogen zwischen direktem Erleben und medialer Rezeption.“
Onkel&Onkel/textunes: „Eine wirklich neue und vor allem sehr positive, weil unerwartete Überraschung war, dass inzwischen auch viele Buchhändler im Web unterwegs sind und wir so nicht nur schon viel Lob und Zuspruch geerntet, sondern tatsächlich auch schon erste reale (!) Bestellungen über Twitter und facebook bekomme haben!“
Text und Fragen von Frauke Beigel. Ein herzliches Dankeschön für die Auskunftsbereitschaft geht an:
Neuer Umschau Buchverlag, Heidrun Wirzinger (Umschau_Verlag)
O’Reilly Verlag GmbH, Nathalie Pelz (OReilly_Verlag)
Pearson Education Deutschland GmbH, Pia Kleine Wieskamp (addisonwesley)
Campus Verlag: Miriam Schulte (Campusverlag)
Onkel&Onkel/textunes: Volker Oppmann (onkelundonkel)
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