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So what! oder Karneval der Feuilletonisten
Von Rüdiger Dingemann

Im deutschsprachigen Feuilleton begann der Karneval Ende Januar und hatte seinen Höhepunkt bereits eine Woche vor dem offiziellen des Jeckentums.

In den letzten Wochen war zu beobachten, wie eine Locke nach der anderen auf der Feuilletonglatze gedreht wurde. Der Markt der Peinlichkeiten brummt(e). Die Marketingstrategie, wer am lautesten brüllt, wird am besten gehört, bewährte sich erneut.

Was war passiert?
Ein Verlag hatte das Manuskript einer 17-Jährigen angenommen. Der Text wurde gedruckt, als Roman beworben, Mitte Dezember gingen die Rezensionsexemplare samt Interview und Pressestimmen zu ihren Theater- wie Filmarbeiten raus. Der Erscheinungstermin wurde zweimal vorgezogen und dezent der Hinweis gegeben, dass es sich um eine literarische Sensation handle.

Zu lesen war dann das Tagebuch der 16jährigen Mifti. Sie ist eine so genannte Wohlstandsverwahrloste, lebt in Berlin, geht nicht zur Schule, nimmt Drogen. Aber laut Klappentext „hinterfragt und analysiert (sie) permanent die gesellschaftliche Situation“. Doch was die Rezensenten so richtig scharf gemacht haben muss, war der letzte Satz des Werbetextes: "Sie kokettiert mit ihrer Kaputtheit und sucht im 'allgemeinen Dahinschimmeln' nach einem Zugriff auf ihr eigenes Leben. "

A Star wars born...
Daraufhin schoss ein „literarischer Kugelblitz“ durch den Medienkosmos. Man bewunderte „den Furor der Beschreibung und die Stilsicherheit der Dialoge“, es sei ein "Coming-of-Age-Buch, eher Halluzination als Geschichte, mehr Vision als Roman". Diagnostiziert wurde der Autorin eine „reaktionsschnelle, sperrangelweit offene, kämpferische, halluzinogene Ultrasensibilität", die mit "denkgeiler Phantasie" gepaart sei. Zu lesen sei eine "schrille Sinfonie" und ein "volles Künstlerprogramm": Gemeint war ein Leben voller Sex, Drogen, Techno und Gewalt. Eine Daseinsform, die die bewundern, die sie nicht leben, aber sich davon intellektuell anfixen lassen. Einhellig wurde verkündet, dass es ein neues Fräuleinwunder gebe, ein Junggenie habe den Roman seiner Generation vorgelegt.

Der Hype
Alle freuten sich: Verlag, Handel und Kritik. Was kann der Branche besseres passieren. Nach dem etwas lahmen Weihnachtsgeschäft gab es nun ein Buch, das zwar einen komischen Titel hatte, aber Hardcore bot. Die knappen 200 Seiten gingen flott über die Ladentheken: Innerhalb von knapp drei Wochen druckte man bereits die vierte Auflage, weit über 50.000 Käufer hatten bereits zugegriffen. Auf den Bestsellerlisten kletterte der Roman höher und höher ...

Am 8. Februar entlarvte dann ein Blogger die Autorin als geschickte Kopistin, die sich bei einem anderen Blogger namens Airen, der seinen Onlinetext auch als Buch bei einem Kleinstverlag veröffentlicht hatte, bedient habe – und nicht nur dort.

So erhielt der Abverkauf noch einmal einen ordentlichen Vitaminstoss. Die Feuilletons hatten nun noch mehr Stoff zum Räsonieren. Verwundert rieb man sich jedoch die Augen, dass Qualitätsjournalisten (z. B. der FAZ), die ansonsten das Urheberrecht bis aufs Messer verteidigen und dem Internet wortgewaltig vorwerfen, selbiges aus Prinzip bewusst zu verletzen (Stichwort: Open Access), eine komplette Kehrtwendung machten. Nun hieß es, es sei durchaus ein literarisches Stilmittel, Zitate zu einer neuen eigenständigen Collage zu verarbeiten – das hätten von Goethe bis Brecht andere auch gemacht. Trotz des Plagiates wurde der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Chor der Unkritischen
Die Kritik wollte also nicht zurückrudern, führte vielmehr bigotte Scheingefechte und stellte damit nur die eigene Feigheit unter Beweis, sich und der Öffentlichkeit einzugestehen, dass man einem Fake aufgesessen war.

Nach wenigen Seiten des Romans hätte man stutzig werden können und die professionelle Kritik hätte fragen müssen: Kann eine 17Jährige über eine derart erfahrungsgesättigte Sprachgewalt verfügen? Wie ist es möglich, dass sie so über das Leben der Subkultur "zwischen Kotz- und Sperma-Pfützen" schreiben kann? Wer steckt wirklich dahinter? Der Lektor oder andere Helfershelfer? Doch diese Fragen wurden nicht gestellt.

Was zu wissen war
Der Vater der Autorin ist eine "Koryphäe" des aktuellen Theaterbetriebs: u .a. Dramaturg an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, an der bekanntermaßen virtuos mit Zitaten in manchen Klassikeraufführungen hantiert wird.

In diesem künstlerischen Umfeld bewegt sich die vermeintliche Schriftstellerin. In seiner Sendung am 11. Januar fragte Harald Schmidt sie ironisch, ob nicht vielleicht der Vater der Blogger sei, vom dem einige Passagen in ihrem Buch stammen. Die Debütantin wirkte irritiert. Was die junge Autorin in diesem TV-Interview wie in anderen Verlautbarungen zu bieten hatte, war halbverdautes intellektuelles Geschwätz.

Hätte sie doch am besten geschwiegen. Doch nein, mit dem aufgeblasenem Selbstbewusstsein eines übercoolen Teenagers beklagt sie nun, dass "eine jahrhundertealte Debatte" auf ihrem Rücken ausgetragen werde. Es gehe "nicht um Plagiatismus, sondern um Intertextualität". Sie sei "indirekt in Kommunikation mit dem Autor getreten", fühle sich verfolgt, und es gebe eine "Hetze" gegen sie. – Kommentar überflüssig!

Inzwischen hat der Verlag nachträglich die Abdruckrechte für bisher nicht genannte Quellen eingeholt und diese sollen in der nächsten Auflage beigefügt werden.

Die Kleinen und die Großen
Wäre die Autorin nicht 17, sondern Mitte Zwanzig und/oder gar männlichen Geschlechts, und wäre das Buch in einem den meisten Marktteilnehmern unbekannten Kleinverlag erschienen, hätte kein Feuilletonhahn danach gekräht.

Und so war es auch: Der in Teilen abgeschriebene Roman "Strobo" war im Sommer 2009 bei dem Berliner Independentverlag SuKulTur herausgekommen. Er wurde von niemandem auf den Galerien der Hochkultur auch nur ansatzweise wahrgenommen. Im Internet ja. Die Szene ist wacher und lebendiger als mancher von Großverlagen Hofierte in den Redaktionsstuben.

Derweil ist ein neues Plagiat in einem anderen Verlag aufgetaucht. Ein Krimi, der sich stark an einen anderen anlehnt. Er wurde jedoch sofort vom Markt genommen, als die Vorwürfe bekannt wurden.

Fazit
Haben wir es nicht eher mit billigend in Kauf genommenen Peinlichkeiten des Marktes zu tun? Gieren wir nicht alle nach Neuigkeiten, nach der Sensation? Geht es nicht immer ums Geschäft? Ja! Zu hoffen bleibt nur, dass der Plagiierte seinen angemessenen Anteil vom Kuchen abbekommt.

Und die Moral? Ach, die Moral - wie lautet der stets bemühte Spruch Brechts: "Erst kommt das Fressen und dann ... "

Die Betrogenen sind die Leser, die vor der Enttarnung an das Buch glaubten, weil sie annehmen mussten, etwas Authentisches gelesen zu haben. Man schaue sich nur einmal die Amazon-Kundenrezensionen vor dem 8. Februar an. Diese waren zum Teil hellsichtiger als die meisten professionellen Kritiker und stellten die richtigen Fragen.

Das Buch hat durchaus seine literarischen Qualitäten. Was sprach also dagegen, es als Remix, Collage etc. auszugeben und Ross und Reiter zu nennen? Antwort: Die Marktmechanismen. Im Zeitalter des schnellen Warenumsatzes setzt man besser auf Spekulationen.


Link-Hinweise:

Helene Hegemann: „Axolottl Roadkill“
Ausgewählte und gebündelt Infos
Perlentaucher

Das Original (in Teilen)
Des Blogger Airens Buch "STROBO"
bei SuKuLTuR
SuKuLTuR

Des Blogger Deff Pirmansens Entarnung
Alles nur geklaut?
Gefühlskonserve

Sehenswert
Harald Schmidt am 11. Februar
http://www.daserste.de/HaraldSchmidt/letztesendung.asp

Plagiat II: Nicht mehr zu haben:
Jens Lindner: "Döner for one"
BuchMarkt

Zum Leipziger Buchpreises
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Die fromme Helene

"Und wenn er sich
auch ärgern sollte,
Was schert mich
dieser Onkel ...!"

So denkt Helene,
leider Gotts!
Und schreibt
grad zum Trotz...

Wilhelm Busch





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