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Die Hamburger Literaturszene entdecken
Rüdiger Käßner
In Hamburg schlummern literarische Talente und literarisches Interesse auch jenseits der großen Verlage, Bestseller und der regen Slam-Kultur. Dass sie geweckt werden, dafür sorgen Aktionen wie die Weblesungen und viele Einzelkämpfer wie Rüdiger Käßner

Die größte und vielleicht auch spannendste literarische Szene Hamburgs hat sich irgendwo zwischen dem Literaturhaus und der beliebten Slam-Szene der Hansestadt angesiedelt. Es ist eine Welt, die nicht auf Bestseller-Autoren und große Verlage setzt oder eine möglichst eindrucksvolle Inszenierung, sondern eine, die Talente entdeckt, leise, aber sehr rege ist.

In dieser Welt kennt Rüdiger Käßner sich aus. Wenn es um Prosa und Lyrik, Bücher und Verlage geht, ist der Hamburger Germanist sehr umtriebig: 1995 erhielt er, der selber schreibt, den Förderpreis für Literatur der Hansestadt Hamburg. „Vorher kannte mich keiner“, sagt er von sich. Seit fast 10 Jahren organisiert Käßner auch die „Harburger Auslese“, eine kleine, aber feine Lesereihe in Hamburg-Harburg und sitzt in der Jury des Literatur-Wettbewerbs „AstroArt“ in Hamburg-Bergedorf. Und für ein Aushängeschild der Hamburger Kulturbehörde ist Rüdiger Käßner auch zuständig, die Weblesungen. Eine lange Geschichte liegt hinter dieser speziellen Form von Lesung: Seit den 70er Jahren boten Literaturtelefone in vielen deutschen Städten Autorenlesungen per Anruf. Die „Technik“ bestand aus einer Ansage auf dem Anrufbeantworter. Das Ziel war es, Nachwuchsautoren und lokalen Autoren eine Plattform zu bieten und einem größeren Publikum vorzustellen. Das älteste Literaturtelefon Deutschlands hat eine Kieler Nummer und läuft immer noch.

In Hamburg wurde das Literaturtelefon - eine Institution, die bis dahin immerhin 25 Jahre auf dem Buckel hatte – zugunsten einer neuen Form der Lesung eingestellt, die ihre Zuhörer im Internet findet. Übergangslos werden die Lesungen des Literaturtelefons seitdem als sogenannte Weblesungen veranstaltet. Heute können die 4-7minütigen Weblesungen via Internet abgerufen werden, dazu steht ein Archiv mit über 500 Lesungen von über 200 Autoren zur Verfügung. Jede Woche kommt eine neue hinzu. Das Ziel ist, wie schon beim Literaturtelefon, eine Plattform auch für wenig bekannte, hochwertige Prosa und Lyrik zu schaffen und damit zum Weiterlesen anzuregen. Es sind vor allem Hamburger Autoren, die hier zu hören sind, doch auch Ausnahmen mit Lesungen von Autoren aus München oder Stuttgart bestätigen immer mal wieder diese Regel.

Wohnzimmer – Lesungen

Ganz unkompliziert entstehen die Hamburger Weblesungen im Wohnzimmer Rüdiger Käßners. Noch sind es reine Tonaufnahmen, doch im Literaturreferat plant man bereits eine Videolesung. „Da brauche ich dann noch einen Stylisten“, seufzt Käßner. An seinem Schreibtisch mit Blick in den Garten nahmen schon so einige Literaten vor dem Mikro Platz, Matthias Politycki („Jenseitsnovelle“, „In 180 Tagen um die Welt“), Karen Duve („Taxi“, „Dies ist kein Liebeslied“) oder Charlotte Ueckert („Paula Modersohn-Becker“, „Hamburgerinnen“). Für Uwe Timm und seine „Entdeckung der Currywurst“ musste Rüdiger Käßner das „Tonstudio“ auch mal nach München verlegen. Und auch dann, wenn ein Autor eine Katzenallergie hat, wird improvisiert, denn Käßners Kater Oskar hat Bleiberecht.

Rüdiger Käßner wird in der Auswahl seiner Autoren freie Hand gelassen. Diese bewerben sich mit ihren Texten um eine Weblesung. 50 € Honorar gibt es. „Oft bin ich sogar der erste, der den Autoren überhaupt ein Honorar verschafft“, erzählt Käßner. Doch das ist es nicht, was die Literaten anzieht. Vor allem gibt es eine Öffentlichkeit und ein hochprofessionelles Lektorat dazu, denn für Texte hat Käßner über die Jahre ein feines Gespür entwickelt. Lesen, lesen, lesen - wie ein vollbeschäftigter Lektor scannt er unterschiedlichste Texte und prüft sie auf Herz und Nieren. Wann ist ein Text, wann ist ein Gedicht gut? „Es muss stimmig sein“, sagt Rüdiger Käßner. Er habe mittlerweile ein sehr geschultes Gefühl dafür, was hochwertig sei und was nicht. Wichtig sei es, „pfleglich mit den Texten umzugehen.“ Dazu gehören auch einmal sehr offene Worte: „Wenn es Mist ist, dann sage ich das auch ganz direkt.“ Von dieser konstruktiven Kritik wollen so einige profitieren, Manuskripte liegen zuhauf auf seinem Schreibtisch und warten auf Käßners Urteil. Darunter vor allem Texte von Freunden. Denn mit vielen ist Rüdiger Käßner auch befreundet. „Da interessiert mich natürlich auch, was die schreiben.“ Mit den Schriftstellern Gunter Gerlach und Stefan Beuse geht er auch mal ein Bier trinken. Und all die anderen Literaten, die nicht mit Käßner Bier trinken gehen, befinden sich zumindest in einem Drehkreuz - in seiner umfangreichen Adresskartei.

Website mit Literaturgehalt

Die Weblesungen haben ihre Heimat auf der Website „literaturinhamburg.de“. Wer sich die Zeit nimmt, durch alle Angebote zu klicken, findet dort so ziemlich alles, was sich in der Hamburger Literatuszene gerade regt. Veranstaltungen rund um Literatur, News, das Buch des Monats, Informationen zu Seminaren und Literaturpreisen sowie eine spannende Link-Sammlung publiziert Jürgen Abel auf dem Portal – ebenfalls im Auftrag der Kulturbehörde. „Wir haben den Anspruch, möglichst alle Literaturveranstaltungen in Hamburg anzukündigen“, sagt er. Auch als Printversion erscheint „Literatur in Hamburg“ in einer Auflage von 25.000 Exemplaren und liegt dort aus, wo Interessierte vermutet werden: In Buchhandlungen, Bibliotheken, den Veranstaltungszentren, aber auch in Hamburger Schulen.

Zusätzlich bezieht ein fester Abostamm das Blatt. „Die Printversion wäre ohne einen Onlineauftritt langfristig nicht haltbar gewesen“, sagt Jürgen Abel, der die Redaktion des Magazins seit vielen Jahren betreibt und seit knapp einem Jahr nun auch die neue eigenständige Website „Literatur in Hamburg“ organisiert. „Wir brauchten viel mehr Platz, um umfassend über das literarische Leben in Hamburg informieren zu können, die Website bietet jetzt mehr Informationen für Literaturinteressierte, Autoren und Journalisten, und sie ist natürlich viel kurzfristiger aktualisierbar.“ Zugriffszahlen von 2000 Usern am Tag beweisen eindrucksvoll, dass die Seite auch genutzt wird. Doch natürlich ist auch diese Website noch ausbaufähig. „Wir arbeiten an einem Newsletter-Dienst und ein erstes Relaunch der Website steht in den nächsten Monaten an. Aber all das muss schließlich finanziert werden.“

Auch dieses Projekt beruht, von den Zuwendungen der Kulturbehörde Hamburg abgesehen, vor allem auf der Eigeninitiative des Literaturjournalisten und freien Lektors Jürgen Abel: Technik und Inhalt der Website organisiert er alleine und kennt nach vielen Jahren die Hamburger Literaturszene in- und auswändig. „Früher waren April und Mai, November und Oktober die stärksten Monate mit Literaturveranstaltungen“, weiß Abel. Heute könnte er jeden Monat eine Printversion von „Literatur in Hamburg“ herausgeben, die im Sommer eine Ausgabe für Juni/Juli/August und eine Winterausgabe für Dezember/Januar hat. „Im Sommer gibt es heute viele Leseveranstaltungen im Freien, im März haben wir jetzt die Vattenfall Lesetage und im September das Harbour Front Festival.“ Unter der Rubrik „Buch des Monats“ stellt Jürgen Abel herausragende Titel vor, „da bietet es sich an, vor allem Hamburger Autoren vorzustellen.“

Die Wirkung der Sprache nutzen

Auch die meisten Autoren, mit denen Rüdiger Käßner zu tun hat, kommen aus dem Einzugsgebiet Hamburgs. Viele haben bereits veröffentlicht, einige aber sind noch unentdeckt. „Manchmal haben gerade die unveröffentlichten Schriftsteller ein ungewöhnlich hohes Niveau“, sagt Rüdiger Käßner. Haben die Hamburger Autoren ein Profil? Es sind Männer wie Frauen, von 18 Jahren aufwärts. Die Themen sind Alltagsgeschichten, Tendenz geht zur Unterhaltung, was Käßner bedauert, denn „die sind zu sehr um Lacher bemüht.“ Viele Autoren entdeckt Rüdiger Käßner für die „Harburger Auslese“. Jeden letzten Samstag im Monat gibt es eine sorgfältig ausgewählte Lesung - innerhalb der ältesten Lesereihe Hamburgs. „Ich habe noch nie Körbe von einem Autor bekommen“, sagt Käßner. Auch in dieser Lesereihe geht es dem Organisator vor allem um die Wirkung der Sprache, keine großartige Performance, kein Beiprogramm soll davon ablenken. Ein festes Stammpublikum findet sich allmonatlich dazu ein, auch wenn es mal eher exotische Lyrik gibt oder bei vereisten Straßen, „da hatte es eine uralte Frau zur Lesung geschafft, wie weiß ich nicht“, lacht Käßner.

Text von Jane Marie Kähler, freie Journalistin in Hamburg


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