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| „Sie können nur für etwas kämpfen, was Sie lieben“ |
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 | Hubert Klöpfer ©Burkhard Riegels |
Klöpfer & Meyer feiert 20. Geburtstag.
Wie aus einem Buch ein ganzer Verlag entstand
„Tränen im Regenbogen“ war ein Riesenerfolg des Tübinger Attempto Verlags – nur passte diese Sammlung von Geschichten kleiner Patienten der Kinderklinik Tübingen so gar nicht in sein Programm. Diesem Umstand verdankt ein kleiner, feiner Verlag, der in einer ruhigen Tübinger Altstadtgasse residiert, seine Existenz: Klöpfer & Meyer. Damals, vor zwanzig Jahren, erhielt Attempto-Chef Hubert Klöpfer das Placet, nebenher einen literarischen Verlag zu gründen, in den Attempto als Gesellschafter einstieg. Damit wurde am 19. Dezember 1991 ein Wunschtraum Wirklichkeit. Die ersten Programme entstanden nach Feierabend; die Bücher setzte Klöpfers guter Freund und Mitgründer, der Setzer und Typograph Klaus Meyer, sonntags.
Viele Erfolge und…
Der Verlag für Belletristik, Sachbuch und Essayistik schrieb viel schneller als erwartet schwarze Zahlen, dank einer denkwürdigen Rezension im „Spiegel“ am letzten Montag vor Weihnachten 1995: Die ganze Auflage eines Werks zum stolzen Verkaufspreis von 98 Mark ging noch vor Heiligabend über den Ladentisch, der Auftakt zu einem Jahr voller Erfolge. Im Herbst 1996 erhielten die Gründer den baden-württembergischen Landespreis für literarisch ambitionierte Verlage. Manfred Zachs „Monrepos oder Die Kälte der Macht“ trieb im gleichen Jahr den Umsatz um 488% in die Höhe. Lothar Späths Regierungssprecher hatte darin den gemeinsamen Absturz mit dem Ministerpräsidenten literarisch verarbeitet. Die Taschenbuchrechte an dem brisanten Titel, an den andere Verlage sich zunächst nicht gewagt hatten, sicherte sich Rowohlt. „Richtig gute Zeiten waren das“, erinnert sich Klöpfer nickend.
… ein großer Fehlschlag
„Ja, und dann haben wir uns übernommen“, seufzt er. Klöpfer & Meyer kaufte Attempto auf – und kam ins Schleudern. Der frühere Gesellschafter zehrte die Gewinne der Jahre nach „Monrepos“ auf. Ende 1999 stand Klöpfer & Meyer kurz vor dem Ende. „Das ist an die Substanz gegangen, weil ich das alleine durchziehen musste“, sagt Klöpfer, denn Meyer schied in dieser Zeit aus. Doch das Blatt wendete sich wiederum: Die DVA, die gerade von Stuttgart nach München umgezogen war, übernahm den Verlag, um die Verbindung ins Schwäbische zu erhalten. Damit begann für Klöpfer eine beglückende Zeit: „Ich hatte alle Freiheit, konnte in Tübingen mein Programm machen und bin zwei-, dreimal im Monat nach München zu Besprechungen gefahren.“
Der Kampf um den Verlag
Wenige Jahre später wollte die F.A.Z., durch die Zeitungskrise in relative Bedrängnis, die DVA verkaufen. Für Klöpfer eine Hiobsbotschaft, denn unter dem Dach eines Konzerns würde seine Marke nicht überleben. Nach langen schweren Überlegungen kaufte er 2003 den Verlag selbst zurück. Noch anderthalb Jahre konnte er zwar über die DVA ausliefern, doch er musste alles neu aufbauen. Vertrieb, Werbung, Herstellung, PR, im Grunde alles außer der Programmarbeit war mit und über München gelaufen. „Und es ist ein Unterschied, ob Sie mit 40 aufbauen und an einem Dutzend Baustellen gleichzeitig arbeiten oder wie ich dann mit weit über 50, in einem Alter, wo andere erst mal durchatmen. Ich weiß rückblickend nicht, ob ich das heute noch so machen würde, machen könnte…“, beschreibt Klöpfer diese zweite harte Zeit. Doch seine baden-württembergischen Autoren hätten bei Random House keine Chance gehabt. Deswegen kämpfte er. 2006 stabilisierte sich die wirtschaftliche Ausgangslage durch einen neuen Gesellschafter, den Reutlinger Verlag Oertel und Spörer.
Erstes Nadelöhr auf dem Weg zum Leser: Der Buchhandel
Inzwischen steht „Schwäbisch Hanser“, wie der Verlag schon liebevoll genannt wurde, wieder gut da. Der Spitzname trifft ins Schwarze: „Ein Programm, wie Hanser es bundesweit geschaffen hat, das wollte ich für Baden-Württemberg machen.“ Trotzdem werden die Bücher auch in Hamburg, Berlin oder München wahrgenommen. „Wir leben zu einem ganz großen Teil von einer richtig guten Pressearbeit“, lobt Klöpfer seine Pressefrau Annette Maria Rieger.
Der Zugang zum Markt bleibt dennoch ungleich härter als für die großen Player: „Wir können nicht zwanzig- bis dreißigtausend in eine Aktion stecken. Wenn man sich anschaut, was für Titel Bertelsmann mit hohem Werbebudget locker durchbringt…“
Neben den Vertretern für Baden-Württemberg bereist ein weiterer etwa 250 bis 300 literarische Buchhandlungen in anderen Bundesländern. Einzelne Titel sind zwar gut zu platzieren, doch fehlt bisher die Nachhaltigkeit im bundesweiten Buchhandel. Der Barsortimentsanteil ist entsprechend groß. Seit Anfang 2011 deckt ein Münchner Vertriebsbüro deshalb zusätzlich die 50 bundesweit größten Buchhandlungen ab. Mit Erfolg: Der „Wetzstein Gedichtekalender 2012“ wurde von Thalia ins bundesweite Sortiment aufgenommen.
Zweites Nadelöhr: Die Literaturkritik
Auf Walser, Grass und Co. stürzen sich Journalisten mit Freude, während andere gute Neuerscheinungen vor allem kleinerer Verlage in der Novitätenflut untergehen – wenn sie nicht großes Glück haben. Wie Joachim Zelters „Der Ministerpräsident“, der 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Da folgten die Besprechungen auf dem Fuße. „Normalerweise hätten wir zwei, drei Monate warten müssen, bis wir mal an der Reihe sind. Dabei ist das Buch ist doch nicht plötzlich besser oder schlechter geworden“, ärgert sich Klöpfer. Ebenso ungehalten kommentiert er die Kür der „wichtigen“ Romane der Saison in den Zeitungen: „Kein Kritiker kann zu Beginn der jeweiligen Saison wissen, welche hundert Bücher bedeutend sein werden. Das ist eine Verkennung literarischer Wirklichkeit!“
Kalkulation und Risiko oder Die Last der Verlegerei
Doch letztendlich findet Klöpfer: „Der Unterschied zwischen großen und kleinen Verlagen ist nur, dass das Komma nach links oder rechts gerückt ist. Die Ängste eines Großverlagsleiters und eines Verlegers meines Zuschnitts sind im Grunde die gleichen.“ So bewegen sich die Auflagen bei Klöpfer & Meyer im Schnitt zwischen „nur“ 2000 und 5000 Exemplaren. Trotz der Mischkalkulation muss sich jedes Buch für sich rechnen, auch die zwei Lyrikbände im Jahr. Ohne Stiftungen, die das Risiko deckeln, wäre das oft unmöglich.
„20 Jahre sind schon eine Leistung; allein das Durchhalten finde ich schon mal bemerkenswert“, zieht Klöpfer Bilanz, „Aber Sie haben nie das Gefühl, Sie haben es geschafft; Sie haben nie das Gefühl von Sicherheit. Mit jedem Programm starten Sie neu und gehen echte Risiken ein. Und Sie arbeiten weit über dem Durchschnitt.“ Darin liegt für ihn eine Gefahr der Verlegerei: „Dass Sie nur noch Beruf sind, nur noch Verlag.“
Klöpfer und seine Autoren oder Die Lust der Verlegerei
Aber es lohnt sich: Während andere Verlage über die Abwanderung ihrer Hoffnungsträger klagen, wechseln erfolgreiche Autoren auch größerer Häuser gern zu Klöpfer, nicht weil hier hohe Vorschüsse winken, sondern weil sie sich gut aufgehoben fühlen. „Wir sind keine Fabrik, sondern ein Handwerksbetrieb“, beschreibt Klöpfer die Zusammenarbeit. Auch wenn er das Bild der Familie abgegriffen findet, passt es doch.
Wichtig ist für ihn die langfristige Beziehung, wie er in Gesprächen mit neuen Autoren betont. Die Botschaft kommt gut an, denn: „Autoren brauchen ein Gefühl von Verlässlichkeit – und ich auch.“ Bei Klöpfer & Meyer ist auch ein Buch mit einer Auflage von 2000 Exemplaren lesenswert und willkommen – und das spüren die Autoren. Ihr Verleger, den sie in Verlagskonzernen selten oder nie zu Gesicht bekämen, hat auch kurzfristig Zeit und ein offenes Ohr. Schon DebütantInnen haben volles Mitspracherecht, während andere Verlage ihren Autoren gerade mal das Cover vorlegen. „Das braucht natürlich viel Energie, aber wir halten das durch.“ Selbst wenn es einmal zwanzig Coverentwürfe braucht, bis alle zufrieden sind, und selbst wenn es schwierig wird, in diesem Prozess alle Beteiligten bei der Stange zu halten.
Bilanz nach zwanzig Jahren Verlag und sechzig Jahren Leben
Und so überwiegt für Klöpfer die Lust am „Bücher machen fürs Denken und Lesen ohne Geländer“ wie eines der Verlagmotti heißt. An Beck, Hanser und Suhrkamp vorbei auf dem ersten Platz der SWR-Bestenliste zu stehen, belohnt alle Mühen: „Eine Bestätigung, von der wir dann ein halbes Jahr leben.“ 2011 feierte Klöpfer seinen sechzigsten Geburtstag – neben dem Verlagsjubiläum ein guter Anlass für ein Zwischenfazit: „Menschen kennenzulernen, an ihren Themen teilhaben zu können, Entwicklungen zu spüren, die Talente anderer Leute zu spüren, an Sachen beteiligt sein, die es noch gar nicht gibt: Da fühle ich mich oft wie ein Arzt im Kreißsaal. Ich bereue diesen Lebensweg nicht.“
Die Autorin des Artikels, Friederike Saskia Heinen, ist selbstständige Texterin und lebt in Pliezhausen am Rande der Schwäbischen Alb. Ihre Schwerpunkte sind Marketing- und PR-Texte, Newsletter, Social Media, Buchhandelsgeschichte, Archäologie und Geschichte.
Kontakt: s.heinen@web.de und auf Facebook, Xing und Twitter (@SaskiaHeinen)
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