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Jedem das Gefühl geben, er sei etwas Besonderes
Foto: Archiv Diogenes Verlag
Ruth Geiger - zwanzig Jahre Pressearbeit für den Diogenes Verlag.

„In meinem Job geht es meist zu wie in einer Großküche. Ich rühre ständig in vielen Töpfen gleichzeitig und muss immer aufpassen, dass nichts anbrennt,“ sagt Ruth Geiger, die Pressechefin des Diogenes Verlags. Manch einer nennt das Multitasking, Ruth Geiger würde sagen, das ist professionelle Pressearbeit. Wenn sie einen Autor auf Lesereise begleitet, ist sie bei den Veranstaltungen dabei, hat Pressetermine zuvor sorgfältig geplant und arrangiert, die Journalisten mit allen Informationen rundum versorgt und wenn sich ein Termin kurzfristig verschiebt, reagiert sie schnell und disponiert um. Gerade bei Lesereisen ist ihre ganze Präsenz gefordert, Autorinnen und Autoren verlassen sich auf sie, auch wenn es um Privates geht. Als John Irving bei seiner Lesetour vor einigen Jahren am Wochenende plötzlich von heftigen Zahnschmerzen geplagt wurde, hat die Diogenes Pressefrau umgehend einen Arzttermin arrangiert und sich um alles gekümmert. Nebenbei läuft der ständige Kontakt mit dem Verlag. Sie koordiniert und plant die Termine für die nächsten Redaktionsbesuche und liest sich, wann immer es die Zeit erlaubt, in das neue Programm ein.

Mehr als ein Talent gefordert

Pressearbeit im Publikumsverlag ist nichts für Marathonläufer oder Sprinter. Da braucht es schon eher die Konstitution eines Zehnkämpfers. Man muss in verschiedenen Disziplinen sehr gut sein, kommunizieren und organisieren können, Durchhaltevermögen haben, neugierig und kontaktfreudig sein, aber auch schnell umschalten können. Und die Latte wird immer höher gelegt, beschreibt die Pressefrau die Voraussetzungen für den Job. An einen Zehnkämpfer erinnert bei Ruth Geiger wenig. Sie wirkt gelassen und ist gut gelaunt, selbst nach einem heißen Bücherherbst, einer Lesereise mit der Bestsellerautorin Donna Leon und unmittelbar anschließender Buchmesse. Wenn Ruth Geiger über ‚ihre' Autorinnen und Autoren erzählt, schwingt immer die Begeisterung für ihre Arbeit mit. Und die hat in den zwanzig Jahren, die sie für Diogenes arbeitet, nicht nachgelassen. „Ich verliebe mich immer wieder in die Bücher. Das beflügelt meine Arbeit. Sie muss mir Spaß machen. Da muss der Funke überspringen. Und vor allem der Erfolg der Bücher, der Autoren, des Verlages, der gibt mir dann jedes Mal wieder einen neuen Kick und Energie“, sagt sie.

Pressearbeit ist rundum Service

Eigentlich hatte Ruth Geiger nach ihrem Studium der Germanistik, Psychologie und Geschichte ganz andere Pläne. Sie wollte ins Ausland, nach Paris. Und dann kam es doch anders. Das Angebot, beim Züricher Diogenes Verlag anzuheuern, war zu verlockend. Also fing sie 1. August 1987 als Assistentin an und hatte damals keine genaue Vorstellung von Pressearbeit. Eine eigene PR- Abteilung gab es nicht. Für die Kontaktpflege mit den Journalisten genügte eine Handkartei. In der Regel verschickte man die Bücher oder Fahnen vorab zur Besprechung, dokumentierte die Belege und erstellte Pressedossiers. Ruth Geiger erinnert sich noch gut an ihre erste große Aktion im Hause Diogenes. Zum Tod von Gisela Andersch, der Frau Alfred Anderschs, musste sie eine Pressemitteilung an alle wichtigen Medien schicken. Das dauerte Stunden, denn die knappe Mitteilung wurde noch per Telex verschickt. Tippfehler ließen sich nur mühsam korrigieren, aber trotzdem musste der Text fehlerfrei als Lochstreifen erstellt werden und ging dann an die Nachrichtenagenturen und die Tagespresse. Im schlimmsten Fall hieß es, alles neu schreiben. „Das war Stress, jetzt geht es auf Kopfdruck über Email,“ sagt Ruth Geiger. „Das ist gerade zwanzig Jahre her und kommt einem vor wie in der elektronischen Steinzeit“, ergänzt sie und lacht bei der Erinnerung.

Heute leitet sie eine eigene Abteilung mit mehreren Mitarbeiterinnen. Anders wären die Anforderungen auch nicht zu bewältigen. Alles muss schneller gehen und die Wünsche sind vielfältiger. Der Druck in den Redaktionen selbst ist groß. Natürlich werden weiterhin Bücher und auch Fahnenabzüge verschickt. Digitale Cover und Autorenfotos sind längst eine Selbstverständlichkeit. Viel wichtiger wird die gut aufbereitete, oft auf das Medium oder den Journalisten zugeschnittene Zusammenstellung der Informationen. Ruth Geiger sieht ihre Arbeit und die ihrer Mitarbeiterinnen als Dienstleistung für die Medien, als Servicestelle, die die Redaktionen nicht nach Schema F bedient, sondern hoch professionell, schnell und individuell den Kollegen in den Redaktionen zuarbeitet. Das sieht bei Zeitschriften anders aus als beim Hörfunk und beim Fernsehen gelten wiederum andere Regeln. Es geht um Hintergrundsinformationen, schnelle Reaktion bei aktuellen Themen und manchmal auch das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Etwa ein Interview mit einem Autor arrangieren, der sehr zurückgezogen lebt und es die wenigsten Redaktionsbudgets hergeben, eigens zum Interview anzureisen. Hier sind Erfahrung wie Fingerspitzengefühl gefragt, und natürlich ein Vertrauensverhältnis zum Autor.

Vertrauen und Wertschätzung

Diogenes ist ein Autorenverlag. Ingrid Noll, Donna Leon etwa oder Paulo Coelho, John Irving, Andrzej Szczypiorski, Ian McEwan und Meir Shalev sind dem Verlag schon lange verbunden. In den zwanzig Jahren hat sich auch zwischen ihnen und Ruth Geiger ein enges Verhältnis entwickelt. Mit ‚ihren' Autoren, sagt sie, sei sie immer eine Reisende und lerne Ländern und Regionen kennen, die ihr ansonsten völlig verschlossen blieben. Natürlich waren in der Anfangszeit gerade die Lesereisen von Nervosität und Nervenflattern begleitet. Inzwischen ist sie souveräner. „Ich bin langsam hineingewachsen, meine Verleger haben mir schrittweise immer mehr Verantwortung übertragen. Das war gut, denn so konnte sich meine Professionalität entwickeln und die Beziehungen langsam wachsen,“ sagt Ruth Geiger.

Seit 1992 ist sie Leiterin der Presseabteilung, 1997 mit Prokura. Ab 1.1.2008 wird sie Mitglied der Geschäftleitung sein. Das ist für eine Pressefrau ungewöhnlich und zeigt die hohe Akzeptanz, die man bei Diogenes ihrer Arbeit entgegen bringt. „Ich bekomme viel Anerkennung für meine Arbeit von allen und habe sehr viele Freiheiten. Es gibt eine gegenseitige Wertschätzung und ein großes Vertrauen. Das gibt mir Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten. Die sind wichtig, denn die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich mit und für Diogenes,“ resümiert sie.

Coaching beim literarischen Quintett

Rundum die Uhr Diogenes, bleibt da das Privatleben nicht auf der Strecke? Die Gefahr ist groß, denn eine 40 Stunden Woche kennt sie nicht. Mit einem gewissen Bedauern bekennt Ruth Geiger, dass ihr viel zu wenig Zeit bleibt für die vielen spannenden Bücher aus anderen Verlagen. Umso wichtiger ist ihr bei aller Nähe, die sie mit ihren Autoren verbindet, die klare Trennung zwischen beruflichen Kontakten und ihrem Privatleben. Eine große Rolle spielt neben Partnerschaft und Freunden da ihr „literarisches Quintett“. Sie hat es zusammen mit vier Studienfreundinnen 1987 ins Leben gerufen. Im Unterschied zum bekannten Literarischen Quartett treffen sich die fünf Frauen bis heute regelmäßig einmal monatlich zu ihrer Gesprächsrunde. Thema ist jeweils ein Buch, das alle gelesen haben und über das sie sich an einem Abend austauschen. „Wir haben alle ganz unterschiedliche berufliche Hintergründe, das macht unsere Diskussionen so spannend,“ erläutert Ruth Geiger. Und der Termin ist allen heilig. „An unserem Jour Fixe halten wir fest, egal was kommt. Und wenn eine von uns im Beruf Probleme hat, gibt es spontan auch mal ein berufliches Coaching. Das hat mir oft sehr geholfen,“ fügt sie hinzu.

Wenn Ruth Geiger nicht liest, nicht reist oder im Zürcher Büro aufpasst, dass nichts anbrennt, steht sie am liebsten am heimischen Herd und rührt mit Leidenschaft in vielen Töpfen. „Ich koche wahnsinnig gern für meine Freunde,“ sagt sie, „da schalte ich ab von der Arbeit, vom hektischen Alltag und freue mich nur auf ein schönes Essen und einen schönen Abend.“


Text von Regina Eisele. Regina Eisele ist Inhaberin von connectingTeam - Presse und Kommunikation.



www.diogenes.ch
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