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| Viele Wikis sind des Brockhaus Tod - wirklich? |
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Oder: Wie geht es mit der Lexikografie weiter?
Von verpassten und neuen Chancen: Aus der Geschichte der multimedialen Lexikon-Welt
Von Rüdiger Dingemann
Der schrillen Stimmen gab es gleich viele, als Anfang dieser Woche bekannt wurde, dass mit der 21. Auflage des Brockhaus wohl „voraussichtlich die letzte“ gedruckte Ausgabe der traditionsreichen Enzyklopädie erscheinen werde. Die Zukunft liege nun im Internet. Die Tageszeitung Die Welt schrieb von einem "Lexitus" - griffig formuliert, doch inhaltlich falsch.
Der Totenschein war schnell ausgestellt. Blogs (Handelsblatt) sprachen von einem „stillen Tod“, man habe schon lange die „letzte Zuckung eines großen Namens“ beobachtet: Und wieder einmal habe ein „Unternehmen der klassischen Medienbranche nicht erkannt, dass sich die Zeiten“ geändert hätten. Gut gebrüllt Blogger - aber zu kurz gesprungen.
Ein anderer Blogger verstieg sich sogar in seiner bornierten Online-Fixierung mit der Beschreibung der Brockhaus Enzyklopädie in der Definition, es handle sich hier um „die quasi ausgedruckte Wikipedia, die man nicht verlinken und nicht editieren kann“. In der Netzwelt ist also ein Online-Lexikon-Portal schon das Synonym für Nachschlagewerke. Brockhaus sei halt ein „Modell 19. Jahrhundert“ und Verlage werden als „Tote Holz-Branche“ abgetan. Wer so spottet, wird sich noch die Augen reiben: Hohn kommt vor dem Bildungs-Abfall ...
Brockhaus will das Papier sparen
Die Mannheimer Lexikonmacher verkaufen ihre Orientierung zu mehr Internet als „strategische Neuausrichtung“: Ab dem 15. April gibt es ein kostenloses Netzportal, das „relevante und geprüfte Informationen aus allen Wissensgebieten“ bieten und „auch in der multimedialen Ausstattung neue Maßstäbe setzen“ werde. - Die Bifab-Pressemitteilung spricht dann noch von einem „einzigartigen Wissensangebot“, das sich als „Wissensnavigator im Internet“ versteht. So weit - so gut.
Hintergrund dieser Ankündigung ist die schlechte „Geschäftsentwicklung bei den gedruckten klassischen Lexika“; Marktanalysen zeigten eindeutig in die Online-Welt.
Seit Jahren ist ein all-umfassender Brockhaus-Internet-Auftritt fällig. Hier hat man zwar einiges probiert, doch nichts wollte so recht überzeugen - vor allem die hauseigenen Controller. Mit der jetzigen Ankündigung, es richtig machen zu wollen, geht jedoch auch zugleich der Abschied vom Beruf des Lexikografen einher. Zukünftig werde nämlich eine Journalistin, Sigrun Albert (ehemalige Redaktionsleiterin von "Brigitte.de" und "YoungMiss.de"), das brockhaus'sche Wissen verantworten. Selbstverständlich blieben dabei „Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit“ wie bisher gewahrt, ergänzt Bifab-Vorstandsmitglied Marion Winkenbach, die für die „Weiterentwicklung der Marke Brockhaus“ zuständig ist.
Der „komplette Datenbestand“ soll von der Online-Redaktion in Leipzig „gepflegt“ werden. Journalistisch und nicht mehr lexikografisch? Erwähnt wird in der Pressemitteilung nicht, dass 50 Kollegen und Kolleginnen die Redaktion verlassen müssen! Sie hatte man zum Teil erst in den letzten Jahren geholt. Dieses massive Jobkilling-Programm wird hinter der Formulierung versteckt, dass sich „ein Verlust in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro“ für das Jahr 2007 abzeichne: Die Verlagsleitung denke „deshalb über umfassende Kostensenkungsmaßnahmen nach“. Das hat sie wohl schon getan - und entsprechend entschieden.
Bisher haben etwa 70 Fachredakteure und über 1000 wissenschaftliche Fachautoren die 21. Druckauflage gestemmt. Die Grundlage einer soliden Wissens-Fundierung. Ob sich diese halten lässt, mag man bezweifeln, wenn über Zweidrittel der Redakteure in die Wüste geschickt werden - obwohl online Inhalte unentwegt aktualisiert, erweitert und überarbeitet werden müssen. Dabei geht es nicht nur um Textkorrekturen, sondern vor allem um noch zu entwickelnde multimediale Elemente.
Darüber hinaus betont Brockhaus in gleichem Atemzug, auch künftig „alle Trägermedien - vom Buch bis hin zu mobilen Anwendungen aller Art“ und die „klassischen Buchkunden“ bedienen zu wollen. Und: Weitere Lexika und Inhalte des Verlags würden das durch Werbung finanzierte Wissensportal speisen, und zusätzlich für den Herbst 2008 sei ein werbefreies und kostenloses Online-Angebot für Schulen geplant. Man fragt sich, wie man das mit reduzierter Mannschaft ohne Qualitätsverlust bewerkstelligen will - Freelancer hört die Signale...
Das Refinanzierungsmodell sieht eine „Werbevermarktung im Zusammenspiel mit vielen Content-Partnern und einem exklusiven Medienpartner“ vor. Heißt es; näheres werde im April zu erfahren sein. Die FAZ weiß schon dass der Online-Brockhaus voraussichtlich in Kooperation mit Holtzbrincks "Zeit" erscheinen und vermarktet werden solle. Eine interessante wie richtige strategische Partnerschaft - wenn's so kommt.
Der verspätete Angriff auf Wikipedia
Ist das nun der von manchen erhoffte Angriff auf Wikipedia? - Bisher weist Brockhaus 300.000 Artikel, die deutschsprachige Wikipedia 700.000 auf. Doch was sagen diese Zahlen? Kommt es nicht viel mehr auf etwas ganz anderes an: auf Verlässlichkeit und Aktualität, auf Multimedialität und Vernetzung des Wissens (sog. Hypertext) bis hin zur Einbeziehung der Nutzer und z. B. einer ordentlichen Vorlesefunktion? Die bisherigen Brockhaus CD-, DVD- und CD-ROM-Versionen (die Zeiten des Discjokey-Lexikons sind Gott sei Dank endgültig vorbei) und Internet-Auftritte (mit und ohne USB-Stick) haben in ihrer „Multi- und Crossmedialtät“ (mit Downloadfunktionen für Text, Bild, MP3-Files usw.) nicht die gewünschten Erfolge gezeitigt.
Die Schwächen der Web-Konkurrenz Wikipedia - zum Teil naive bis fahrlässige Inkompetenz wie sprachliches Unvermögen, unzureichende Multimedialität etc. - beruhigte bei ihrem Auftauchen 2001 zunächst noch die Lexikonverlage. Man übersah dabei aber die Eigendynamik, die im Netz steckt: Die Schwächen Wikipedias wurden (und werden) durch die Fach- und Detailkenntnis sowie den Enthusiasmus der vielen, vielen Beiträger und ihrem sportiven Ehrgeiz ausgeglichen. So glauben viele auch jetzt nicht, dass Brockhaus Wikipedia den Rang ablaufen könne. Doch Wikipedia ist mit ihrem bisherigen Auftritt sicherlich noch lange nicht das Non-plus-ultra eines Online-Lexikons. Multimedia-Elemente sind keine „Konzession an den Zeitgeist“, sondern neben inhaltlicher Solidität gerade die Stärken einer modernen Enzyklopädie und somit auch Hauptargumente gegen die multimedial-schwachen Wikipedia-Ausgaben.
Alles, was Brockhaus jetzt unternimmt - soweit wir es bisher wissen - ist (leider) die verspätete Reaktion auf eine Entwicklung, die bereits vor über 15 Jahren einsetzte. Damals verschliefen alle deutschen Lexikon-Verlage die Digitalisierung und taten spöttisch erste Gehversuche in den USA als Spielerei ab. Die Amerikaner wollten sie sogar ins Boot holen. Doch das „Alte Europa“ wies hochmütig das Ansinnen aus der „Neuen Welt“ zurück. Diese Arroganz rächte sich 1996, als die erste deutsche Microsoft Enzyklopädie Encarta auf den Markt kam. Diese damals neuartige Lexikonform wurde z. B. von Dieter E. Zimmer in der „Die Zeit“ enthusiastisch begrüßt; zugleich fragte er kopfschüttelnd, was denn eigentlich die deutschen Verlage (damals) machten.
Der Encarta-Erfolg rüttelte noch nicht die deutschen Lexikonmacher auf. Offensichtlich erkannten sie die neuen Geschäftsfelder nicht, die sich hier eröffneten. Man machte weiter wie bisher, ließ allenfalls junge Leute ein wenig basteln anstatt ordentlich in neue Medien zu investieren. Die Folge: Encarta blieb für mindestens vier Jahre „Marktführer“. Erst mit der Jahrtausendwende kam auch die Wende bei den Traditionsverlagen. Doch man war auch hier wieder noch zu zögerlich und übersah, dass inzwischen das Internet seinen Siegeszug angetreten hatte. (Auch Encarta verschlief diese Entwicklung.)
Jetzt - 8 Jahre später - bestätigt sich wieder einmal Gorbatschows berühmter Ausspruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ - vor allem die Redakteure, die ihren Arbeitsplatz verlieren, und ein bislang gesundes Medienunternehmen, dass nun Millionen-Verluste verkraften muss.
Web 2.0 mit seiner „Jeder-darf-Autor-sein-Ideologie“ überrollte die Traditionsverlage und den Softwaregiganten Microsoft mit seiner ambitionierten Encarta. Wikipedia wurde (und wird) mit der Zeit zwar nicht multimedialer, aber dafür inhaltlich immer besser: Immer mehr Kontrollmechanismen greifen, und eine gewisse Selbstregulierung trennt die Spreu vom Weizen. Eine positive Entwicklung, an der auch die ehemaligen Platzhirschen am Lexikonmarkt hätten „mitmachen“ und für sich (gewinnbringend!) nutzen können. Übrigens: Das demokratische Mitmach-Prinzip haben nicht die Blogger des Web 2.0 erfunden. Bereits auf den Marktplätzen des antiken Athen tauschte man sein Wissen aus. Das hatten die bildungsbürgerlichen Lexikografen offensichtlich vergessen - hätten sie doch mal bei sich selber nachgeschlagen ...
Vom Fremdeln gegenüber allem Neuen
Neue Medien sind Buchverlagen (naturgemäß?) fremd. Doch das Fremdeln hätte sich eigentlich schon längst erledigt haben sollen, was aber nicht der Fall ist. Der Grund dafür liegt u. a. in der behäbigen Struktur der Verlage und Konzerne. Begonnen hatte es vor 25 Jahren mit dem allzu zaghaften Einsatz von PC's (bzw. Nichteinsatz) in Verlagen und Buchhandlungen. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, die neuen Medien zielführend einzusetzen. In Teilbereichen ist das bis heute noch so, z. B. auch bei der vernachlässigten Internetwerbung für Bücher.
Das Pfeifen im Keller von Umsatz und Akzeptanz verhallte. Die Zahlen waren noch nicht so schlecht, dass man beherzt zu neuen Ufern hätte aufbrechen müssen. Es ist also kein Zufall, dass man jetzt (fälschlicherweise) die Totenglocken für den gedruckten Brockhaus läutet. Die gesamte Buchbranche hat indirekt ihr Scherflein dazu beigetragen; da half es auch nichts, dass vor Jahren ein „Arbeitskreis für Elektronisches Publizieren“ im Börsenverein des Deutschen Buchhandels installiert wurde. Das Nachdenken über die Zukunft von Buch+Internet hat in der Buchhandelsbranche erst begonnen ...
Inzwischen treten ganz andere Kaliber auf den Plan bzw. auf den Markt: Google will im großen Wissensozean Wikipedia das Wasser abgraben und vice versa. Microsoft, nun online-aufgewacht, mischt mit brachialer Finanzkraft und Marktoberherrschaft im Internet-Geschäft mit. Einige Medien-Großkonzerne haben es mittlerweile auch begriffen und kaufen am Neuen Markt zu, was sie nur kriegen können. Mit welchem Ziel, bleibt manchmal rätselhaft - Hauptsache: man ist dabei - immerhin!
Nun soll angeblich eine Ära der gedruckten Universal-Lexika zu Ende gehen. Doch so schnell ist die Branche nicht, und Brockhaus deutet es ja auch schon an, künftig „alle Trägermedien“ und die „klassischen Buchkunden“ bedienen zu wollen. Doch auch hier sind neue Wege gefragt. Die von Bloggern so gern verhöhnte „Tote Holz-Branche“ hat ihre Zukunft, nur anders, als es mancher denken mag. Brockhaus, die „bewährte Beglaubigungsinstanz bildungsbürgerlicher Bibliophiler“, wie es der „Welt“-Autor so schön gebildet ausdrückt, hat nun eine reelle Internet-Chance.
Was bleibt: Die Kulturgeschichte des Wissens wird fortgeschrieben. Seit Beginn der Arbeiten der Enzyklopädisten Denis Diderot und Jean d'Alembert, 1751, entfalteten lexikalische Werke eine tiefgreifende Wirkung: Ob Enzyklopädie, Universal- oder Konversations-Lexikon in mehreren oder auch nur in einem Band, alle Nachschlagewerke und -formen (off- wie online) haben eines gemeinsam: Sie sind der „aufgeklärten Vernunft verpflichtet“: Es geht um Objektivität, um Fakten und Daten, mit dem Anspruch, das Wissen im positiven Sinne zu popularisieren/demokratisieren, intelligent miteinander zu verknüpfen und mit den modernsten Mitteln darzustellen.
Beim „Brockhaus April 2008“ wird es sich nicht um einen „Paradigmenwechsel“ handeln - der Begriff ist zu hochgegriffen. Verlage, die Nachschlagewerke und Fachinformation in ihrem Programm haben, werden aber nicht lange auf sich warten lassen, mit innovativen Medien-Konzepten und -Strategien nachzuziehen. Konkurrenz belebt das Geschäft ...
So kann man nur zustimmen, wenn Michael Roesler-Graichen im börsenblatt.net schreibt: „Der Appetit nach fundiertem Wissen bleibt“. Und der „spreeblick“ -Autor Johnny Haeusler frohgemut verkündet: „Brockhaus, Spiegel, Wikipedia: Steigert meinen Wissenswert!“ - so ist es: Glück auf!
Buch-pr.de-Autor Rüdiger Dingemann war von 1994 bis 2000 Chefredakteur der Microsoft Enzyklopädie Encarta.
Weitere Links zum Thema siehe den Medienticker auf perlentaucher.de
http://www.perlentaucher.de/archive/ar/48/
www.dingemann-online.de
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