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Die Frankfurter Verlagsszene – gestern und heute
Literaturhaus Frankfurt © Janine Bach
Frankfurt am Main ist eine Stadt, deren Bekanntheit auf zwei scheinbar völlig gegensätzlichen Elementen beruht: Wirtschaft und Kultur bzw. das Bankenwesen und die jahrhundertealte Verlagskultur der Stadt. Janine Bach hat sich für Sie die Verlagslandschaft in Frankfurt angeschaut. Lesen Sie hier den ersten Teil mit historischen Hintergründen und Entwicklungen. Im zweiten Teil, der im Juni erscheinen wird, besucht sie verschiedene Verlage und stellt diese vor.

In der Mainmetropole haben bedeutende Verlage ihren Sitz: der S. Fischer Verlag, der Suhrkamp Verlag sowie die dazugehörenden Verlage Insel, Jüdischer Verlag, Verlag der Weltreligionen, Klassiker Verlag, dann der Eichborn Verlag, Schöffling & Co., Campus, Stroemfeld, die Frankfurter Verlagsanstalt, der Societäts-Verlag und andere mehr. Nicht wenige davon trugen und tragen erheblich zur literarischen Entwicklung in Deutschland bei. Gibt man „Verlage Frankfurt“ in die Google-Suche ein, so erhält man mehr als 5.000 Einträge. Schaut man in die Gelben Seiten, so sind es noch immerhin 287 Treffer, was sich mit dem Verzeichnis des Branchen Kompasses für Frankfurt deckt. Die Bandbreite reicht von Zeitschriften- und Zeitungsverlagen, Wirtschafts- und Wissenschaftsverlage, über Schulbuchverlage und natürlich die literarischen Verlage.

Heute gilt:„Frankfurt und das Buch gehören zusammen!“ Dieser glückliche Umstand wird außer von der hohen Dichte bedeutender Verlage auch dadurch begründet, dass jedes Jahr im Oktober die wichtigste internationale Buchmesse in Frankfurt veranstaltet wird. Was viele nicht wissen: in diesem Jahr zum 60. Mal! Waren es 1949 noch 205 deutsche Aussteller, so sind es heute über 7.000 internationale Aussteller, die ihre Waren auf mehr als 170.000 Quadratmetern an drei Fachbesucher- und zwei Publikumstagen präsentieren. Zahlreichen neu gegründeten Buchmessen, z. B. London, Peking oder Buenos Aires dient sie als Vorbild. Dabei ist die Frankfurter Messe eine Verlegermesse. Es geht ihr um Literatur als einem zu vermarktenden Produkt. Die Frankfurter Buchmesse ist eine Handelsveranstaltung, kein Literatenfest. Sie ist der Jahreshöhepunkt sämtlicher Literatur-Kultur- und Buchvermittler. Unzählige Gruppierungen des Buchhandels kommen in Frankfurt zusammen, um sich persönlich kennen zu lernen, um Vertrauen zum Handelspartner aufzubauen, um bestehende Kontakte zu pflegen, neue Projekte zu besprechen. Auch für die Geselligkeit abseits der Messehallen ist in Frankfurt gesorgt. Legendär sind die Verlegerempfänge z. B. im Frankfurter Hof, auf denen die Branche sich selbst feiert. Geht es jedoch um Verträge, Honorare, Tantiemen oder Lizenzrechte, so wählt man eine sterngekrönte Herberge Frankfurts – die Hotelpreise steigen zu Messezeiten exorbitant –, hier sind Ruhe und Konzentration möglich.

Der Frankfurter Verlags- und Literaturbetrieb spielt sich jedoch nicht nur während der Messe ab. Um die Buchmesse herum hat sich ein ganzer Betrieb literaturvermittelnder Einrichtungen gebildet. Zu den Veranstaltern gehören Einrichtungen wie das Frankfurter Literaturhaus, die Romanfabrik, das Hessische Literaturforum im Mousonturm, das Kulturamt, der Verein Kultur & Bahn, das Holzhausenschlösschen oder Literarische Salons. Sie alle profitieren von einer intensiven Vernetzung untereinander. Jeder kennt hier jeden, es wird viel geredet, viel getratscht, aber eben auch kreativ und produktiv an immer neuen Ideen und Konzepten im Sinne der Literatur und des Buches gearbeitet. Während des ganzen Jahres werden Interessierte mit zahlreichen Literaturveranstaltungen geradezu überschüttet.

Frankfurts Literaturbetrieb ist zudem von einer gewichtigen Medienpräsenz flankiert: Der Hessische Rundfunk hat hier seinen Sitz und betreibt einen eigenen Kultursender (hr2), die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie die Frankfurter Rundschau, zwei der führenden Tageszeitungen Deutschlands, sind ebenfalls hier beheimatet und berichten bzw. kommentieren Frankfurts Verlags- und Literaturszene.

Frankfurts Verlagswesen wie wir es heute kennen, hat sich vor allem in der Zeit des Wirtschaftswunders bis heute entwickelt.
Nur zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entschied sich Peter Suhrkamp als kommissarischer Leiter eines Teils des S. Fischer Verlages in Berlin, in die Mainmetropole umzuziehen. Er hatte unter schwersten Bedingungen den Krieg und die Repressalien der Diktatur überdauert.
Samuel Fischers Nachfolger, Gottfried Bermann Fischer, hatte den Großteil des Verlags während des Nazi-Regimes von Berlin nach Wien, anschließend nach Stockholm und schließlich in die USA verlagern müssen.
In Frankfurt wurden schließlich die zersplitterten Teile des Verlags wieder zusammengeführt.
Unterschiedliche verlegerische Vorstellungen veranlassten Peter Suhrkamp 1950 dazu, den S. Fischer Verlag zu verlassen und einen eigenen Verlag, den Suhrkamp Verlag, zu gründen. Innerhalb weniger Jahre avancierten beide Verlage zu den wichtigsten Verlagen Deutschlands mit umfangreichen internationalen Programmen.
Als Stadt, in der es sich gut verlegen lässt, gewann Frankfurt immer mehr an Attraktivität, sodass sich zahlreiche weitere Verlage hier ansiedelten. Berlin, ehemals die Verlagsstadt Nr. 1, hatte seine einstige kulturelle Vitalität eingebüßt. Die jüdische Intelligenz, die literarische Linke waren vertrieben oder ermordet, und Berlin war durch seine unmittelbare Nähe zur sowjetische Besatzungszone zunehmend isoliert. Der neue Standort in der hessischen Westzone erwies sich als günstig. Das nach der Währungsreform einsetzende Wirtschaftswunder und die damit verbundene Erholung des westdeutschen Buchmarktes waren entscheidend. Hier war 1946 die Deutsche Bibliothek gegründet worden und 1949 wurde erstmals seit zwei Jahrhunderten eine eigene Buchmesse eröffnet.

Der Buchhandel floriert in Frankfurt bereits seit dem Mittelalter. Durch ihre verkehrsgünstige Lage und zahlreichen Händler avancierte die Stadt schon früh zum Messestandort. Die Erfolgsgeschichte der Buchmesse beginnt zur Buchdruckerzeit im 15. Jahrhundert. Zwar gab es schon zuvor, seit dem 12. Jahrhundert, in Frankfurt Messen, auf denen handschriftlich vervielfältigte Bücher gehandelt wurden, der revolutionäre Gutenberg’sche Buchdruck mit beweglichen Lettern und die damit einhergehende Weiterverbreitung des Buches jedoch brachte den Buchmessenstein so richtig ins Rollen. Von etwa 1450 bis 1764 war Frankfurt der führende Handelsplatz für die mit Gutenbergs Technik hergestellten Bücher. Es war das Bücherzentrum für das ganze geistige Europa.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts versank die Frankfurter Buchmesse gänzlich in der Bedeutungslosigkeit. Traditionalismus sowie die terminliche Verlegung der Buchmesse auf einen Zeitpunkt, an dem auch die Leipziger Messe stattfand, schwächte den Frankfurter Standort immens. Zahlreiche Kaufleute und Buchhändler, die zuvor von der Frankfurter Messe nach Leipzig weiterreisten, entschieden sich nun, vor die Wahl gestellt, für die damals fortschrittlichere Buchmesse in Leipzig. Aber auch die Leipziger Messe hatte sich in den 1890er Jahren durch die ständige Anwesenheit von Kommissionären selbst überflüssig gemacht und wurde nicht fortgeführt.
Erst im 20. Jahrhundert begannen die beiden Städte, sich wieder um eine Belebung der alten Buchmessentradition zu bemühen, was aufgrund der widrigen wirtschaftlichen Bedingungen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zum Scheitern verurteilt war. Erst 1948 kam es in Frankfurt zu erneuten Versuchen, die Buchmesse zu rehabilitieren. Dieses Mal mit Erfolg: Am Samstag, den 17. September 1949 wurde die 1. Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche eröffnet.

Eine Erfolgsgeschichte par excellence? Die Antwort muss zwiespältig ausfallen:
Zwar hat die Stadt einiges zu bieten, tolle Verlage, tolle Buchmesse, tolle Literaturveranstaltungen, dennoch fehlt ihr die geistige Substanz. Auch leben oder lebten in Frankfurt bedeutende Schriftsteller und Intellektuelle – nehmen wir nur als einige Beispiele Goethe, Hölderlin, Schopenhauer, Clemens und Bettina Brentano, Theordor W. Adorno, Max Horkheimer, Robert Gernhadt und heute Wilhelm Genazino, Andreas Meyer, Eva Demski, Martin Mosebach, Ulf-Erdmann Ziegler, Jan Seghers und Marcel Reich-Ranicki. Dennoch haben sich nur wenige literarische Schriftstellerzirkel oder Intellektuellenkreise in Frankfurt herausgebildet, wie man sie in Straßburg (Sturm und Drang), Weimar (Weimarer Klassik), Berlin (Naturalismus, Moderne, Expressionismus) und Wien (Wiener Moderne) erleben konnte. „...es lässt sich das Gefühl nicht beseitigen, dass alle diese Künstler und Gelehrten, die Theater und Ausstellungen hier nicht tief verwurzelt sind, weder mit der Stadt amalgamiert noch aus ihr hervorgegangen“, konstatierte jüngst Martin Mosebach in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Es gibt sie einfach nicht, die Promiszene der Autoren, die sich, einer genuin Frankfurter Identität bewusst, in Cafés oder anderen Lokalitäten träfe, um sich auszutauschen. Keine geistige Elite, die sich öffentlich zu Worte meldetet oder die in der Lage wäre, neue literarische Strömungen zu initiieren.

Die Stadt bemüht sich darum, ihr geistig-kulturelles Profil zu wahren und zu schärfen. Sie will, unbedingt weg von dem Image, kapitalistisch, modern aber ohne kulturelle Seele zu sein. Nichts desto trotz ist sie eine Stadt des Buchhandels, der Verlage und der Literaturvermittlung, in der wirtschaftliche Aspekte rund um die Ware Buch eine zentrale Rolle einnehmen. Hier lassen sich Bücher gut verkaufen. Nicht mehr und nicht weniger.

Nun verlässt der Suhrkamp Verlag als eine traditionelle Stütze der Frankfurter Verlagskultur die Stadt und kehrt zu seinen Wurzeln nach Berlin zurück. Die Mainmetropole wird erneut beweisen müssen, dass sie es wert ist, dass sich in ihren Mauern neue und bedeutende Verlage niederlassen.


Literatur zum Thema:

  • Die Geschichte des Suhrkamp Verlages. 1950 – 2000. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2000.
  • Frankfurt. Acht literarische Spaziergänge von Siegfried Diehl. Mit farbigen Fotos von Lutz Kleinhans. Insel Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1998.
  • Martin Mosebach: Mein Frankfurt. Ausgewählt von Rainer Weiss. Insel Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2002.
  • Reiner Stach: 100 Jahre S. Fischer Verlag. 1886 bis 1986. Kleine Verlagsgeschichte. S. Fischer, Frankfurt a. M. 1986.
  • Peter Weishaas: Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2003.



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