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Das Internetphänomen „Bookcrossing“ bietet Büchern, die Möglichkeit, um die Welt zu reisen. Die Literaturbranche bleibt allerdings skeptisch. Zu Recht?
Das hätten sich das kleine Büchlein und seine Besitzerin nicht träumen lassen. Vor etwa fünf Jahren betrat SqueakyChu einen Secondhandbuchladen in Wheaton, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Maryland. Dort kaufte sie den Dai Sijies Debütroman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin in der englischen Übersetzung. Nachdem SqueakyChu das Buch gelesen hatte, schickte sie es am 5. März 2004 auf Reisen. Mittlerweile hat der französischsprachige Roman des aus China stammenden Autors eine regelrechte Odyssee hinter sich, die bis heute andauert.
Der Verlauf eines Buches
Nachdem das Taschenbuch ein paarmal innerhalb der USA von Küste zu Küste gewandert war, schaffte es schließlich den Sprung über den großen Teich. Hier gelangte es von Portugal nach Großbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Bulgarien, um nur einige zu nennen. Im Anschluss an eine Asienreise über Japan befindet sich der Roman momentan in Australien, genauer gesagt auf Tasmanien. Die nächsten Reisestationen in Kanada und den USA sind schon abgesteckt, so dass anzunehmen ist, dass diese literarische „Never Ending Tour“ noch eine ganze Weile anhält. Möglich gemacht wird ein solcher Trip kreuz und quer über den Globus von einem Phänomen aus dem Internet, genannt “Bookcrossing“.
Die Idee für eine Onlineplattform, bei der Bücher und Leseeindrücke ausgetauscht werden, kam Bookcrossing-Erfinder Ron Hornbaker im März 2001. Vier Wochen später waren Name, Konzept und Logo entwickelt und die Seite (www.bookcrossing.com) ging online. Nach einer eher gemächlichen Anfangsphase mit etwa 100 neuen Mitgliedern pro Monat, entwickelte sich die Seite ab 2002 explosionsartig. Mittlerweile verzeichnet die Community nach Angaben der Betreiber täglich 300 neue Mitglieder, 740.000 sollen es bereits sein.
Wie Bookcrossing funktioniert
Und so funktioniert Bookcrossing: Wer Mitglied ist und ein Buch besitzt, dass er „freilassen“ möchte, kann dieses Werk auf der Seite anmelden und erhält eine Identifikationsnummer, die auch auf dem Buch vermerkt wird. Nun sollte man sich einen geeigneten Platz zum „Aussetzen“ überlegen, etwa eine Parkbank, ein Café oder eine Bushaltestelle. Dann gilt es nur noch „loszulassen“ und zu warten, bis der Schützling einen Leser gefunden hat. Der neue Besitzer hat dann die Möglichkeit, über die ID-Nummer ein Lebenszeichen von dem Buch an die Community zu senden und seine Leseeindrücke zu beschreiben. Als nächstes wäre er dann an der Reihe, das Buch weiterzureichen.
Daneben gibt es andere Reisekonzepte, die in der Regel für eine zuverlässigere und raschere Weitergabe der Literatur sorgen. Bei sogenannten „Bookrings“ und „Bookrays“ etwa können sich Interessenten für ein bestimmtes Buch anmelden, welches dann direkt von Leser zu Leser verschickt wird.
Wer bei alldem neuen Vokabular zu verzweifeln droht, dem sei die deutsche Support-Seite www.bookcrossers.de ans Herz gelegt. Dort werden „Bookring“, „-ray“, „-box“ und „–relay“ genau erklärt und vieles andere Wissenswerte rund ums Bookcrossing bereitgestellt. Der Betreiber dieser Homepage nennt sich in der Unwirklichkeit des WWW Rudi Ferrari. Den mit einer solchen Seite verbundenen Aufwand nimmt er gerne auf sich, denn er ist selbst begeisterter Bookcrosser: „Für mich ist es so was wie die ,message in a bottle‘. Man lässt ein Buch frei und irgendwann hört man von diesem Buch. Mir gefällt auch der internationale Community-Gedanke daran. Bücher kennen nun mal keine Grenzen.“ Bookcrossing basiert darauf, mit Literatur unverhofft, scheinbar zufällig, konfrontiert zu werden, und steht damit im Gegensatz zu den gezielten Marketingkampagnen der Literaturbranche. „Der Literaturinteressierte hat ganz andere Möglichkeiten, Literatur zu entdecken“, meint Rudi Ferrari. „Sei es, indem man unerwartet ein Buch in der Freiheit findet oder in den Diskussionsforen auf interessante Erwähnungen trifft – man findet immer ein Buch, was einem neugierig macht und das man sonst sehr wahrscheinlich niemals in die Hand genommen hätte.“
Bookcrossing Bedrohung oder Unterstützung für den Literaturbetrieb?
Aber verläuft das Alternativmodell Bookcrossing wirklich so fernab der Mechanismen der Verlags- und Literaturbetriebe? „Also, die Buchbranche an sich sieht in Bookcrossing keine Bedrohung, allerdings auch kein Mittel zum Zwecke der PR. Ab und an bekommen wir Buchspenden von Verlagen oder Buchhandlungen“, verrät Rudi Ferrari. Und tatsächlich scheint es so, als verhalte sich die Literaturbranche bisher eher skeptisch gegenüber der mittlerweile achtjährigen Erscheinung.
So verfolgt der Suhrkamp-Verlag zwar das literarische Internetphänomen, aber „Pläne, Bookcrossing aktiv als Marketing-Maßnahme zu nutzen, gibt es bisher auch nicht, da wir uns momentan keine Breitenwirkung, d.h. Steigerung der Verkaufszahlen davon erwarten“, erzählt Denise Kratzmeier, die Assistentin der Geschäftsführung von Suhrkamp. Beim lokalen Verlagsnachbarn S. Fischer wurde zumindest in einer einmaligen Aktion der Kontakt zu der Bookcrossing-Community gesucht. Im Januar 2005 stellte der Verlag den Bookcrossern ein Exemplar von Gerhard Roths Mystery-Thriller Das Labyrinth zur Verfügung. Um dessen Reiseetappen zu koordinieren, wurde eigens ein „Bücherregal“ – so nennt sich das Sortiment eines Mitglieds – angelegt. Weiteren Kontakt oder Austausch zwischen der Bookcrossing-Gemeinde und S. Fischer gab es von dort an jedoch nicht mehr.
Obwohl der Ullstein Verlag einen ungleich höheren Aufwand betrieben hat, ist das Resultat ähnlich. Stolze 100 Exemplare von Federico Moccias Drei Meter über dem Himmel wurden vor drei Jahren, verteilt über zehn Städte, in die Freiheit entlassen. Ein ambitioniertes Unterfangen möchte man meinen. Tatsächlich gibt es heute von der Verlagsseite scheinbar niemanden mehr, der etwas über diese Unternehmung weiß und Stellung dazu beziehen könnte. Dabei hat Moccias moderne Liebesgeschichte recht hohe Wellen auf der Bookcrossing-Homepage geschlagen: Nahezu alle Bücher sind unterwegs und die meisten von ihnen haben bereits Wertungen und Kommentare erhalten.
Was passiert mit den Büchern?
Fehlende Reaktionen aus der Community waren dagegen gerade das Problem beim Verlagshaus Goldmann. In etwa 1000 Exemplare von Marc Costellos Paranoia brachte man in Umlauf. „Rückläufe von Lesern und Findern der Bücher hat es aber leider nur sehr, sehr wenige gegeben“, bedauert Claudia Hanssen, die die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Goldmann leitet. „2003, 2004, nach den ersten Erfolgen von Bookcrossing in Amerika, schwappte die Welle sozusagen nach Deutschland und natürlich haben auch wir hier dieses Phänomen interessiert beobachtet. Aufgrund des Romantitels Paranoia fanden wir die Idee, dass Bücher ihre Leser verfolgen, damals sehr reizvoll. So entstand diese Aktion.“ Aber warum dann so wenig Aufmerksamkeit von den Usern? Guter Wille und Enthusiasmus waren von Verlagsseite doch vorhanden, ganz zu schweigen von einer ziemlich stattlichen Anzahl gespendeter Bücher. Auf seiner Supportseite vermutet Rudi Ferrari, der Goldmanns Aktion ebenfalls registrierte, dass es möglicherweise ein Fehler war, Costellos Romane nicht direkt bei www.bookcrossing.com zu registrieren, sondern lediglich mit Hinweisen zu versehen. Daran scheint etwas dran zu sein, denn zwei der Paranoia-Exemplare wurden direkt als „Bookring“ angemeldet und haben mittlerweile zahlreiche Rückmeldungen erhalten, was bei den restlichen über 990 Romanen nicht unbedingt der Fall ist. Unzufrieden ist Frau Hanssen rückblickend aber trotzdem nicht: „In jedem Fall kann man sagen, dass das Projekt Aufmerksamkeit erzeugt hat. Von daher würde ich schon von Erfolg sprechen.“
Es gibt eben immer zwei Arten von Publicity: die der Bookcrossing-Community selbst, und die der „traditionellen Medien“, die nur allzu gern über Kooperationen mit Erscheinungen aus dem aufregenden „Web 2.0“ berichten. Davon kann auch Torsten Woywod ein Lied singen. Für die Buchhandlung Hagena organisierte er am vergangenen Welttag des Buches eine Bookcrossing-Aktion, die in der Stadt Kamen viel Aufsehen nach sich zog. 100 Bücher, gespendet von deren Verlagen, wurden an 20 verschiedenen Orten ausgesetzt. Beigelegte Anleitungen führten in den Umgang mit Bookcrossing ein. Das Resultat: „Das Interesse der Kamener und der regionalen Presse war außerordentlich hoch, nur von der Homepage selbst kam wenig Resonanz“, erklärt Herr Woywod. Für das Geschäft war der Event dennoch ein voller Erfolg, weshalb Herr Woywod auch von der Werbetauglichkeit von Bookcrossing überzeugt ist.
Bookcrossing-Gemeinde bleibt eher unter sich
Dennoch stellt sich die Frage, ob der Werbeeffekt sich nicht eher auf die gratis verschenkten Bücher bezieht, und weniger auf den weltweiten Austausch über Literatur in einer Online-Community. Es hat nach acht Jahren Bookcrossing den Anschein, als ob deren Gemeinde eher unter sich bleibt und auch bleiben wird. Feste Partnerschaften zwischen den Usern und der Literaturbranche sind nicht entstanden. Die Verlage und Buchhandlungen profitieren zwar von dem Prestige eines „Web 2.0“-Phänomens, aber an dessen Kerngedanken, dem Literaturdiskurs über alle Sprach- und Landesgrenzen hinweg, haben sie wenig Anteil.
Genauso wenig vermag Bookcrossing die traditionelle Literaturkritik und deren Institutionen zu ersetzen. Die Kommentare der Buchfinder stehen der kurzweilig-hektischen Form des „Twitterns“ näher als den vertiefenden Ausführungen des Feuilletons. Sie sind weniger dem fundierten Erkenntnisgewinn als vielmehr dem bunten Erfahrungsaustausch verpflichtet, aber gleichzeitig doch auch viel mehr als das. Bookcrossing ist die „Backpacker“-Antwort der Literatur auf das allzu gemütliche Einnisten im Elfenbeinturm, ein Medium der Begegnung für Gleichgesinnte auf der ganzen Welt, und nicht zuletzt ein Symbol für die alle Grenzen überwindende Kraft der Literatur.
Text von Nikita Mathias
www.bookcrossing.de
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